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Flussfestival ohne Fluss:Champions der Choreografie

5. Flussfestival Wolfratshausen 2021

Akrobatik in einer Sommer-Nacht.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Dominik Halamek inszeniert wieder einmal ein rauschendes Fest der Sinne. Die Verschiebung von der Loisach auf den Schulhof meistern die Künstler mit Leichtigkeit

Von Wolfgang Schäl

Es war ein grellbuntes, rauschendes Fest der Sinne, wie gemacht, um diese trübseligen Pandemietage in Farbe zu tauchen. Dass der Tänzer und Choreograf Dominik Halamek unter ungünstigen Voraussetzungen Menschen verzaubern kann, hat er, auch schon unter Corona-Bedingungen, im vergangenen Herbst bewiesen, als er trotz rigider behördlicher Auflagen die Loisachhalle in ein Tollhaus verwandelte. Beim diesjährigen Fluss-Festival waren die Vorzeichen noch ungünstiger - weil sich die Loisach als reißende braune Flut in ihrem Flussbett wälzte, hatte das Wasserwirtschaftsamt kurzfristig ein Veto eingelegt und die Bespielung der schwimmenden Ponton-Bühne auch am Dienstag verboten; für Halamek kein Grund, unter Berufung auf höhere Gewalt zu resignieren.

Ihm gelang es, äußerst kurzfristig einen alternativen Veranstaltungsort zu finden: den nahegelegenen Pausenhof der Grund- und Mittelschule am Hammerschmiedweg, die sich spontan bereit erklärt hatte, die Fläche zur Verfügung zu stellen. Da bedurfte es nur noch eines hochprofessionellen Technikerteams, dem es prompt gelang, die Bühne samt Scheinwerfern und Tonanlagen innerhalb eines Tages zu installieren. Und weil zum Glück auch das Wetter gnädig gestimmt war, wurde Halameks Programm "Summer Nights", eigens für Wolfratshausen zusammengestellt, zu einem fulminanten kulturellen Gute-Laune-Ereignis. Dass das Publikum "seinen" Halamek zu schätzen weiß, war dabei schon vor dem Beginn klar, das weitläufige Pausenareal war bis auf den letzten Platz besetzt, trotz Maskenpflicht, die allerdings relativ lax eingehalten wurde. Die Vorstellung war ein Fest für alle Sinne, vom Beginn an, als die Akteure in einem piekfeinen roten Chevrolet aus den Sechzigerjahren herbeirollten, bis zum dröhnenden, hinreißenden Finale. Dazwischen gelang es der neunköpfigen Truppe mühelos, ihr Publikum mit einer wirkungsvollen Mitmach-Strategie buchstäblich von den Stühlen zu holen - Freude und Begeisterung pur für ein pandemiemüdes, dankbares Publikum.

Halamek schaffte es einmal mehr, eine raffinierte, mit ironisch-komischen Elementen durchsetzte Choreografie zu vermischen mit artistischen Einlagen - gekonnt inszenierte Anspielungen auf eine amerikanische Showbiz-Welt, die sich womöglich zu ernst nimmt. Nach einer furiosen Nummer muss eine Tänzerin da schnell mal beim Abgang von der Bühne stolpern und kläglich hinaushumpeln. Das alles spielt sich in einer atemberaubend schnell wechselnden Szenenfolge ab.

5. Flussfestival Wolfratshausen 2021

Im Wechsel von Kostümen...

(Foto: Hartmut Pöstges)

Da taucht ein finsterer schwarzer Mann mit Stirnlampe auf, plötzlich wechselt das Bühnenbild und das Publikum sieht sich einer Italowestern-Atmosphäre gegenüber, die dann aber flugs einer steptanzartigen Einlage und dem Lied vom "Big Spender" weicht, der seiner Geliebten zum Geburtstag schnell mal einen Straßenkreuzer schenkt.

Die Showgirls in ihren Glitzerröckchen sind bei alledem gegenüber der angestrengten Männlichkeit nicht prüde: "Na komm schon, du Knackarsch." Der Adressat dieser freizügigen Aufforderung verfügt über einen solchen nebenbei bemerkt auch wirklich, wovon sich die Damen bei der grandiosen, auf einem Arm praktizierten Handstand-Nummer des athletisch gebauten Tänzers überzeugen konnten.

5. Flussfestival Wolfratshausen 2021

... und Szenerie sind Halamek und sein Team Meister.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Dazwischen gab es auch immer wieder poetische Elemente, so etwa einen Flammen-Mann, der urplötzlich aus dem finsteren Zuschauerraum auftaucht, sowie ein kreatives Kreisen rund um das Nonsenswort "supercalifragilisticexpialidocious" aus dem Musical Mary Poppins, das Halameks Akteure zu einer virtuos-amüsanten Zungenbrecher-Nummer verarbeitet haben. Dafür musste man schon sehr lange geübt haben.

Nach zweieinhalb Stunden einer mitreißenden Flut rasant wechselnder Bilder und Klänge waren die Gäste der "Sommernacht" nahezu erschöpft, aber erkennbar glücklich. Nach Hause geschickt wurden sie mit der in Pandemie-Zeiten willkommenen Hymne von Freddie Mercury, in der es ums Durchhalten geht. "We are the champions".

© SZ vom 22.07.2021
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5. Flussfestival Wolfratshausen 2021

Die Erwartungen des Publikums hat die Musical-Show wieder einmal erfüllt.

(Foto: Hartmut Pöstges)

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