Versteigerung:Heiland und Hirschgeweih

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Versteigerung: Muss alles weg hier: Goran Djordjevič (links) verkauft für den Abfallwirtschaftsbetrieb bei einer Pop-Up-Auktion auf dem Viktualienmarkt Waren, die bei den Münchner Wertstoffhöfen abgegeben worden sind.

Muss alles weg hier: Goran Djordjevič (links) verkauft für den Abfallwirtschaftsbetrieb bei einer Pop-Up-Auktion auf dem Viktualienmarkt Waren, die bei den Münchner Wertstoffhöfen abgegeben worden sind.

(Foto: Catherina Hess)

Alles im Kreislauf halten: Mit einer Pop-Up-Versteigerung auf dem Viktualienmarkt will der Abfallwirtschaftsbetrieb München Gebrauchtwaren wieder unter die Leute bringen.

Von Andrea Schlaier

Für den Heiland hebt sich keine Hand. "Beachten Sie bitte die Jesusfigur, es ist hier sehr große Kunst zum Ausdruck gekommen, 20 Euro." Goran Djordjevič gibt sich alle Mühe. Der Mann mit dem kahlen Kopf deutet auf seinen Mitarbeiter in der signalorangen Latzhose, der den Erlöser nach allen Richtungen ins Volk hält: zum bunten Publikum auf den vier Bierbänken vor der kleinen überdachten Bühne, zu den vorbeispazierenden Spätaufstehern mit Bio-Einkaufstüten aus Papier, den deutschen Urlaubsfamilien, den ausländischen Touristen am grünen Rand der Westenriederstraße und auch ganz nach links, wo ein paar Händler der umliegenden Standl grinsend um die Ecke schauen und das Spiel verfolgen.

"Bei uns steht Nachhaltigkeit ganz vorne dran", hat Goran Djordjevič schon vor einer Viertelstunde in einem ersten Werbeblock ins Publikum gerufen. Denn letztlich gehe es ja an diesem Mittag nur darum auf dem Viktualienmarkt. Der Verkaufsleiter der Halle 2, des Gebrauchtwarenkaufhauses des Abfallwirtschaftsbetriebs München (AWM), versucht an diesem Tag zum zweiten (und letzten Mal) bei einer Pop-Up-Versteigerung "Highlights", die in einem der zwölf Münchner Wertstoffhöfe und eben der Halle 2 abgegeben wurden, der Wiederverwertung zuzuführen.

Versteigerung: Segler am Abend: Nach einem Bieter-Duell wechselt das Schiff auf hoher See für 220 Euro den Besitzer.

Segler am Abend: Nach einem Bieter-Duell wechselt das Schiff auf hoher See für 220 Euro den Besitzer.

(Foto: Catherina Hess)

Ein Kinderspiel ist das beim "Segler am Abend", dem Öl-auf-Leinwand-Klassiker: Schiff zwischen schweren Wolken und ebensolcher See. Bieter-Duell und zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten, mit 220 Euro Zuschlag für den Herrn mit Schiebermütze. Szenenapplaus. Selbst die Yoga-Frösche bleiben keine Wohlstands-Waisen und finden im Zweierpack für fünf Euro ein neues Zuhause. "Königlich bayerischer Weißwursttopf" samt Senfkacherl von Seltmann Weiden: zwölf Euro. E-Bass: 100 Euro.

Jörg Klärner, der bevor der Holzhammer das erste Mal gefallen ist, noch beim Aufbau geholfen hat, schlägt ebenfalls zu. Der Mann ist Aufseher des Viktualienmarktes und als solcher an seinem stadtblauen Amtshemd mit Aufschrift zu erkennen. Er sichert sich für 20 Euro eine Autogrammsammelmappe, von der nicht mehr bekannt ist, als dass sich darin signierte Schwarz-Weiß-Fotografien von Luis Trenker befinden, und, wie Djordjevič verheißt, "von vielen deutschen Volksmusikanten und sogar von Roberto Blanco".

Steckt im Album eine Autogrammkarte von Gunter Gabriel? Jörg Klärner hofft es

Erstens hat Klärner in den Siebzigerjahren Luis Trenker mal im Schwimmbad gesehen, und zweitens, das weit größere Kaufargument: "Ich hoffe, dass da eine Autogrammkarte von Gunter Gabriel drin ist. Mit dem hab' ich schon mal gesungen." Im Kosovo war das, 2005. Klärner war bei der Bundeswehr, Gabriel sang für die dort stationierte Truppe. "Den Gabriel, den such ich." Klärner nickt, voll Zuversicht.

Die Versteigerung an ungewohnter Stelle gehört zum neuen Zero-Waste-City-Konzept, das der AWM sich ausgedacht und der Stadtrat im Juli verabschiedet hat: Abfall vermeiden, wo's geht, und was geht, wieder in den Kreislauf zurückführen. Als eine Art Bonbonpapierl gehört zu den "Top-40-Maßnahmen" auch die Erweiterung des Gebrauchtwarenkaufhauses Halle 2 mit Pop-Up-Läden in anderen Vierteln. Einer davon liegt einen Steinwurf von der Auktionsfläche entfernt in einem gläsernen Standl am Viktualienmarkt, das am Samstag letztmals geöffnet hat. "Wir haben da fast ausschließlich Geschirr verkauft, weil wir so viel davon in der Halle 2 hatten und einen Abverkauf machen mussten", sagt Goran Djordjevič. "Die Resonanz war sehr gut - auch, weil wir hier viel Laufkundschaft hatten." An der Stelle sei es wichtig gewesen, sich auf kleine Ware zu beschränken, "die Leute kommen ja mit öffentlichen Verkehrsmitteln und es ist schwierig, einen Parkplatz zu finden".

Versteigerung: Geschenk für die Schwiegermutter: "Chico" Mabrouk Yahyaoui hat den Zuschlag für das silberne Hirschgeweih bekommen.

Geschenk für die Schwiegermutter: "Chico" Mabrouk Yahyaoui hat den Zuschlag für das silberne Hirschgeweih bekommen.

(Foto: Catherina Hess)

Leichter Abtransport war auch das Auswahlkriterium für die Auktionsware - mit wenigen Ausnahmen. "Die großen Sachen", verspricht Djordjevič, "können sie nächste Woche auch bei uns in der Halle 2, Peter-Anders-Straße 15, in Pasing abholen". Das Highlight der Show geht dann aber doch ab Westenriederstraße weg: "Parallelbike, fahrbereit, hydraulische Scheibenbremsen, Hinterreifen ist defekt", ruft der Verkaufsleiter ins Publikum. Das Trumm findet für die ausgerufenen 400 Euro einen einzigen Bieter.

"Für so ein großes Rad hab ich leider keinen Platz", sagt Elmazi Basri, 57, der diesmal leer ausgeht, aber regelmäßig in der Halle 2 vorbeischaut. Der gelernte Mechaniker, der als Busfahrer arbeitet, wird bei Werkzeug schwach. "Meine Frau flucht, der Keller ist voll." Derweil tänzelt "Chico" Mabrouk Yahyaoui vom Saftstand mit seinem orangen Frottee-Käppi und einem silbernen Deko-Hirschgeweih für 30 Euro wieder an seine Bude zurück. "Den schenk' ich meiner Schwiegermutter." Er ist entzückt: "Handeln gehört genau hierher."

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