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Immer mehr Pendler:Leben hier, arbeiten dort

Jeder zweite Angestellte pendelt mittlerweile zum Job über die Landkreisgrenze. Das verstopft vor allem die Straßen, aber auch die Züge. Doch der Ausbau stockt.

Was für die einen den Inbegriff von Sommer und Erholung darstellt, ist für Hans Spindler der tägliche Weg zur Arbeit: Frühmorgens und abends fährt er mit dem Rad am Münchner Flaucher vorbei die Isar entlang, der kühlen Ader der Stadt und dem Lieblingsort vieler Einheimischer. Spindler ist Leiter der Veranstaltungsabteilung des Kreisverwaltungsreferats in München, lebt aber im Eglinger Ortsteil Deining. Damit ist er einer von zahlreichen Menschen, die im Landkreis wohnen, aber außerhalb arbeiten. Kurzum: ein Pendler.

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Und diese werden immer mehr, das belegen die jüngsten Zahlen der Agentur für Arbeit in Rosenheim: Demzufolge leben im Landkreis 48 377 Menschen, die einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachgehen. Doch 22 422 von ihnen arbeiten außerhalb des Landkreises, so wie Spindler. Die meisten von ihnen, nämlich 7751, pendeln täglich in die Stadt München, knapp 4000 in den Landkreis München. 2780 fahren zur Arbeit in den Nachbarlandkreis Weilheim-Schongau.

Nichts geht mehr, morgens und abends: Viele Landkreisbürger pendeln, stehen aber immer öfter im Stau wie hier an der Sauerlacher Straße.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Natürlich stehen diesen sogenannten "Auspendlern" auch "Einpendler" gegenüber, die von außerhalb in den Landkreis zur Arbeit fahren. 9771 solcher Menschen zählt die Agentur für Arbeit derzeit. Für Landrat Josef Niedermaier (FW) sind die Zahlen an Ein- und Auspendlern nicht im Missverhältnis: "Man muss vielmehr die Region im Gesamten sehen, und dann nähern sich die Zahlen schnell an. Schließlich haben wir insbesondere in unmittelbarer Kreisgrenze große Betriebe wie Roche und Hexal", gibt er zu bedenken.

Dennoch hat dieser stetig steigende Trend zur Mobilität deutliche Auswirkungen. Nicht alle können oder wollen für das tägliche Pendeln zur Arbeit auf das Rad umsteigen, so wie Spindler, oder auf Bahn und S-Bahn. Die Folge ist eine zunehmende Belastung des Straßennetzes, beklagen die Kommunen.

Die Gemeinde Kochel schlägt deshalb gerade Alarm: Die Verkehrsbelastung werde "immer unerträglicher". Das erklärte Bürgermeister Thomas Holz (CSU) kürzlich bei einem Termin mit dem Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, Norbert Barthle, und dem Bundestagsabgeordneten Alexander Radwan. Zwar sind es gerade in Kochel mitunter zahlreiche Ausflügler, die den Verkehr ausmachen. Aber auch der Umfahrungs- und Ausweichverkehr der Schlangen am Ende der Autobahn A 95 bei Oberau nimmt laut Holz stetig zu. Stundenlange Staus zwischen Schlehdorf und Kochel und weiter bis zum Walchensee seien die Folge.

Auch aus Sicht von Niedermaier nehme der Pendelverkehr in und aus dem Landkreis spürbare Ausmaße an. Seiner Meinung nach müssten deshalb "vor allem die Ost-West-Achsen im Landkreis optimiert werden", erklärt er. Aber: "Eine Bahnlinie Tölz-Bad Heilbrunn-Penzberg wird es in absehbarer Zeit nicht geben", ist er sicher. Deshalb bliebe als Lösung nur, das bestehende Straßennetz zu optimieren.

