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Kommunalwahl 2020 in Geretsried:Wer wird's?

Kommunalwahl 2020

Bürgermeisterkandidaten daheim: Mit Kopfhörern auf dem Wohnzimmerboden, und dann Abba oder Brahms hören – Michael Müller.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Eine Frau und drei Männer bewerben sich um das Amt des Geretsrieder Bürgermeisters. Die SZ hat sie zu Hause besucht und zu politischen Zielen und persönlichen Interessen befragt

Man muss schon sehr genau hinsehen, um auf dem Plakat ganz klein Löwe und Raute zu entdecken. Den Schriftzug CSU aber wird man vergeblich suchen. Michael Müller, vor sechs Jahren als Kandidat der CSU ins Amt des Geretsrieder Bürgermeisters gewählt, setzt diesmal ganz auf seinen Namen: "Ein Bürgermeister muss wählbar sein", ist seine Erklärung für das Fehlen des Partei-Logos. Nicht gerade ein typisches CSU-Plakat. "Ich bin auch kein typischer CSU-Mann."

Das wird bestätigen, wer erlebt hat, wie Müller mit dem Thema Flüchtlinge umgegangen ist. Als im Krisenjahr 2015 auch in Geretsried Hunderte Asylsuchende unterzubringen waren, hat er sich nachdrücklich für eine offene und integrative Stadt stark gemacht. Im Rathaus wurde eigens eine Stelle zur Asylkoordination geschaffen, die mit einer Kopftuch tragenden Muslima besetzt wurde.

Eine schwierige Zeit damals, für alle Kommunen. Mit wem berät er sich in solchen Situationen? Sehr schnell kommt die Antwort: Mit seinem Parteifreund Gerhard Meinl und, als dieser noch lebte, mit dem SPD-Mann Walter Büttner. Beide hat er als politisch denkende Menschen mit Weitblick wahrgenommen. Meinl wirkt freilich eher wie der typische CSU-Mann, von dem man nicht unbedingt eine offensive Haltung pro Flüchtlinge erwarten würde. Müller sagt dazu: "Es nützt nichts, wenn Sie sich mit Leuten umgeben, die Ihnen nach dem Mund reden." Man müsse schon auch andere Meinungen einbeziehen und "um Kompromisse ringen".

Kritik allerdings steckt Müller nicht so leicht weg, nimmt sie gelegentlich nachhaltig übel, so dass selbst Parteifreunde schon halböffentlich geäußert haben, er müsse sich ein dickeres Fell zulegen.

"Müller macht's" ist sein Slogan in diesem Wahlkampf. Da ist er sehr selbstbewusst. "Es ist schon das, wofür ich stehe - dass ich die Dinge anpacke und voranbringe." Diesen Willen, es zu "machen", habe er bereits vor sechs Jahren gehabt. Zwei Jahre vor der Wahl habe er damals mit seinen Hausbesuchen begonnen, knapp 5000 sollten es am Ende sein. "Den Leistungswillen hatte ich immer schon", sagt der 50-jährige gelernte Bankkaufmann und studierte Volkswirt. So hat er gleich nach Amtsantritt das Ruder in der Stadtentwicklungspolitik einmal komplett herumgerissen und den Ausbau des Karl-Lederer-Platzes zum Stadtzentrum befördert.

Jetzt noch die Egerlandstraße, so sagt er, dann könne die Böhmwiese angegangen werden. Dort erst sieht er die Chance für einen Kultur-Standort - persönlich würde er sich eine kommunale Kunstgalerie wünschen -, der endlich das bringen könnte, was ein Zentrum erst ausmache: "Identifikation". Müller hat dies schon bald nach seinem Amtsantritt ähnlich geäußert. In sechs Jahren ist daraus nichts geworden. Er habe sich, so erklärt er das, in der Einschätzung geirrt, wie lange es mit der dazu nötigen Verlegung der Bundesstraße 11 dauern werde. Als die B 11 im Bundesverkehrswegeplan aufgenommen war, "da waren wir schon euphorisch", aber nun dauere und dauere es. Wann also sieht er die kulturelle Stadtentwicklung ab? "In fünf bis sieben Jahren." Man müsse schon noch "ein bissel Hirnschmalz reinstecken".

