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Werkstatt Demokratie:Ein Versuch, die Zukunft zu retten

Es herrscht eine gute Austausch- und Arbeitsatmosphäre: SZ-Leser und Redakteure bei der "Werkstatt Demokratie" und der Frage, was man gegen die Klimakrise tun kann.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Autonomes Fahren, eine neue Wirtschaftsethik, U-Bahnen als Pakettransporte: Bei der Werkstatt Demokratie haben SZ-Leser diskutiert - und Ideen für den Klimaschutz entworfen.

Der Abend endet mit einem leidenschaftlichen Plädoyer: "Der Druck von der Straße muss aufrecht erhalten werden", sagt Peter Göttler. Der Lehrer aus Freiburg ruft alle Anwesenden auf, darunter viele Ältere, selbst raus zu gehen und "Fridays for Future" zu unterstützen. Göttler scheint einen Nerv getroffen zu haben, zumindest applaudieren die Teilnehmer der "Werkstatt Demokratie" laut und lange. Mehr als 50 SZ-Leser sind am Freitagabend in München auf Einladung der Süddeutschen Zeitung und der Nemetschek-Stiftung zusammengekommen, um über die Frage "Klimakrise - wie retten wir die Zukunft?" zu diskutieren. Es ist der Abschluss einer Themenwoche zu der Frage, für die sich SZ-Leser Anfang September in einer Online-Umfrage entschieden haben.

Es ist halb sechs, als die ersten Teilnehmer im "Impact Hub" in Sendling eintreffen. Die ehemalige Lagerhalle in der Gotzinger Straße ist heute ein Co-Workingspace, der symphatisch ungeordnet wirkt. In der Mitte des Raumes stehen große quadratische Arbeitstische. Die Fläche ist eingerahmt von verglasten Büros, über denen eine zweite Ebene, eine Art Galerie, mit weiteren Arbeitsplätzen gebaut ist. Normalerweise arbeiten hier vor allem junge Unternehmerinnen und Unternehmer laut Leitbild des Impact-Hubs an einer besseren Zukunft. An diesem Abend übernehmen das die SZ-Leser.

Der Abend beginnt nach der Begrüßung mit einer "Soziometrie". Bei dieser Übung verteilen sich die Teilnehmer nach einer Frage im Raum, je nachdem wie ihre Antwort ausfällt. So sollen sich die Menschen etwa nach ihrer Haltung zu Fridays For Future positionieren: Die Skeptiker versammeln sich an dem einen Ende, die, die mit Leib und Seele dabei sind, auf der anderen Seite. Der Rest positioniert sich dazwischen. Ergebnis: Zwar gibt es viele Unterstützer, bei den Demonstrationen selbst waren die meisten aber wenn, dann nur selten. Einen Fakt, den der Freiburger Lehrer Göttler, der selbst bei den Enthusiasten steht, kritisiert.

Nach einem kurzen Impulsvortrag der SZ-Wissenschaftsredakteurin Marlene Weiß haben die Teilnehmer zwei Stunden Zeit, in sieben Gruppen zu diskutieren, wie die Welt 2050 optimalerweise aussehen sollte und wie man dorthin gelangt. In der Gruppe von Peter Göttler wird es schnell emotional: Wer ist in der Pflicht, die Klimakrise zu lösen, der Verbraucher oder die Politik? Zwei Männer sprechen sich dafür aus, dass die Politik handeln müsste, der Verbraucher alleine könne nicht viel ausrichten. Das will Mona Awaloff, die ihnen gegenüber sitzt, nicht stehen lassen: "Diese Argumentation kenne ich von meinem Vater", sagt die 28-Jährige aufgebracht. Jeder sei in der Pflicht etwas am eigenen Verhalten zu ändern.

Die 55 Teilnehmer im Münchner "Impact Hub" haben sich in verschiedene Gruppen aufgeteilt.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Jede Gruppe formuliert ihre Ideen, wie die Welt klimagerechter werden könnte und präsentiert sie danach dem Plenum. Ein Team etwa, das sich die philosophische Gruppe nennt, fordert eine neue Wirtschaftsethik: Die Unternehmen müssten sich ihrer Verantwortung wieder mehr bewusst werden. Die Haltung müsse sich verschieben, vom "Ich" hin zum "Wir". Außerdem fordern sie einen Nachhaltigkeitsrat, der gegen Entscheidungen des Bundestags ein Vetorecht einlegen kann. Andere Vorschläge sind näher am Alltag: Autonom fahrende Fahrzeuge sollen entwickelt werden, die für jeden stetig verfügbar sind und zum nächsten Bahnhof pendeln. Auch U-Bahnen könnten nachts genutzt werden und etwa Pakete an Knotenpunkte bringen, von denen dann Fahrradkuriere übernehmen. Wieder andere wollen, dass München bis 2025 autofrei ist und die Energieversorgung komplett ohne fossile Brennstoffe auskommt.

Was kann jeder einzelne tun, fragen sich die Teilnehmer in Erfurt

Auch bei der zweiten Werkstatt-Demokratie-Veranstaltung zeigt sich: Die Menschen sind oft schon viel weiter als die Politik. Am Samstagnachmittag kommen im Kontor, einem ehemaligen Industriegebäude im Norden Erfurts, gut 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen, um eine Woche vor der Landtagswahl in Thüringen miteinander zu diskutieren. Die Klimakrise und ihre Auswirkungen beispielsweise auf den Thüringer Wald waren auch Thema im Wahlkampf - und treibt viele Menschen um.

Bei den Debatten in den sechs Arbeitsgruppen wird nicht nur Aufforstung und CO2-Bepreisung, sondern immer wieder auch das große Ganze verhandelt: Wie wollen wir miteinander leben, wie arbeiten, wie teilhaben - was muss sich gesamtgesellschaftlich ändern? "Eigentlich wird uns doch jetzt vorgeschrieben, wie wir zu leben haben - wir müssen ja zum Beispiel mit dem Auto fahren. Es kommt uns nur nicht so vor, weil wir in dieser Welt gefangen sind", argumentierte etwa Gesa Müller-Schulz bei der Frage nach der Notwendigkeit von Verboten und staatlichen Eingriffen.

Daran schließt sich direkt die Frage an: Was können wir - also jeder und jede Einzelne wie auch als Gemeinschaft - tun? Eine klare Antwort gibt es auch hier nicht, aber die Ideen entwickeln sich.

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Wir schreiben das Jahr 2050 und es gelangen keine neuen Treibhausgase in die Atmosphäre. Wie haben wir das geschafft? Nachrichten aus einer besseren Zukunft.