Schäftlarn:Die Pension für die Promi-Verwandtschaft

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Wenn Max Beckmann oder Rainer Maria Rilke sich im früheren Luftkurort Ebenhausen erholten, brachten sie ihre Besucher oft in der Villa Zech nahe dem damaligen Sanatorium unter. Nun wurde das über 100 Jahre alte Haus unter Denkmalschutz gestellt

Von Marie Hesslinger

Im Spätsommer, wenn der Himmel blau ist über Ebenhausen und die Luft mild und klar, fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, dass der Ort einst ein Luftkurort war. Ein Gebäude, das ebenfalls daran erinnert, hat nun Denkmalschutz erhalten: die Villa Zech. Noch heute hat sie für viele Einheimische einen hohen nostalgischen Wert.

Von der Straße aus, der Zechstraße, wirkt die Villa recht unscheinbar. Dunkles Holz, ein Zaun, eine Mauer, hohe Bäume - mehr fällt einem im Vorbeigehen vermutlich nicht auf. Vom Garten aus aber wirkt das Gebäude geheimnisvoll, sogar richtig prunkvoll. Pflanzen klettern an Kinderstatuen empor. Ein Springbrunnen wirkt, als läge er lange Zeit trocken. Einzelne Rosen blühen auf trockener Erde, wo einst vermutlich ein ganzer Rosengarten mit Kieswegen war. Trotzdem - oder vielleicht deswegen - sind die beiden Terrassen hinter den Bäumen ein Ort der Ruhe.

Am Haus selbst beugen sich zwei große Balkone über Hausdächer und Baumwipfel in Richtung Süden, im Osten wachsen Pflanzen zu einem weiteren Balkon auf einem Hausvorsprung empor, bedecken im Erdgeschoss die Terrassentüren und weiter oben die Fenster. Vielleicht standen einst Georg Zech und seine Familie in edlen Gewändern auf diesem Altan. Vor 111 Jahren ließ Zech die Villa fertigstellen.

Georg Zech war Gastronom. Er betrieb zwei Paulaner-Gaststätten, eine davon am Rathausplatz in Leipzig. Wie viele Menschen aber zog es ihn zu einer Kur nach Ebenhausen. Die Luft in den Großstädten Anfang des 19. Jahrhunderts war schlecht. "Es wurde alles verbrannt", sagt Lia Schneider-Stöckl über die damalige Zeit, "die Kanalisation stand noch nicht." Schneider-Stöckl hat sich in ihrem Buch "Ebenhausen im Isartal" mit der Geschichte des Orts befasst. Die damals schlechten hygienischen Bedingungen und die Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommende Industrialisierung waren Ursache vieler Krankheiten in Städten. Im mit einem Blick auf das Isartal gesegneten Ebenhausen, deutlich höher gelegen als München, kam die Luft aus den Alpen. Das weckte daher bald das Interesse bekannter Mediziner.

1905 eröffnete das Sanatorium Ebenhausen. In einer "Lufthütte" nahmen Gäste nun Luft- und Sonnenbäder. Der Arzt Ernst Edens entdeckte anhand einer afrikanischen Heilpflanze die sogenannte Strophanthin-Therapie gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bald wurde das Sanatorium weltbekannt - und Aufenthaltsort für damals berühmte Gäste. Unter ihnen Großadmiral von Tirpitz, Anführer der gesamten Marine im Kaiserreich. Oder Margarete Hauptmann, Schauspielerin, Geigerin, und Ehefrau des Schriftstellers und Nobelpreisträgers Gerhart Hauptmann. Oder der Maler Max Beckmann und der Dichter Rainer Maria Rilke. Oder eben der bekannte Gastronom Georg Zech aus Leipzig. Dem es, wie vielen anderen, in Ebenhausen so gut gefiel, dass er am liebsten bleiben wollte. 1910 ließ er die Villa fertigstellen, nur eine Wiese trennte diese vom Sanatorium. Wann immer möglich kam er mit seiner Frau und seiner Tochter nach Ebenhausen. Er eröffnete in seiner Villa eine Pension.

Gäste in der Pension der Villa Zech waren oft Freunde und Familienmitglieder der Sanatoriumsbesucher. "Die Leute waren lange im Sanatorium", sagt Schneider-Stöckl, manche über Monate. Auch das Dienstpersonal herrschaftlicher Sanatoriumsbesucher hätte oft in umliegenden Pensionen wie der Villa Zech gehaust. Ebenso Kranke, die im Sanatorium selbst keinen Platz bekamen, aber dort behandelt wurden. Schneider-Stöckl schätzt, dass Familie Zech acht bis zehn Zimmer an solche Gäste vermietete. Im Erdgeschoss sei damals ein Empfangszimmer gewesen, ein großer Aufenthaltsraum. Im ersten und zweiten Stock hingegen Wohnbereiche. Erst in den 1960er Jahre, vermutet Schneider-Stöckl, sei die Pension aufgelöst und das Haus an Ortsansässige vermietet worden. Das Sanatorium wurde 1964 zum Altenheim umgebaut. Noch heute steht es da, nur wenige hundert Meter von der Zechstraße entfernt.

Als Inge Kehr, Enkelin des Gastronomen Georg Zech, Anfang des Jahres im Alter von 92 Jahren starb, hat die Gemeinde Schäftlarn Denkmalschutz für die Villa beantragt. Die Gemeinde hatte Sorge, das Haus könne verkauft und abgerissen oder verändert werden. Gebäude wie die Villa Zech, sagt Bürgermeister Christian Fürst (CSU), seien jedoch "Wesen und Seele eines Ortes". Die Villa Zech habe das Ortsbild der Gemeinde geprägt. Schäftlarn lege viel Wert darauf, solche Gebäude zu erhalten. Um die 40 Denkmäler zählt Schäftlarn insgesamt. Für die Gemeinde bedeutet das, dass die Gebäude in ihrem ursprünglichen Stil erhalten bleiben. Für deren Eigentümer ist es oft ein kostenintensiver Mehraufwand, der jedoch mitunter staatlich gefördert wird.

Die Villa Zech ist den Schäftlarnern nicht nur wegen ihres Stils und ihres Gartens einprägsam. Auch die Menschen, die später darin wohnten, bleiben so manchem Schäftlarner in Erinnerung. "Die war eine elegante Persönlichkeit", erinnert sich nicht nur der Bürgermeister, sondern auch Lia Schneider-Stöckl an Georg Zechs Tochter Maria Kehr. Selbst in hohem Alter sei sie auf zehn Zentimeter hohen Absätzen zur S-Bahn geeilt, um zahlreiche Kunst- und Kulturveranstaltungen zu besuchen. Kehrs Mann indes fuhr teure Sportautos. "So was ist ja früher immer total aufgefallen", sagt Schneider-Stöckl.

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