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Stadtflucht:Wer braucht da noch München? Bad Tölz boomt

Neubürger Zuzügler Frau Brill

Die 67-jährige Sibylle Brill wohnt in einer 180-Quadratmeter-Wohnung. In München hätte sie sich das nicht leisten wollen.

(Foto: Neubauer)

Neuer Rekord bei der Bevölkerung: Genau 123 735 Einwohner leben zwischen Loisach und Isar. Immer mehr Menschen drängen in die Region - vor allem aus der Stadt.

Zurück will sie nicht mehr, in das Dröhnen der Großstadt. Einmal die Straße hinunter, über die Brücke, ins Tölzer Kurviertel. Vorbei an der Isar, an den wuchtigen Bergen, an den Spazierwegen am Ufer. Hier, in einer Straße mit hellen Fassaden und akkurat geschnitten Bäumen, blickt Sibylle Brill auf ihre Terrasse. Zu hören: nichts. Im Winter dämpft der Schnee. Und selbst bei warmen Temperaturen, wenn ein kleiner runder Roboter-Rasenmäher über die bereits glatte Wiese fährt, gibt der keinen Ton von sich. Früher im Ruhrgebiet, in Hamburg und München, in der Enge der überfüllten Städte zu Hause, sagt die 67-Jährige heute: "Das mit der Großstadt? Das ist vorbei." Wer braucht die schon, wenn er Bad Tölz hat.

Während andere Landstriche in Deutschland darben, leere Fenster an den Häuserfassaden gähnen und die Bürgermeister nicht mehr wissen, wie sie den Verfall ihrer Dörfer und Kleinstädte noch aufhalten sollen, wächst der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen seit Jahren. München ist nah, die Stadt, in die so viele drängen, in der die Immobilienpreise steigen und steigen. Wer in Schwabing, Giesing oder der Isarvorstadt nichts findet oder erst gar nicht mehr suchen will, weitet seinen Blick mittlerweile auch nach Wolfratshausen, nach Geretsried oder Bad Tölz.

Die neuen Zahlen

Ende der Achtzigerjahre lebten noch keine 100 000 Menschen im Landkreis. Mitte vergangenen Jahres waren es genau 123 735 Einwohner, meldet das Landratsamt - ein neuer Bevölkerungsrekord. In den vergangenen drei Jahren zogen jährlich etwa 6000 Menschen zu, 5000 gingen fort - um rund 1000 Bewohner wächst der Landkreis demnach in jedem Jahr. 2014 waren es sogar 1300, allein 571 kamen aus München.

(Foto: SZ-Grafik)

Fragt man bei Landratsamt und Immobilienmaklern nach, hört man immer wieder ähnliche Antworten: Viele der Zugezogenen im Landkreis seien älter, suchten sich ein neues Domizil für den Ruhestand. Jüngere dagegen, gerade auch Familien, könnten sich die Mieten selbst im Münchner Umland oft nicht mehr leisten. Denn auch wenn die Durchschnittssätze etwas niedriger liegen als in der Landeshauptstadt - auch sie steigen, eben gerade weil so viele auf das Umland ausweichen.

In Brills Wohnung, auf 180 Quadratmetern, hat sich die 67-Jährige eine eigene kleine Bibliothek eingerichtet. Von der Decke hängt ein Kronleuchter, an den Wänden dunkle Holzmöbel. "In München hätten wir uns etwas Vergleichbares nicht leisten wollen, ich sehe nicht ein, solche absurden Preise zu zahlen", sagt Brill, weißes Polohemd, Jeans, Perlenkette. Letztendlich habe sie all die Angebote, mit denen die Großstadt ihre Bewohner umgarne, doch ohnehin nicht so intensiv genutzt wie man sich das vornehme. Zwei Firmen haben die 67-Jährige und ihr Mann in ihrem Leben aufgebaut, die Nähe zum Flughafen war wichtig, schnell beim Kunden und schnell weg von Zuhause. Feierabend um halb elf. "Damals war das gut so", sagt Brill.

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Nur der Biergarten fehlt

Ist sie früher mit ihrem Mann von der Stadt für einen Ausflug aufs Land rausgefahren, ist es heute andersherum. Wenn sie rausfahren, fahren sie in die Stadt. "Das Einzige, was in Tölz fehlt, ist ein richtiger Biergarten." Das war's.

Eines nämlich hat sich verändert: Blieb einem früher abseits der großen Städte vieles verwehrt, braucht es heute nur eine Verbindung ins Internet. Online-Shops senden nach Hause, Webseiten übertragen Konzerte, Lesungen sind auch nach dem Termin noch als Video abrufbar. Bei Brill etwa liegt das Postamt gleich um die Ecke, dort holt sie ihre Bestellungen ab, letztens eine antiquarische Ausgabe zur Philosophin Hannah Arendt. Ganz ohne Münchner Antiquariate abzusuchen. Ganz ohne raus aus Tölz zu fahren.

