Wohnen in München Die härteste Prüfung steht gleich zu Semesterstart an

Im September demonstrierten gut 10 000 Menschen unter dem Motto "Ausspekuliert" gegen fehlenden Wohnraum und steigende Mieten.

(Foto: Florian Peljak)
  • Das Wintersemester 2018/19 hat begonnen. Gut 18 000 Erstsemester haben sich an den zwei Münchner Universitäten und an der Hochschule neu eingeschrieben.
  • Laut einer Untersuchung haben selbst die Preise für ein WG-Zimmer in München kräftig angezogen: Im Schnitt kostet ein solches 600 Euro.
  • Freistaat, Stadt und Studentenwerk rufen dazu auf, freie Zimmer an Studierende zu vermitteln.
Von Anna Hoben

Zum Beispiel das Zimmer in Riem, eine kleine Kammer eher. Zehn Quadratmeter für 390 Euro in einer Zweier-WG, angeboten als Zwischenmiete bis Ende Januar in einer Gruppe für Wohnungssuchende in einem sozialen Netzwerk. "Bitte keinen Luxus erwarten, es wurde lang nicht renoviert", heißt es in der Anzeige, "bitte schreibt ein bis zwei Stichwörter zu eurer Person, und wofür ihr das Zimmer braucht." Tja, zum Wohnen vielleicht? Und auch wenn es sich hier um ein ganz schön dreistes Angebot handelt - vermutlich wird es jemanden geben, der in seiner Not den Vertrag unterschreibt.

Das Wintersemester hat offiziell begonnen, für die meisten Studenten fangen am Montag die Vorlesungen an. Gut 18 000 Erstsemester haben sich an den zwei Universitäten und an der Hochschule für angewandte Wissenschaften neu eingeschrieben, insgesamt zählen die drei größten Hochschulen damit knapp 109 000 Studierende. Und wie in jedem Jahr stellt sich unter all jenen, die in München ihr Studium beginnen und gerade in die Stadt ziehen, die Frage: Suchst du noch oder wohnst du schon? 10 263 Studierende stehen zurzeit auf den Wartelisten für einen Platz in den Münchner Wohnheimen des Studentenwerks, 848 mehr als im vergangenen Jahr zum Semesterbeginn.

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Es ist also noch enger geworden auf dem studentischen Wohnungsmarkt; wobei die Zahl laut Studentenwerk nichts darüber aussagt, wie viele Studenten tatsächlich gerade ein Zimmer suchen, weil sie etwa auch Bewerbungen aus früheren Semestern umfasst. Gerade jene, die auf der Liste vordere Plätze belegen, lehnten Angebote häufig ab, weil sie zwischenzeitlich eine Bleibe gefunden hätten. Neue Antragsteller rückten dadurch nach und bekämen eher eine Chance, als es die reine Zahl der Bewerber vermuten lasse. Im Jahr 2016 beispielsweise wurden 6000 Plätze vergeben - es ist also nicht so, dass es keine Fluktuation gibt. Neue Plätze entstehen zurzeit an der Chiemgaustraße und an der Schwere-Reiter-Straße.

Die Wartezeit liegt je nach Wohnheim zwischen einem und vier Semestern. Neben dem Studentenwerk gibt es auch private Wohnheime, für die Interessenten sich direkt beim jeweiligen Träger bewerben müssen. Dazu gehören etwa verschiedene kirchliche Häuser, aber auch das Studentenwohnheim der Bayerischen Ärzteversorgung oder das des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes.

Wer nicht das Glück hat, in einem Wohnheim aufgenommen zu werden, muss entweder bei den Eltern wohnen bleiben oder sich auf den freien Markt wagen. Für eine typische Studentenbude muss man in München mittlerweile laut einer Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft mit einer durchschnittlichen Warmmiete von 634 Euro rechnen. So viel wird für eine Musterwohnung fällig: 30 Quadratmeter, 1995 erbaut, anderthalb Kilometer zur Uni. Die Zahlen beruhen auf Inseraten der Plattformen Immobilienscout24.de und WG-Suche.de.

Studierende konkurrieren mit Azubis, Trainees oder Berufsanfängern

Auch WG-Zimmer kosten hier so viel wie anderswo eine schöne Zwei-Zimmer-Wohnung. 600 Euro bezahlen Studenten im Schnitt für ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, haben Forscher des Moses-Mendelssohn-Instituts anhand von Daten des Portals WG-gesucht.de ermittelt. Das sind 30 Euro mehr als vor einem Jahr und, klar, mehr als an jedem anderen der 96 untersuchten Hochschulstandorte mit jeweils mindestens 5000 Studenten.

Auf alle Städte bezogen liegt die durchschnittliche WG-Miete demnach bei 363 Euro. In Frankfurt sind es 480 Euro, in Hamburg und Stuttgart 450 Euro, in Köln und Berlin 420 Euro. Wo die Wirtschaft besonders gut laufe, wo das Kultur- und Freizeitangebot attraktiv sei, da sei die Konkurrenz für Studenten bei der Wohnungssuche besonders groß, erläutert Stefan Brauckmann vom Moses-Mendelssohn-Institut. Dort konkurrierten Studenten mit Auszubildenden, Trainees, Berufsanfängern und Menschen mit einem Zweitdomizil.

Der Freistaat, die Stadt und das Studentenwerk rufen deshalb Münchner, die ein freies Zimmer haben, dazu auf, an Studenten zu vermieten (www.studentenwerk-muenchen.de/privatzimmer). Der Seniorentreff Neuhausen vermittelt zudem Studenten an ältere Menschen, die günstigen Wohnraum gegen kleinere Hilfen im Alltag zur Verfügung stellen (www.seniorentreff-neuhausen.de).

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