Vorschau:Ein Leben danach

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Die Münchner Philharmoniker stellen ihre erste Spielzeit nach dem Weggang Valery Gergievs vor.

Von Paul Schäufele, München

Unter normalen Umständen wäre die Vorstellung des Programms, das sich die Münchner Philharmoniker für ihre neue Spielzeit ausgedacht haben, eine relativ vorhersehbare Veranstaltung: ein paar wichtige Solistinnen und Gastdirigenten, neue Formate, einige Auftritte des Chefdirigenten. Seitdem das Orchester und OB Reiter im Februar eine Stellungnahme von Valery Gergiev gefordert hatten, die seine Ablehnung des russischen Angriffs auf die Ukraine deutlich machen sollte, diese dann aber ausblieb, ist der Chefposten vakant. Die ersten Konzerte ohne Gergiev konnten mit Manfred Honeck, Andris Nelsons und Daniele Gatti prominent umbesetzt werden. Doch die Frage steht im Raum: In welche Richtung geht die kommende chefdirigentenlose Saison?

Orchester-Intendant Paul Müller geht das Problem an, indem er die zig Namen der für die kommende Saison verpflichteten Dirigentinnen und Dirigenten vorträgt. Darunter sind alte Bekannte wie Andrea Marcon, der sich im achtzehnten Jahrhundert am wohlsten fühlt (7./8. Oktober); Philippe Jordan eine gute Woche später mit Hochromantik; Thomas Hengelbrock mit dem Pianisten und Tschaikowsky-Preisträger Alexandre Kantorow (zuerst am 26. Oktober) oder Paavo Järvi mit Chorsymphonik (11. März). Aber auch Debütanten wie Lahav Shani, der am 21. September mit dem Pianisten Seong-Jin Cho konzertiert, und Robin Ticciati. Er darf Mahlers Dritte mit der Solistin Elīna Garanča dirigieren (10./11. Dezember) und trägt damit zum programmatischen Ziel bei - nach langer Zeit soll die große Besetzung ausgenutzt werden.

Bewusst wurden auch hochbegabte Dirigentinnen eingeladen wie Oksana Lyniv, die das Eröffnungskonzert der Saison am 16. September gestaltet, oder Nathalie Stutzmann (18. November). Beide stimmen auf das Max-Reger-Jubiläum 2023 ein. "So, damit ist die Frage nach dem Chefdirigenten beantwortet", sagt Müller. Nun, nicht ganz, diese Orchesterleiter und Orchesterleiterinnen sind nicht alle auf dem musikalischen Transfermarkt. Aber man versteht die kommende Saison durchaus als "Brautschau", so Alexandra Gruber, die als Solo-Klarinettistin fürs Orchester spricht. Denn vor allem müsse es zwischen Orchester und Kandidaten "matchen", sagt Kulturreferent Anton Biebl. Dass Gergievs Weggang einen bitteren Geschmack hinterlassen hat, versteht sich von selbst und wird daher eher nicht zum Thema gemacht. Auch, dass Gergiev nicht der erste Philharmoniker-Chefdirigent ist, dessen Abschied nicht so reibungslos und einvernehmlich läuft, wie man sich das wünschen würde, wird nicht ausdiskutiert. Doch all das mag dazu führen, dass erst einmal ausgiebig probiert wird, wer zum Orchester passen könnte. "Wir lassen uns Zeit", sagt Biebl. Bis zum Ende des Jahres soll dem Stadtrat ein Name vorgelegt werden können.

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