Streit um Solarfeld in Icking:Zoff im Gemeinderat

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Streit um Solarfeld in Icking: Neuer Zündstoff in Icking: Auf dieser Wiese an der B 11 soll eine 4,5 Hektar große Freiflächen-Solaranlage entstehen.

Neuer Zündstoff in Icking: Auf dieser Wiese an der B 11 soll eine 4,5 Hektar große Freiflächen-Solaranlage entstehen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

In Icking ist eine neue Freiflächen-Photovoltaikanlage an der B11 im Gespräch. Die Bürgermeisterin möchte deshalb einen Kriterienkatalog zu Obergrenzen und Standortwahl einführen. Doch die Räte fühlen sich von der überrumpelt.

Von Susanne Hauck

Im Prinzip sind alle für Energieautarkie und Klimawende, aber wenn es um riesige Solarparks auf der grünen Wiese sieht, sieht es schon anders aus. Dann fürchten viele die Verschandelung der Landschaft und den Wegfall wertvoller landwirtschaftlicher Flächen. In vielen Gemeinden kommt es zum Schwur: Wie viel Freiflächen-Photovoltaik verträgt eine Kommune überhaupt, wie viel von der Landschaft und der Landwirtschaft will sie für die Energiewende opfern? Dies waren auch die Fragen, die Bürgermeisterin Verena Reithmann (UBI) am Montag stellte, um ein Stimmungsbild im Gemeinderat zu bekommen. Doch in der Sitzung lief alles schief. Die Räte fühlten sich überrumpelt und warfen der Rathauschefin vor, alles nur wegen der Ortsteil-Bürgerversammlungen, die am Mittwoch und Donnerstag stattfinden, durchpeitschen zu wollen. Sie meuterten gegen das weitere Vorgehen.

Anlass ist die dritte Freiflächen-PV-Anlage, die für Icking im Gespräch ist. Anders als die bereits realisierte Anlage in Walchstadt und die geplante in Attenhausen wäre sie aber nicht versteckt untergebracht, sondern in Sichtweite - und zwar direkt an der Bundesstraße 11 von Icking nach Ebenhausen, zwischen der Fahrbahn und den Bahngleisen, wo früher mal ein Erdbeerfeld war. Ein Vertreter des Technologieunternehmens Vispiron, das schon die Walchstadter Anlage gebaut hat, stellte das Projekt mit aufgeständerten Modulen, Speicher und öffentlichen Ladesäulen vor. So würde die Fläche von 4,5 Hektar eine Leistung von 4,5 Millionen Kilowattstunden jährlich erbringen. Das Unternehmen wolle aber nicht nur bauen, sondern auch mit dem Strom handeln und die Bürger beteiligen, sagte Florian Schönberger.

In der Sitzung wurde viel hin und her gerechnet, zum Beispiel, wieviel Energie eine Gemeinde in Zukunft eigentlich brauchen wird, wenn die meisten mit E-Autos fahren und mit Wärmepumpen heizen. Für die Ickinger, die derzeit acht Millionen Kilowattstunden Strom verbrauchen, geht man von einen Primärbedarf von 38 Millionen Kilowattstunden aus. Dafür braucht es theoretisch 38 Hektar mit Photovoltaik, eine Fläche so groß wie 38 Fußballfelder. Mit den Anlagen an der B11, in Walchstadt, Attenhausen und auf Privatdächern käme man zusammen gerade mal auf 14 Hektar. Das heißt, dass noch mehr als doppelt so viel gebaut werden müsste.

Angesichts der künftigen Herausforderungen an jede kleine Gemeinde hatte Bürgermeisterin Reithmann kurzfristig einen Kriterienkatalog für mögliche Bewerber erarbeiten lassen, über den der Gemeinderat abstimmen sollte. Darin enthalten waren etwa Verpflichtungen wie jene, eine Freiflächenanlage nicht an einer angrenzenden oder künftigen Wohn- oder Gewerbegebiet zu bauen, dem Gemeinderat vorab eine Visualisierung zu überreichen oder auch Überlegungen zu Agri-PV, der simultanen landwirtschaftlichen Nutzung. Die Idee dahinter war, vorab eine Richtschnur zu entwickeln, anstatt jedes Projekt einzeln auf sich zukommen zu lassen. Doch der Bürgermeisterin gelang es nicht, ihre Räte bei der gut gemeinten Sache mitzunehmen. Auf halbem Weg war die Stimmung so gereizt, dass die Debatte auf Vorschlag von Claudia Roederstein (UBI) abgebrochen wurde.

"Mir ist das zu viel, mir geht das zu schnell", kritisierte Vigdis Nipperdey (Ickinger Initiative), die sich mehr Bedenkzeit erbat und fürchtete, bei einer Abstimmung auf Teufel komm raus hinterher auf die Entschlüsse festgenagelt zu werden. Die Bürgermeisterin konterte damit, dass die Unterlagen pünktlich vorige Woche zugestellt worden seien. Warum unbedingt gleich eine Abstimmung über Kriterien, warum nicht einfach ein allgemeines Stimmungsbarometer - das wollte Jörg Überla (Grüne) wissen, der die Angelegenheit zur Vorberatung lieber in den Umweltausschuss geben wollte. Fraktionskollegin Sabrina Stör fürchtete die abschreckende Wirkung eines solchen Kriterienkatalogs, wo doch die Klimawende im Ort gerade erst ausgerufen worden sei. "Es ist das völlig falsche Signal", sagte sie und schlug vor, jedes Projekt individuell zu betrachten. "Das klingt alles wie ein Wunschkonzert, dabei können wir froh sein, wenn überhaupt ein paar Bewerber kommen", stimmte Georg Linsinger (UBI) zu. Mit überwältigender Mehrheit beschlossen die Räte eine Vertagung. Bürgermeisterin Reithmann bedauerte, den Teilnehmern in der Bürgerversammlung nicht mehr sagen zu können.

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