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Extremjahr für die Bäume:Stressgeplagt

Ein Waldspaziergang mit Revierförster Sebastian Schlenz zeigt, welche Spuren die Hitze hinterlassen hat: Laubbäume, die im August aussehen als sei schon Oktober sowie viele Eicheln und Bucheckern am Boden.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Trockenheit der vergangenen Wochen setzt den Wäldern im Landkreis zu. Sie leiden unter einem Hitzeschock. Ein Besuch im Geretsrieder Stadtwald.

Ein Vormittag Ende August im Stadtwald von Geretsried. Wochenlang betrugen die Temperaturen mehr als 30 Grad. Durch die 20 Zentimeter dicke Humusschicht und den darunterliegenden Kiesboden ist die Nässe des letzten Regenschauers längst versickert. Der Waldboden ist trocken, dürre Zweige knacken unter den Schritten von Sebastian Schlenz. Der 33-Jährige ist hier der Revierförster. Er beobachtet die Baumarten seit Jahren und kennt ihre Anpassungsmechanismen an die Trockenheit genau. Buche, Fichte, Bergahorn, Weißtanne, sie alle reagieren ganz individuell auf Hitze und Dürre dieses Sommers. Doch selbst wenn manche Baumarten weniger gestresst von den hohen Temperaturen und der Trockenheit sind als andere, unter einem Hitzeschock leiden sie alle.

Schlenz spricht von "Extremjahren für den Wald". In der Summe habe es in den vergangenen drei Jahren viel zu wenig geregnet. Das sei den Wäldern "ganz extrem" anzusehen. Auch der Laie kann das deutlich erkennen. Laubbäume, die im August aussehen, als sei schon Oktober. Braunes Herbstlaub am Straßenrand. Ungewöhnlich viele abgeworfene Eicheln und Bucheckern am Boden. "Der Wald leidet schwer", sagt auch Schlenz' Kollege Peter Melf, Förster im Revier Dietramszell.

Besonders auffällig sind in diesem Sommer die Buchen. Ihre Wurzeln dringen nicht so tief in die Erde ein wie die der Eichen. Deshalb leiden sie stärker am Wassermangel und reagieren. "Die merken, es wird zu trocken und machen auf Herbst", sagt Schlenz. Weil die grüne Blattmasse ständig Wasser benötigt, die Wurzeln aber keines mehr aus dem Boden aufnehmen können, ist der Baum überfordert, die Blätter verfärben sich, werden abgeworfen. Bucheckern und Eicheln seien oft kleiner, viele nicht keimungsfähig, sagt Revierförster Schlenz. Indem die Bäume Blätter und Früchte frühzeitig abwerfen, sparen sie Energie und können sich bis zum nächsten Frühjahr erholen. Sie verzeichnen so zwar Zuwachsverluste, bilden also weniger Holz aus, immerhin aber sterben sie nicht ab.

Anders die Fichte. Der Nadelbaum, ursprünglich in borealen Breiten beheimatet, ist der große Verlierer des Klimawandels. Die Kombination aus Hitze und Trockenheit bringt ihn an seine Grenzen. Seltene Niederschläge sei die Fichte gewohnt, sagt Schlenz, aber in Verbindung mit Kühle, nicht mit Hitze. Hohe Temperaturen und Trockenheit zusammen aber schwächen den Flachwurzler sehr, er wird anfällig für Schädlinge, Fichten sterben großflächig ab und verabschieden sich nach und nach aus den bayerischen Wäldern.

Diese Entwicklungen führen zu enormen wirtschaftlichen Schäden. Allein der Trockensommer 2015 verringerte das Holzwachstum so stark, dass bayernweit ein entgangener Wertzuwachs von etwa 500 Millionen Euro verzeichnet wurde. Und weil ein Trockensommer die Waldbäume in ihrer Vitalität und Zuwachsrate nachhaltig beeinflusst, sind dessen Auswirkungen auch noch in den Folgejahren deutlich spüren. Auch im Landkreis haben die Waldbauern deshalb in den vergangenen Jahren zum Teil hohe finanzielle Schäden davongetragen.

Die lang anhaltende Hitze hat die Bäume im Stadtwald beschädigt.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Neben der Trockenheit und den Schädlingen sind die Wälder heuer durch einen weiteren Stressfaktor geschwächt: durch die Blüte. Wie die Obstbäume haben die Waldbäume in diesem Frühjahr "wahnsinnig geblüht", erinnert sich Schlenz. Das bedeutet einen zusätzlichen Kraftaufwand, den die Bäume aufgrund der klimatischen Veränderungen nicht mehr nur alle sieben Jahre aufbringen müssen, sondern mittlerweile etwa alle drei bis vier Jahre.

Auf lange Sicht werden in der Folge dieser Entwicklungen boreale Arten wie die Fichte aber auch die Kiefer aus den heimischen Wäldern verschwinden, prognostiziert Schlenz. In einer Studie der Technischen Universität München, Fachgebiet Ökoklimatologie, wurde durch Jahrringanalysen die Zukunftseignung heimischer Baumarten untersucht. Das Ergebnis: Die Fichte kommt am wenigsten gut mit den veränderten klimatischen Bedingungen zurecht. Sie reagiert am stärksten auf die Trockenheit und verzeichnet die deutlichsten Zuwachseinbußen. Die Eiche kommt mit Hitze und Trockenheit am besten klar, Tanne, Kiefer, Douglasie und Buche reagieren zwar schwächer als die Fichte, jedoch stärker als die Eiche. Grundsätzlich gelte für einen zukunftsfähigen Wald, dass ein "gemischtes Warenlager" am gesündesten sei. Da sind sich Schlenz, sein Kollege Melf und die Fachwelt einig. Ein Mischwald verkraftet die extremen Wetterereignisse, zu denen auch die häufiger auftretenden Stürme zählen, noch am besten.

Trotz der Veränderungen darf sich der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen aufgrund seiner verhältnismäßig hohen Niederschlagsmenge im Vergleich zu anderen Regionen Bayerns glücklich schätzen. "Das ist unser großer Trumpf", sagt Schlenz. Um die Wälder jetzt, nach einem Sommer wie diesem, wieder in so etwas wie einen Normalzustand zu versetzen, bräuchte es aber "eine Woche englischen Landregen", sagt Schlenz. Der ein oder andere Regenschauer reicht nicht aus, um die Situation nachhaltig zu verbessern. "Jetzt geht's nur noch um Schadensbegrenzung." Sein Kollege Melf gibt zu bedenken: "In der Landwirtschaft wird nächstes Jahr neu angebaut. Im Wald wirkt jedes schlechte Jahr im nächsten weiter."

Einen Nutznießer des heißen und trockenen Sommers 2018 gab es übrigens, die Esche. Zwar ist auch das Eschentriebsterben durch den Klimawandel begünstigt, der Pilz grassiert in trockenen Zeiten aber weniger stark. Ein kurzfristiger Vorteil für diese Bäume, denen es "heuer im Schnitt besser geht", wie Revierförster Melf beobachtet hat.