Müller macht's - warum eigentlich? Er wolle mitgestalten, sagt er. Dass er als junger Mann Ende der Achtziger in die CSU eingetreten sei, habe seiner damaligen "eher konservativen Grundhaltung" entsprochen. Aber innerhalb der CSU sei er schon "Mitte-links" gewesen, habe auch der Christlich-sozialen Arbeitnehmerschaft (CSA) angehört. Die Themen Arbeit und gerechte Entlohnung hätten ihn umgetrieben; Fragen wie: "Kann es sein, dass ganz wenige viel haben und ganz viele wenig?" Und es sei ihm klar geworden, dass von damals noch 60 Millionen Deutschen nur fünf Prozent parteipolitisch organisiert waren. "Unser politisches System liegt in den Händen ganz weniger." Da müsse man schon selber mitmachen.

Dieses Mitmachen bedeutet, wenn man Bürgermeister ist, kaum einen freien Abend. Zum Ausgleich hört Müller gern Musik - von Abba bis Brahms - liest und unternimmt "Themenreisen". So hat er sich vor einigen Jahren mit dem Limes befasst und ist ihn dann abgefahren. Jetzt hat es ihm die Eiszeitkultur angetan - "auf den Spuren menschlicher Entwicklung zwischen Schwäbischer Alb und Altamira, Chauvet und Lascaux".

Anders kommunizieren

Larry Terwey nennt sich selbst "komplett frustrationsresistent". Lachend sagt der 54-jährige IT-Manager und Vater einer weit verzweigten Patchwork-Familie, ihn bringe so schnell nichts aus der Ruhe. In der FDP hat er nun offenbar seine politische Heimat gefunden: "Wenig Verbote, maximale Selbstbestimmung", das schätze er. Terwey hat seine berufliche Laufbahn als Postbeamter begonnen und sich politisch, damals im Chiemgau, noch für die SPD engagiert, später in Wolfratshausen für die Bürgervereinigung (BVW) zum Stadtrat kandidiert. Und nun die Liberalen? "Ich bin heute viel stärker ein Mann der Wirtschaft", sagt er, der inzwischen für ein IT-Unternehmen europaweit auf Achse ist. "Mein Auto ist mein Zweitwohnsitz." Flughafen München, Hannover, Wien, die Schweiz, 80 000 bis 100 000 Kilometer pro Jahr. Da ist der Klimaschutz wohl nicht gerade sein Hauptthema? Er lacht und widerspricht: "Ich fahre elektrisch und hundert Prozent Öko-Strom."

Kommunalwahl 2020

Schnell noch was für die Arbeit am Laptop erledigen, aber dennoch zu Hause bei der Familie sein – Larry Terwey (FDP).

(Foto: Hartmut Pöstges)

Tatsächlich ist ihm ein anderes Thema aber vorrangig: die Familie. Mit seiner eigenen, zu der auch drei angeheiratete kleine Kinder gehören, hat er in Geretsried die Erfahrung gemacht, dass es "höllisch schwierig" sei, einen Kindergartenplatz zu finden. Das sollte sich ändern, ist eine seiner politischen Forderungen. Eine andere: Bauen und Infrastruktur müssten ganzheitlich geplant werden. Er wolle keinem Unrecht tun, sagt Terwey, aber sein Eindruck sei doch, dass Karl-Lederer-Platz, Egerlandstraße und Böhmwiese in ihrer Entwicklung zu isoliert behandelt würden. Geretsried habe in der Vergangenheit vieles richtig gemacht, sagt er. Dass die Stadt ein guter Schulstandort sei etwa, attestiert er der Vorgängerin von Michael Müller, der damals parteilosen Bürgermeisterin Cornelia Irmer.

Unter Müller hingegen mangle es an Kommunikation mit den Bürgern. Er wünsche sich "regelmäßigen Austausch - das muss man breit aufstellen - und mehr Transparenz". Ihm persönlich sei Müller bisher stets freundlich begegnet; aber im Umgang mit Mitarbeitern und Stadträten sei er gelegentlich "respektlos", findet Terwey. Und stellt fest: "Da sitzen dreißig gestandene Männer und Frauen und lassen sich das gefallen."

"Love it, change it or leave it", zitiert der FDP-Kandidat ein bekanntes Motto und betont, "diese Change-Komponente" sei ihm wichtig. Und dass sich überhaupt etwas rührt. "Stillstand ist für mich die Hölle. Ich bin immer in Bewegung, körperlich und geistig." Eine große Begabung liegt dabei inzwischen brach. Terwey, dessen Mutter Musiklehrerin war, hat x Instrumente gelernt, Cello, Bratsche, Blockflöte, Gambe, Krummhorn - man kommt mit der Aufzählung kaum mit. Er spielt aber so gut wie nicht mehr. "Ich höre jetzt Musik, Klassik, Vivaldi zum Beispiel, aber auch Hubert von Goisern", sagt er und deutet auf eine gute Stereoanlage im Wohnzimmer. Ein Fernsehgerät gibt es hingegen im Hause Terwey nicht, und niemand vermisse es.

