Verkehrsstatistik:"2018 war kein gutes Jahr für die Verkehrssicherheit"

Fahrradfahren in München ist manchmal kompliziert - und gefährlich, wie die aktuelle Unfallstatistik der Polizei zeigt.

Fahrradfahren in München ist manchmal kompliziert - und gefährlich, wie die aktuelle Unfallstatistik der Polizei zeigt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Zehn Radfahrer starben 2018 auf Münchens Straßen. Doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Auch die Zahl der verletzten Radler stieg deutlich.
  • Zudem stiegen die Zahlen der Fahrverbote, Auffahrunfälle und Rotlichtunfälle (also der Unfälle in Verbindung mit überfahrenen roten Ampeln).
  • Die Polizei sieht als Gründe Raserei, Alkohol, Drogen, das fehlende Abbiegesystem bei Lkw - und den Blick aufs Smartphone.

Von Martin Bernstein

Werner Feiler hätte bei seiner letzten Pressekonferenz als Vizepräsident der Münchner Polizei gerne anderes verkündet. "2018 war kein gutes Jahr für die Verkehrssicherheit", sagte er am Montag. Dass es so war - mit mehr Unfällen, mehr Verletzten und 26 Toten -, hat zum einen mit den bekannten Faktoren zu tun: Raserei, Alkohol, Drogen, fehlendem gesetzlich vorgeschriebenen Abbiegesystemen für Lastwagen. Zum anderen machen der Polizei aber zunehmend Autofahrer und Radler Probleme, die sich von ihren Handys vom Verkehr ablenken lassen. Und noch ein weiterer Faktor lässt sich aus der Verkehrsunfallbilanz herauslesen: das schöne Wetter.

Zehn Radfahrer starben vergangenes Jahr auf den Münchner Straßen - doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Auch die Zahl der verletzten Fahrradfahrer stieg deutlich auf 2933. 333 erlitten schwere Verletzungen. Mehr als verdoppelt hat sich auch die Zahl der Unfälle mit Pedelecs. Dabei wurden 99 Fahrer verletzt, 37 davon waren ältere Menschen. Mehr als die Hälfte der Unfälle, in die Radfahrer verwickelt waren, wurde nach Polizeiangaben auch von diesen verursacht: Als "Geisterradler" waren sie in die falsche Richtung unterwegs, benutzten verbotenerweise den Gehweg oder missachteten rote Ampeln. 3350 Radfahrer wurden von der Polizei dabei erwischt, wie sie während der Fahrt telefonierten.

"Multitasking ist ein Mythos", sagt Werner Feiler. "Die Aufmerksamkeit im Straßenverkehr verträgt keine Pause." Das gilt natürlich besonders für Autofahrer, die erheblich schneller unterwegs und deren Fahrzeuge weitaus gefährlicher sind. Mehr als 10 000 Autofahrer wurden 2018 wegen Handynutzung am Steuer angezeigt oder verwarnt. Nach Expertenmeinung spielt Ablenkung bei jedem zweiten Unfall eine Rolle - es ist die häufigste Ursache. Jeder zehnte tödliche Unfall ist laut Polizei auf Ablenkung zurückzuführen.

Genaue Zahlen zur Unfallursache Handy gibt es nicht. Doch die 507 Unfälle, bei denen Autos von der Straße abkamen, und fast 10 000 Auffahrunfälle sprechen eine deutliche Sprache. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Auffahrunfälle in München verdreifacht. Ein leicht zu erklärendes Phänomen, wenn man weiß, dass rund die Hälfte der Autofahrer verbotenerweise ohne Freisprecheinrichtung telefonieren und einer von sechs Autofahrern während der Fahrt sogar SMS liest oder schreibt. Das kann schlimme Folgen haben, wie Feiler und Dieter Bauer, der Leiter der Verkehrsabteilung der Münchner Polizei, vorrechnen. Bei erlaubten 50 Stundenkilometern Geschwindigkeit legt ein abgelenkter Autofahrer in nur einer Sekunde 14 Meter im Blindflug zurück.

Sechs Menschen mussten 2018 auf Straßen in der Stadt oder im Landkreis München sterben, weil zu schnell gefahren wurde. Für die Polizei ein Anlass, "den Kontrolldruck weiter zu erhöhen". Bei Geschwindigkeitskontrollen wurden fast 217 000 Raser erwischt, für mehr als 3000 von ihnen bedeutete das, dass sie danach auf ihren fahrbaren Untersatz verzichten mussten. Die Zahl der verhängten Fahrverbote stieg um rund ein Drittel. Ein Radfahrer, ein Fußgänger und zwei Insassen eines Autos starben, weil rote Ampeln missachtet wurden. Die Zahl der Rotlichtunfälle insgesamt stieg um 6,5 Prozent, dabei wurden 436 Menschen verletzt. Weitere vier Todesfälle sind auf Alkohol im Straßenverkehr zurückzuführen.

Die Polizei rät Radfahrern: Helm tragen und im Zweifel nachgeben!

Fünf Radfahrer starben, die nach Ansicht der Polizei hätten überleben können, wenn sie einen Helm getragen hätten. Feiler verweist in diesem Zusammenhang auf Studien, die belegen, dass ein Fahrradhelm das Risiko, bei einem Unfall zu sterben oder schwere Hirnschäden zu erleiden, um rund 60 Prozent verringert.

Ein anderes Risiko für Fahrradfahrer sind rechts abbiegende Lastwagen. Solange elektronische Abbiege-Assistenzsysteme noch nicht obligatorisch sind, lautet der Rat noch immer: Der Schwächere gibt nach. Feiler appellierte an die Radler, an solchen Gefahrenstellen immer den Blickkontakt mit dem Brummifahrer zu suchen. Am 7. Mai war eine neun Jahre alte Schülerin an der Kreuzung der Schleißheimer und der Moosacher Straße von einem 43-jährigen Lkw-Fahrer beim Rechtsabbiegen übersehen worden. Die Schülerin wurde vom Lastwagen überrollt und starb wenig später im Krankenhaus an ihren schweren Verletzungen.

153 Kinder wurden letztes Jahr auf dem Schulweg verletzt. Das ist eine Zunahme um 25 Prozent - auch das, so vermutet Feiler, eine Folge des radfahrerfreundlichen, langen Sommers. Besonders häufig verunglücken Kinder aus den fünften bis achten Klassen. Seine Bitte an die Eltern: "Radeln Sie mit ihrem Kind den Schulweg ab und weisen Sie auf Gefahrenstellen hin!"

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