Die Entwicklung in den Kommunen

Nach den jüngsten Zahlen von Landratsamt und Landesamt für Statistik profitieren fast alle 21 Städte und Gemeinden im Landkreis vom Bevölkerungswachstum. An der Spitze steht die größte Stadt: Geretsried wächst im Fünfjahresvergleich um vier Prozent auf 24 164 Einwohner, während die Rate im Landkreis bei durchschnittlich zwei Prozent liegt.

Auch kleine Gemeinden können in der Größenordnung mithalten: Ebenfalls um vier Prozent klettern die Einwohnerzahlen in Gaißach auf 3079, in Königsdorf auf 3043 sowie in Reichersbeuern auf 2311.

Auf ein Wachstum von drei Prozent kommen Dietramszell mit 5408, Egling mit 5463 und Münsing mit 4250 Bürgern.

Bad Tölz verzeichnet einen gleichmäßigen Bevölkerungsanstieg, der mit zwei Prozent im Durchschnitt des Kreises liegt. Zuletzt lebten 18 255 Menschen in der Kurstadt.

Auf einen kleinen, aber leicht unterdurchschnittlichen Zuwachs von einem Prozent kommt Wolfratshausen. In der Flößerstadt lebten Mitte vergangenen Jahres 18 137 Einwohner. Ebenfalls rund ein Prozent mehr Menschen als noch im Jahr 2010 leben in Icking mit 3720, Sachsenkam mit 1300 und Schlehdorf mit 1224 Einwohnern.

Lenggries stagniert langfristig bei der Einwohnerzahl, auch wenn es zuletzt einen kleinen Anstieg auf 9858 Bewohner gab. Gleichbleibend sind auch Bad Heilbrunn mit 3780, Benediktbeuern mit 3559 sowie Bichl mit 2139 Einwohnern.

Sinkende Einwohnerzahlen gibt es im Fünfjahresvergleich nur in Eurasburg (4257, minus ein Prozent), Kochel am See (3992, minus drei Prozent), Wackersberg (3506, minus vier Prozent) und der Jachenau (838 minus vier Prozent).dac

Man muss aber auch sagen: Dass der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen so beliebt ist, dass die Region immer mehr Leute anzieht, bringt für die bereits heimisch Gewordenen aber auch Nachteile mit sich. Seit sieben Jahren lebt Brill nun mit ihrem Mann in Tölz. Nicht immer ist es in ihrer Wohnung so ruhig. Besser gesagt: nicht mehr. Da hinten, dort drüben - Brill deutet mit dem Finger hinüber zu den Bäumen, immer wieder werde neu gebaut im Kurviertel. Für Brill ist das zwar nicht gerade schön, aber erträglich. "Wenn man selbst eine so schöne Wohnung hat, kann man das Gleiche anderen nicht verwehren." Aber man muss nur ein paar Meter weiter gehen, um die genau gegenteilige Meinung zu hören.

Auch im Landkreis wird es enger

Hier, im dritten Stock, sitzt Manfred Hölscher am Esstisch, Professor emeritus, früher Chirurg an einem Münchner Klinikum. In der Wohnung, von der er dachte, dass sie ihm bleiben werde - nun aber doch Zweifel hat, ob er wirklich bleiben will. Dachgeschoss, 118 Quadratmeter, abzüglich Schrägen. Auch Hölscher deutet hinüber aus dem Fenster, dort drüben war das berühmte Freizeitbad Alpamare, es hat im vergangenen August zugemacht. Nebenan im Hotel Jodquellenhof wohnten schon Asylbewerber, daneben schon wieder eine große Baustelle.

Alpamare in Bad Tölz

Ende eines Spaßbads

Zwischen all dem ragt das Wohnhaus, in dem Hölscher und seine Partnerin seit 2013 leben - um das Gebäude herum aber ist nichts mehr wie es damals war, als das Paar nach Tölz zog. Der Jodquellenhof war noch in Betrieb, das Schwimmbad Alpamare geöffnet. Kuchen im Speisesaal, Runden im Becken. Für das Paar war das mitunter ein Grund die Wohnung zu nehmen. Und nun? "Ist nichts davon übrig", sagt Hölscher und verzieht das Gesicht. Man erkennt seinen Gram. "Wir wollten hier unsere Ruhe haben, zudem war die Wohnung etwas günstiger als eine vergleichbare in München", sagt der 72-Jährige. Der Preisvorteil ist geblieben, die Ruhe aber vermissen sie. Und nicht nur die.

Während Brill nur ein paar Meter weiter das Gefühl hat, dass es ihr in Tölz an nichts mangelt, fehlt es Hölscher an vielem: an nahen Einkaufsmöglichkeiten, kostenlosen Parkplätzen, Schwimmbädern. Alles müsse man mit dem Auto erledigen, Tölz lebe nur für sich selbst, sagt Hölscher. Die Zugezogenen seien doch nur willkommen, weil sie Geld brächten. Er und seine Frau wollen deshalb wieder fort. Nicht in die Landeshauptstadt, dort wären ihnen die Mieten mittlerweile zu hoch. Lieber in eine kleinere Stadt wie Würzburg oder Oldenburg. Die Nähe zu München? Die muss nicht mehr sein.