Alternativ wirtschaften

Musik ist auch für Martina Raschke ein wesentliches Element, denn sie tanzt leidenschaftlich. Gemeinsam mit ihrem Mann lädt sie gern mal zu einer Party ins eigene Haus in Gelting, auf der zu Musik der Achtziger abgerockt wird. Bon Jovi, Meat Loaf, AC/DC seien einige ihrer Favoriten, sagt sie. Und Abba, unter dem Motto gab's sogar schon ein eigenes Fest im Partykeller: Erst der Film, dann Musik und Tanz.

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Das neueste Buch über eine politisch aufgeweckte Jugend im Ohrenbackensessel lesen – Martina Raschke (Grüne).

(Foto: Hartmut Pöstges)

Raschke ist ganz neu in der Kommunalpolitik - und war sogar für die Partei, deren Mitglied sie inzwischen geworden ist, eine Überraschungskandidatin. Die Geretsrieder Grünen hatten nämlich längst öffentlich abgewinkt: keine eigene Bürgermeisterkandidatur. Aber der grüne Landratskandidat Klaus Koch hatte die 58-jährige selbständige Nachhaltigkeitsberaterin und Mediatorin gefragt, ob sie nicht auf der Kreistagsliste kandidieren wolle. Da sei bei ihr gedanklich etwas "in Bewegung gekommen", sagt Raschke. Sie habe vor allem überlegt, warum es ausgerechnet in der größten Stadt des Landkreises keine Fridays-for-Future-Bewegung gibt. "Das fand ich total irritierend. Was ist denn eigentlich hier los? Aber die Bewegung hat doch Recht." Sie habe intensiv über all das nachgedacht, sich mit ihrer Familie besprochen und den Grünen schließlich erklärt: Ja, sie sei bereit zu kandidieren, und zwar als Bürgermeisterin, Stadtratslistenführerin und für den Kreistag. So viel auf einmal? Da hätten einige doch ziemlich gestaunt.

Nun geht sie mit einem eigenen Ansatz in die Bürgermeisterwahl. Zwar hat sie wie alle Grünen auch den Klimaschutz im Programm. Vorrangig aber ist ihr "der Dialog mit der Wirtschaft". Denn dies sei, so sagt sie, der Ansatzpunkt für einen "Transformationsprozess". Raschke möchte der Gemeinwohl-Ökonomie den Weg ebnen. Das Stichwort "GWÖ" umfasst ein ethisches Wirtschaftsmodell, welches "das Wohl von Mensch und Umwelt" zum obersten Ziel erklärt. Die eigenen Mitarbeiter, aber auch Lieferwege, Rohstoffe und vieles mehr würden einbezogen in ein Bewertungssystem, erklärt Raschke. Maßstab allen Handelns sei nicht maximales Wachstum. "Wohlstand entsteht nicht ausschließlich durch finanzielles Wachstum, sondern zum Beispiel durch einen Zuschuss an die Mitarbeiter für Kindergartenplätze oder Werkswohnungen oder MVV-Tickets."

Raschke hat bereits einige Unternehmen in Geretsried persönlich besucht. Das GWÖ-Konzept aber würde sie im Fall ihrer Wahl gern am Beispiel der Stadtwerke Geretsried realisieren. Andere Kommunen machten es bereits vor, sagt sie, Peißenberg und Wessobrunn etwa. "Es geht."

Was den Klimaschutz angeht, sieht Raschke Geretsried sehr kritisch: "Da ist sehr viel Fake passiert", lautet ihr Urteil. So sei die Stadt von der Bürgerstiftung Energiewende - die Raschke selbst mitbegründet hat - mit einem Solarpreis ausgezeichnet worden. Dies aber nur, weil das in Gelting ansässige Logistikunternehmen Loxxess auf seinem riesigen Dach Photovoltaik installiert habe. "Darauf kann man sich nicht ausruhen", sagt Raschke. Vielmehr müsse die Stadt gezielt Privatleute überzeugen. "Wir brauchen auf jedem zweiten Dach Fotovoltaik, um annähernd unsere Ziele zu erreichen." Im Übrigen sei auch die Windkraft für sie "kein Tabu-Thema", sagt die Grünen-Kandidatin. "Falls das helfen würde, würde ich mich nicht scheuen, diese Diskussion anzuzetteln."

