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Vegan leben in München:Die Zeit der Öko-Krieger ist vorbei

Veganes Essen - im Gratitude sieht es auch gut aus.

"I am beautiful", heißt dieses Gericht in dem Restaurant Gratitude in München, es besteht aus einem bunten Salat mit Ofenkürbis und Tahinidressing. Der Preis: 10,80 Euro.

(Foto: oh)

Kein Fleisch und kein Fisch, keine Milch und keine Eier: Die Münchnerin Claudia Renner lebt seit zwei Jahren vegan. Sie sagt, sie vermisse fast nichts - und ist damit nicht allein: Der Veganismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, auch weil sich die Küche verbessert hat.

Von Thierry Backes

Eigentlich wollte sie das Leben ihres Freundes verändern, als sie Jonathan Safran Foers Buch "Tiere essen" im Internet bestellte, nicht ihr eigenes. Er sollte über seinen Fleischkonsum nachdenken und auf Fast Food verzichten, nicht sie. Doch wie das eben so ist mit Weihnachtsgeschenken: Am Ende hat man selbst am meisten davon.

Er fasste das viel gelobte Buch gar nicht erst an, sie saß tagelang zu Hause auf der Couch und las über die grauenhaften Bedingungen in der Massentierhaltung, Tränen in den Augen. Als sie dann noch auf Videos der Tierrechtsorganisation Peta stieß und damit auf die Bilder zu den Zeilen, beschloss Claudia Renner, aus einer Vegetarierin eine Veganerin zu machen.

Zwei Jahre und 72 Tage ist das jetzt her, und man kann nicht sagen, dass Renner ihren Entschluss bereut hätte. Fragt man die 30 Jahre alte Sekretärin aus München, ob sie seitdem etwas vermisst, fällt ihr lange Zeit nichts ein, dann sagt sie: "Snickers vielleicht, und Omas Apfelstrudel mit Vanillesoße."

Veganer verzichten auf jede Art von tierischen Produkten, auf Fisch, Fleisch, Milchprodukte, Eier und Honig, aber auch auf Leder und Wolle. Doch schon bei dem Wort "Verzicht" mucken sie gerne auf, gerade, wenn es um das geht, was in veganen Küchen passiert. "Ich spreche lieber von Ersatzprodukten", sagt Claudia Renner. Eier zum Beispiel ließen sich beim Backen ganz gut durch Apfelmus ersetzen, Parmesankäse durch Hefeflocken, Fleisch durch Tofu oder Seitan, Kuhmilch durch Soja- oder Mandelmilch, Hefeschmelz eigne sich hervorragend, um Lasagnen zu überbacken. "Es gibt für alles eine vernünftige Lösung", sagt Renner.

Mittlerweile sogar mehr als eine. "Vor zehn Jahren haben die Tofu-Imitate noch total fad geschmeckt", sagt die Gastronomin Sandra Forster, 38. "Heute gehst Du zu Deinem Basic-Supermarkt um die Ecke und hast 20 verschiedene Firmen, die Tofu in 20 verschiedenen Geschmacksrichtungen anbieten."

Knapp 700.000 Menschen in Deutschland leben vegan

Wie leicht es geworden ist, sich in der Stadt vegan zu ernähren, lässt sich auch an der Anzahl der Lokale ablesen, die tierproduktfreie Kost anbieten. Mit dem Max Pett am Sendlinger Tor und dem Gratitude in der Türkenstraße gibt es zwei Restaurants, die ausschließlich Veganes anbieten. Das tun auch mehrere Cafés und, seit Dezember 2012, der neue Imbiss von Sandra Forster, Michi Kern und David Walker in der Schrannenhalle: das Boonian.

Als sie zusammen mit ihrem Partner Michi Kern 2005 das erste vegane Restaurant in München eröffnete, das Saf im Zerwirk-Gebäude, hielten sie in ihrem Freundeskreis noch alle für verrückt. Und auch wenn das Geschäft im Boonian noch zäh läuft: Das Signal, das von dem winzigen Stand ausgeht, ist eindeutig. Der Veganismus ist mitten in der Gesellschaft angekommen.

Anna Lena Hoening und Peter Ludig im Lokal 'Max Pett' in München.

Mitten in der Gesellschaft angekommen: Peter Ludig und Anna Lena Hoening in ihrem veganen Restaurant "Max Pett" in der Pettenkoferstrasse.

