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Moosach:Das Kriegsende im roten Schulhaus

Doug Claus in seiner Wohnung in der Olympia-Pressestadt. Sein Vater war bei der Unterschrift zur Kapitulation in Reims am 7. Mai 1945 als Büromitarbeiter Eisenhowers vor Ort und hat als persönliches Souvenir auf dem Cover eines Schul-Bilderbuchs 30 Unte

Doug Claus mit dem Erbstück seines Vaters.

(Foto: Florian Peljak)

Doug Claus besitzt ein Dokument aus der Nacht der Kapitulation mit 31 Unterschriften, unter anderem der von General Eisenhower. Der in München lebende US-Amerikaner versucht, alle Unterzeichner zu identifizieren

Von Anita Naujokat, Moosach

In den frühen Morgenstunden an diesem 7. Mai vor 75 Jahren: Von seinem Hotelzimmer in Paris eilt der Kriegsfotograf Ralph Morse nach einem Hinweis mit einem Fahrzeug der US-Armee nach Reims. Er arbeitet für das US-Magazin Life, für das der mit 24 Jahren jüngste Kriegskorrespondent über den amerikanischen Vormarsch durch Westeuropa berichtete. Der rasende Pressekonvoi fuhr nicht zur majestätischen Kathedrale, sondern zu einem anonymen Schulgebäude gegenüber vom Bahnhof am Rande der Stadt, wie Morse diese Stunden später dem Time Magazine geschildert haben soll. In jenem kleinen roten Schulhaus ("the little red schoolhouse", wie es die Amerikaner nannten) befand sich ein vorgeschobener Posten des Obersten Hauptquartiers der Alliierten Expeditionsstreitkräfte unter Leitung von General Dwight D. Eisenhower. In ihm wurde Morse wenig später Zeuge von der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht.

Doch nicht nur Mächtige, auch niedrigere Ränge und Bedienstete waren dort versammelt. Und so kam es, dass ein Zeitdokument vom Rande aus jener historischen Nacht von Reims über die USA nach Moosach gelangte. Doug Claus lebt in der Olympia-Pressestadt. Nach dem Tod seines Vaters Gordon L. Claus in den USA 2006 hatte er von seiner Mutter ein Schulbuch mit 31 Unterschriften auf dem Cover vererbt bekommen, darunter die von General Eisenhower. In dessen Büro sei sein Vater als hoher Postbeamter tätig gewesen, erzählt Claus. Dieser habe in jener Nacht die Broschüre in der Schule gefunden und auf dem Umschlag als ganz persönliches Souvenir Generäle und andere Anwesenden unterschreiben lassen. Seine Mutter sei der Ansicht gewesen, dass dieses Erbstück besser zum historischen Ort Europa als in die USA passe.

Doug Claus in seiner Wohnung in der Olympia-Pressestadt. Sein Vater war bei der Unterschrift zur Kapitulation in Reims am 7. Mai 1945 als Büromitarbeiter Eisenhowers vor Ort und hat als persönliches Souvenir auf dem Cover eines Schul-Bilderbuchs 31 Unters

Das Erbstück ist im Umschlag zur Aufbewahrung an seinen Vater nach New York geschickt worden.

(Foto: Florian Peljak)

Doug Claus, der 1982 als Praktikant von BMW erstmals nach München kam, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Unterzeichner zu identifizieren. Eher halbherzig habe er vor einigen Jahren damit begonnen, erzählt er, eine Website zu erstellen (www.littleredschoolhouse-reims.eu), auf der er die Deckblätter sowie pro Unterschrift eine Seite darstellt. Neuerdings hat er dafür auch das Twitter-Konto #BookletReims angelegt, twittert seit vier Wochen jeden Tag die ihm bekannten Details zu einer weiteren Unterschrift, mit dem Ziel, alle bis zum 75. Jahrestag zu kennen. Doch das ist dem 60-Jährigen nicht gelungen. "Es wäre schön gewesen", sagt der US-Amerikaner, der immer noch für BMW tätig ist, "aber es ist nicht zu schaffen. Das ist ein langfristiges Projekt." Zwölf Unterzeichner sind ihm noch unbekannt, 19 Namen habe er inzwischen identifiziert, von vielen wisse er aber nichts über deren Funktion. Bei manchen wie Walter Bedell Smith führt ein Link zur jeweiligen Website.

Doug Claus in seiner Wohnung in der Olympia-Pressestadt. Sein Vater war bei der Unterschrift zur Kapitulation in Reims am 7. Mai 1945 als Büromitarbeiter Eisenhowers vor Ort und hat als persönliches Souvenir auf dem Cover eines Schul-Bilderbuchs 30 Unte

Claus` Vater war offenbar als hoher Postbeamter im Büro von Eisenhower tätig.

(Foto: Florian Peljak)

Zweifel, dass es sich tatsächlich um Eisenhowers Unterschrift handelt, hat Claus nicht. Sein Onkel mütterlicherseits habe auch eine Unterschrift Eisenhowers bekommen, für ihn, Claus, seien sie identisch. Zudem habe er die Blätter von einem Auktionshaus in den USA bewerten lassen. Es habe sie als echt und authentisch eingeschätzt. Untersuchen ließ Claus sie wegen einer eventuellen Versicherungshöhe, da er mit dem Gedanken spielte, sie dem Musée de la Reddition, dem Übergabemuseum, in jenem Schulgebäude in Reims als Leihgabe zu überlassen. Vor einem halben Jahr habe er mit dem Museum Kontakt aufgenommen. Damit wäre das Exponat wieder an den Ort seiner Entstehung zurückgekommen, aber wegen der Corona-Krise und der abgesagten Veranstaltung zum 75. Jahrestag sei bisher nichts daraus geworden, sagt Claus.

Über einen Artikel zum 70. Jahrestag des Weltkriegsendes hat Claus Kontakt zu dem Journalisten und Autor David Kiley bekommen. Kileys Vater Charles war als "Worldwide Pool Reporter" ebenfalls in Reims zugegen. Zwar habe David Kiley die Unterschrift seines Vater nicht auf der Broschüre gefunden, dieser sei wohl schon auf dem Weg nach Berlin zur nächsten Unterzeichnung der Kapitulation gewesen. "Trotzdem", so Claus, sei es schön, jemanden gefunden zu haben, der auch einen familiären Bezug dazu habe. Er freue sich schon auf ein Treffen. Vermutlich in der Olympia-Pressestadt.

© SZ vom 07.05.2020

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