Verbindlich bauen

Kommunalwahl 2020

Ein guter Cappuccino geht immer – Wolfgang Werner (SPD).

(Foto: Hartmut Pöstges)

Manchmal träume er noch vom Eishockey, erzählt Wolfgang Werner. Gespielt hat er aber zuletzt vor zehn Jahren. Der 44-jährige Finanzbeamte, der seit 23 Jahren in der SPD ist und dafür "ursozialdemokratische" Gründe nennt - "für den Arbeiter, für den kleinen Mann" -, stand als junger Mann vor der Frage, ob er Profi-Eishockeyspieler werden wollte. Er habe sich damals für die Ausbildung im Finanzamt und gegen die Sportkarriere entschieden, sagt er: "In dieser Hinsicht war ich konservativ."

Dem Sport ist Werner dennoch treu geblieben, er ist Referent des Stadtrats für dieses Ressort. Das gebe ihm "innere Befriedigung", sagt er, wenn er etwa durch die von ihm geschaffene Reihe "Wo drückt der Turnschuh?" Vereinen helfen könne.

Im Jahr 2009 kam Werner erstmals als Nachrücker in den Geretsrieder Stadtrat; 2014 wurde er regulär gewählt. Dass er sich diesmal zu einer Bürgermeister-Kandidatur entschlossen hat, vertritt er demonstrativ selbstbewusst. Er wolle das Amt, betont er ein ums andere Mal. Und: "Keiner kommt als Bürgermeister auf die Welt." Er wolle "einen eigenen Stil reinbringen", sehr freundlich und alle einbeziehend. Der nächste Stadtrat werde mehr Fraktionen haben, so seine Prognose, da diesmal neben CSU, Freien Wählern, SPD und Grünen auch die Geretsrieder Liste rund um den bisherigen CSU-Stadtrat Volker Reeh antritt. Die SPD, deren Niedergang allenthalben beklagt wird, sieht Werner in Geretsried "am Scheideweg". Zwar kämpfe sie hier nicht ums Überleben - "noch haben wir die Leute" -, dennoch müsse jeder Einzelne "noch mehr kämpfen als vor sechs Jahren".

Als oberstes Ziel der politischen Arbeit nennt Werner die Wohnungspolitik. Er stehe für drei Punkte: ein Konzept zur sozialgerechten Bodennutzung, einen qualifizierten Mietspiegel und maßvolle Nachverdichtung. Bürgermeister Michael Müller berufe sich ja immer auf das Geretsrieder Modell, sagt Werner, dieses sei aber bisher nur für die Banater Straße vorgesehen und nicht als verbindlich für alle Bauvorhaben festgeschrieben.

Werner teilt die Kritik, dass Müller ein zu dünnes Fell habe: "Wenn etwas gegen seinen Strich läuft, kann er beleidigt sein und lässt das sein Gegenüber spüren." Er hebt das aber in keiner Weise hervor, betont vielmehr: "Er hat sich keine großen Schnitzer geleistet." Mit dem Amtsinhaber teilt er das Ziel, Kinderbetreuung und Schulen auszubauen. Der dritte Grundschulstandort sei unbedingt erforderlich; die Frage, wo, aber noch offen.

Wie wichtig ein Dach über dem Kopf ist, haben Werner, seine Frau und der damals sechsjährige Sohn Yannick-Cäsar ("Wir nennen ihn Cäsar") am eigenen Leib erfahren. Sie wohnen in jenem Mietshaus der Baugenossenschaft, das in der Silvesternacht 2017/18 durch einen Feuerwerkskörper in Flammen stand. Die Wohnung der Familie Werner war monatelang nicht zu beziehen: "Am Anfang waren wir obdachlos." Stadt und BG hätten zwar schnell reagiert, so dass sie damals in eine andere freie Wohnung einziehen konnten. Die aber war völlig unmöbliert und musste notdürftig eingerichtet werden. Erst nach einem Dreivierteljahr konnte die Familie zurück in die sanierte eigene Wohnung. Werner und seine Frau belohnten sich für die schwere Zeit mit einer top-modernen und gut ausgestatteten neuen Küche. Ja, sagt Werner, während er dem Gast per Knopfdruck einen Cappuccino zubereitet, er koche auch gern, ganz bodenständig: "Hausmannskost."

© SZ vom 12.02.2020