(Foto: Robert Haas)

Nach Schätzungen des Vegetarierbundes leben heute knapp 700.000 Menschen in Deutschland vegan, Tendenz steigend. Was viele umdenken lässt, sind Lebensmittelskandale: Sie haben fast immer mit Produkten tierischen Ursprungs zu tun. Andere werden Veganer, weil sie sich gesund ernähren wollen oder eine Allergie haben. Und dann gibt es noch die, die sich mit den ökologischen Folgen der Massentierhaltung beschäftigen oder es nicht ertragen, dass Millionen Schweine und Kühe gemästet und geschlachtet werden, nur, weil der Mensch Lust auf Steak oder Geschnetzeltes hat.

Veganismus ist längst zu einer Art Lifestyle geworden, man könnte auch sagen: zu einem politischen Statement. Prominente wie die Oscar-Preisträgerin Natalie Portman oder der Ex-Boxer Mike Tyson ernähren sich vegan, in Deutschland etwa der Schauspieler Christoph Maria Herbst, der Rapper Thomas D. von den Fantastischen Vier versucht es zumindest. Das tut der Bewegung gut, zieht es sie doch ein wenig aus der Ecke, in die sich die Öko-Krieger mitunter selbst gestellt haben, indem sie jedem Einzelnen erklärt haben, warum sie die besseren Menschen sind - ob der das nun hören wollte oder nicht. "Gerade am Anfang möchte man seine Vorsätze in die Welt hinausschreien", sagt Claudia Renner, "das hat wohl jeder Veganer."

Das kann durchaus nerven, das weiß sie selbst. Die Frage ist ohnehin: Kann man zu 100 Prozent vegan leben? Claudia Renner tut das nicht, sie arbeitet für ein Unternehmen, das Kleider aus Wolle herstellt. "Ich habe das mit meinem Gewissen ausfechten müssen", sagt sie. Sie entschied sich dann doch für den Job und die Kollegen.

"Ich rauche, ich trinke, ich esse Chips"

"Ich rauche, ich trinke, ich esse Chips": Sandra Forster in ihrem neuen Lokal Charlie.

(Foto: Catherina Hess)

Auch Sandra Forster sagt, sie habe kein ausgeprägtes Sendebewusstsein, wenn es darum geht, andere zum Veganismus zu bekehren, sie sieht sich auch nicht als "Gesundheitsapostel": "Ich rauche, ich trinke, ich esse Chips." Sie plädiert dafür, Veganern wie Nichtveganern ein attraktives Angebot zu machen, das war's.

Hier werden ihr wohl auch die Geschäftsführer des neuen Gratitude zustimmen. Alle vier sind keine Veganer, doch in der Ausrichtung ihres Restaurants sind sie noch radikaler als die Konkurrenz. Das Gratitude hat sich auf Rohkost spezialisiert, bei der Hälfte aller Gerichte werden die Lebensmittel nicht über 42 Grad erhitzt, denn nur so bleiben alle Vitamine, Spurenelemente und Enzyme erhalten.

Den gesundheitlichen Aspekt will Geschäftsführer Alexander Lasslop, 43, aber gar nicht so in den Vordergrund stellen, sondern den kulinarischen: "Die Freude am Essen steht bei Rohkost bislang nicht so im Vordergrund, das wollen wir ändern." Für jemanden, der am Wochenende gerne mal einen saftigen Burger isst und darin "kein Verbrechen" sieht, ist das eine bemerkenswerte Aussage.

Veganismus ist also sexy, doch ist er auch gesund? Eine rein vegane Ernährung hält die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bei Schwangeren, Neugeborenen und Kleinkindern nach wie vor für problematisch. Der Ökotrophologe Markus Keller, Leiter des Instituts für alternative und nachhaltige Ernährung in Gießen, sieht das anders. Er rät werdenden Eltern nur, sich beraten zu lassen.

Allerdings sagt er auch, eine vegane Ernährung sei "nicht zwangsläufig gesünder als eine nicht-vegane". Wichtig sei, auf eine abwechslungsreiche Zusammenstellung und eine breite Lebensmittelauswahl zu achten. Insbesondere müsse man das Vitamin B12 ergänzen, da dieses in ausreichender Menge nur in tierischen Lebensmitteln vorkomme. Die Versorgung damit könne man etwa durch Tabletten, angereicherte Lebensmittel - oder eine B12-haltige Zahnpasta sicherstellen.

Auf all dies könne man aber auch verzichten, sagt Claudia Renner, die ihren Lebenswandel in dem Blog "Claudi goes vegan" dokumentiert. In einem Eintrag hat sie ein Rezept veröffentlicht, für das man Datteln, Vanille, Kakao und Erdnüsse verwendet. Titel: "Snickers in rohvegan!!!"

© SZ vom 23.03.2013/infu
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