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Wanderarbeiter in München:Arm in einer reichen Stadt

Armt trotz Arbeit

Manche Hartz-IV-Emfpänger öffnen die Post nicht mehr, ziehen sich zurück, stehen morgens nicht mehr auf.

(Foto: Catherina Hess)

Arm trotz Arbeit: Wanderarbeiter sind meist im Bau- und Reinigungsgewerbe beschäftigt. Gewerkschaften und Sozialdienste in München beklagen ihre Ausbeutung. Sie tragen zum wirtschaftlichen Aufschwung bei - und können sich oft nicht einmal eine Wohnung leisten.

Als "Jobmaschine" wird der Münchner Flughafen gern gepriesen, doch mit den Arbeitsbedingungen bei den Betrieben dort steht es offenbar nicht überall zum besten: Immer häufiger treffen die Mitarbeiter des Sozialdienstes am Flughafen auf Menschen, die dort zwar einen Job haben, aber auch als Obdachlose leben. Bei einer Münchner Sozialberatungsstelle tauchen sogar regelmäßig zwei Klienten auf, die im Nachtbus wohnen. So erzählt es eine Mitarbeiterin beim Runden Tisch der Münchner Kirchen und Gewerkschaften zum Thema "Reiche Stadt - arme Stadt".

Anzeichen für die "gefährliche Spaltung Münchens", mit der sich Vertreter von Kirche und Gewerkschaften bei ihrem 58. Treffen im Gewerkschaftshaus beschäftigten, gibt es viele. Meist sind es Wanderarbeiter, die in schlecht bezahlten Jobs vor allem im Bau- und Reinigungsgewerbe arbeiten, "moderne Arbeitssklaven", oft in engen Containern untergebracht, wie Nedialko Kalinov, Mitarbeiter einer Beratungsstelle der Caritas, berichtete. Die "neue mobile Unterschicht" bleibe ohne Schutz der Ausbeutung ausgeliefert: "Sie tun viel für eine blühende deutsche Wirtschaft", sagte Kalinov, aber sie bekämen oft monatelang kein Geld.

"Jeder fünfte Münchner ist arm oder von Armut bedroht", sagte die Journalistin Kathrin Hartmann, die sich in ihrem Buch "Wir müssen leider draußen bleiben" eingehend mit dem Zusammenhang zwischen Reichtum und Armut beschäftigt hat. Kritisch setzte sie sich mit den "Tafeln" auseinander, die gespendete Lebensmittel kostenlos an Bedürftige verteilen. Die Autorin sprach von "einer Inszenierung von Armut und Hilfe". Die ehrenamtlichen Tafel-Helfer, die Spender und Sponsoren stammten aus der wohlhabenden Schicht. "Verteilen statt vernichten verschafft hohes Ansehen." Tatsächlich aber entsorgten sie "den Wohlstandsmüll und das schlechte Gewissen der Konsumgesellschaft".

Dabei gebe es keinen Anspruch auf freiwillige Hilfen, auch wer zur Tafel kommen dürfe, könne sich nicht darauf verlassen, dass die Tüte voll werde. "Wer bei der Tafel in der Schlange steht, spürt, dass er nicht wirklich dazugehört." Diese Art der Hilfe sei ein Rückschritt ins Mittelalter, wo Suppenküchen als Werk der Barmherzigkeit galten. Wenn Reiche die Armen mit Resten abfüttern, bedeute das keine Solidarität. Armut sei kein Schicksal, sondern politisch gewollt, wenn einerseits die Grundsicherung zu niedrig bemessen wird, andererseits aber 80 Prozent der Einnahmen aus Vermögen unversteuert bleiben.

Irmgard Ernst vom Münchner Arbeitslosenzentrum wertete es als "Armutszeugnis, dass unser Land so etwas braucht wie Tafeln". Viele Menschen hätten ohnehin aus Scham große Scheu davor, die Tafel in Anspruch zu nehmen, sagte Lilli Kurowski vom Verein "Einspruch", der "mit sehr viel Erfolg" Rechtsberatung für Hartz-IV-Bezieher bietet. Zudem würden bei weitem nicht alle versorgt, erklärte eine Sozialarbeiterin.

"Der Gedanke, den Sozialstaat in ein Charity-Land umzuwandeln, beseelt Wirtschaft und Politik", kritisierte Erich Guttenberger vom Erwerbslosenausschuss der Gewerkschaft Verdi und warnte vor einer Privatisierung des sozialen Sicherungssystems. Denn auf Wohltätigkeit habe niemand ein Recht. "Wir brauchen stattdessen eine bessere, bedarfsgerechte soziale Grundsicherung, einen Mindestlohn und eine Rente, die nicht zu Altersarmut führt." Für den Mieterverein machte stellvertretender Vorsitzender Christoph Frey deutlich, dass gerade jene, deren Einkommen knapp über den Hartz-IV-Sätzen liegt, unter den hohen Mieten in München besonders leiden. Die Stadt unternehme zwar viel, um bezahlbares Wohnen zu ermöglichen, müsse aber ihre Programme weiter ausbauen. Zudem müsse es statt einer befristeten eine dauerhafte Mietpreisbindung geben.

© SZ vom 05.04.2014/lime
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