Auch der Landtagsabgeordnete Florian Streibl (FW) möchte die Sanierung respektive den Ausbau des Staatsstraßennetzes im Oberland forciert sehen - und hat deshalb kürzlich eine entsprechende Anfrage zum Plenum gestellt. Er wollte auf das Oberland bezogen wissen, in welchem Umfang der 2011 veröffentlichte Ausbauplan für die bayerischen Staatsstraßen bislang umgesetzt wurde. Die Erkenntnis: Von den 19 Projekten in den vier Landkreisen des Oberlands, darunter auch Bad Tölz-Wolfratshausen, befinden sich neun noch nicht einmal in der Planungsphase. Immerhin: Die Isarbrücke bei Tattenkofen ist inzwischen instandgesetzt, für die Ortsumfahrung Einöd werden die Planfeststellungsunterlagen aufgestellt. Im Landkreis aber noch nicht in der Planung sind zwei weitere Projekte aus dem Jahr 2011: Der Ausbau der Staatsstraße 2065 mit einer Ortsumfahrung südlich von Sankt Heinrich und der Ausbau der Staatsstraße 2072 südlich von Einöd. "Der Freistaat schreibt sich seit Jahren auf die Fahnen, gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Teilen des Freistaates schaffen zu wollen", sagt er. Doch "leider tut sich hier zu wenig", kritisiert Streibl.

Hans Spindler setzt derweil weiter auf das Fahrrad, zumindest so lange, wie es ihm das Wetter erlaubt. Und wenn es nach ihm ginge, dann ist es nicht der Ausbau der Straßen, der Priorität haben sollte. Sowohl als Pendler wie auch als ehrenamtliches Mitglied der Eglinger Energiewende plädiert er für eine stärkere Konzentration auf den Öffentlichen Nahverkehr, vor allem in den ländlichen Kommunen. Schließlich komme die andere Alternative, nämlich der Umzug in Wohnortnähe, für ihn und seine Familie wie eben auch für viele andere Pendler nicht infrage: "Wir haben uns bewusst für den Landkreis entschieden und das auch nie bereut."

70 Zug-Ausfälle bei der Oberlandbahn

Was für Pendler mit Auto Staus sind, sind für Zugfahrer Verspätungen und Ausfälle: Widrigkeiten, die an den Nerven zerren. Bei der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) gibt es derzeit für die Fahrgäste einen "nicht akzeptablen Einbruch" der Qualität, so heißt es in einer Mitteilung der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) vom Donnerstag. Die BEG zitierte deshalb die BOB-Geschäftsführung zu sich. Der BEG zufolge hatte die BOB bereits im Januar dieses Jahres mit einer durchschnittlichen Pünktlichkeit von 76,8 Prozentpunkten "den mit Abstand schlechtesten Wert aller bayerischen Verkehrsunternehmen" erreicht. Massive Fahrzeugprobleme führten zudem zu zahlreichen Zugausfällen, Verspätungen und Zugkürzungen, meist verbunden mit unzureichenden Fahrgastinformationen. Nach einer kurzen Phase der Verbesserung verzeichnete die BEG in den vergangenen Wochen erneut erhebliche Verschlechterungen. Neben rückläufiger Pünktlichkeit waren die Fahrgäste im Oberland allein seit dem 6. Juni von über 170 Zugkürzungen sowie rund 70 Zugausfällen betroffen, meist aufgrund von Fahrzeugstörungen oder mangelnder Fahrzeugverfügbarkeit. "Hinzu kommen nach wie vor ungelöste Probleme bei den Klimaanlagen, nicht nachvollziehbare betriebliche Entscheidungen, mangelnde Fahrgastinformationen sowie eine Reihe von vermeidbaren personalbedingten Verspätungen oder Ausfällen", bedauert BEG-Geschäftsführer Thomas Prechtl. Die BOB habe inzwischen einen umfassenden Maßnahmenkatalog für einen nachhaltig stabilen Betrieb und dauerhaft zuverlässige Fahrgastinformationen vorgelegt. cjk