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SZ-Serie: Urlaub in München:Weitsicht und Fernweh

Im Stehen paddeln, im Sand spielen, im Wasser planschen: Am Unterschleißheimer See ist das ohne Überfüllung möglich.

(Foto: Robert Haas)

Für viele Münchner ist der Unterschleißheimer See immer noch ein kleiner Geheimtipp. Mitten in einem Landschaftsschutzgebiet gelegen, ist er oft nicht so überlaufen wie andere Badegewässer. Für Kinder gibt es einen extra angelegten Sandstrand

Von Anna Hoben

Es fühlt sich tatsächlich ein bisschen an wie Urlaub, wenn Dennis Poyda die Tür öffnet und hinaustritt auf die Terrasse des Holzhäuschens der Wasserwacht, neben dem Bootssteg. Von hier aus kann er den ganzen See überblicken, den er so gut kennt. In nicht ganz so weiter Ferne rauscht die Autobahn, und Stromleitungen spannen sich über das Wasser, ansonsten stört nichts die Idylle. Es ist windig und kühl an diesem Nachmittag. Eine Schwimmerin zieht trotzdem ihre Bahnen und sieht glückselig aus, als sie dem See entsteigt. Ein paar Spaziergänger sitzen auf Bänken am Ufer. Ein Fahrradfahrer hat sich ein Bier aufgemacht und genießt die Einsamkeit vor dem Schönwetteransturm. Am Wochenende soll es wieder sonnig werden, man kann sich ungefähr vorstellen, wie es dann aussehen wird, hier am Unterschleißheimer See.

Es gibt ja nichts mehr, das nicht bei Google bewertet werden kann, auch Badeseen kriegen dort Lob und Tadel ab. "Eigentlich der schönste See im Münchner Norden", schreibt ein Nutzer über den Unterschleißheimer See, er vermittle Weitsicht und Fernweh. Für manchen Münchner ist er vielleicht auch wirklich noch ein kleiner Geheimtipp, zumindest eine Alternative. Wenn es an den üblichen Badeseen bei schönem Wetter proppenvoll ist, lohnt es sich, mal noch ein Stück weiter zu fahren und das Stadtgebiet hinter sich zu lassen. Natürlich ist auch am Unterschleißheimer See dann gut was los, aber es sei meist nicht ganz so überlaufen, sagt Dennis Poyda, "man findet schon noch einen Platz, ich finde es ganz angenehm".

Für manchen Münchner ist der See vielleicht noch ein kleiner Geheimtipp, zumindest eine Alternative.

(Foto: Robert Haas)

Mit zehn oder elf hat er in der Jugendgruppe der Wasserwacht Lohhof angefangen, ganz genau weiß er es nicht mehr. Seine beste Freundin hatte ihn und seinen Bruder mitgenommen. Der Bruder hatte dann den Fußball entdeckt, aber er war geblieben. Mit 18 ist er in den aktiven Dienst eingetreten, heute ist er 25 und betreut selber die Jugendgruppe, trainiert die Kinder, kümmert sich um Veranstaltungen und Ausflüge. In den vergangenen Wochen und Monaten hatte er überhaupt viel Zeit für sein liebstes Hobby und Ehrenamt: Poyda ist Pilot bei der Lufthansa, 2019 hat er seine Ausbildung beendet. Er war gerade drei Monate geflogen, mit der Lufthansa Cityline in europäische Städte, als Corona kam - Poyda wurde auf Kurzarbeit gesetzt und hatte fortan viel Freizeit. Sie haben gerade viel umstrukturiert bei der Wasserwacht, insofern war es "keine verschwendete Zeit". Vielleicht kann er im nächsten Monat wieder fliegen, und wenn nicht, "dann bin ich halt hier".

Die Arbeit in der Luft und das Ehrenamt im Wasser ergänzten sich hervorragend, sagt Dennis Poyda, "gerade weil es überhaupt nichts miteinander zu tun hat". Solche Kontraste, findet der 25-Jährige, "kann jeder brauchen". Hier am See hat er viele Stunden verbracht über die Jahre; von Mai an ist die Wasserwacht an allen Wochenenden mit Badewetter präsent. Die Ehrenamtlichen sind zur Stelle, wenn etwa ein Kind verloren geht oder im Wasser jemand in Not gerät. Ein- bis zweimal im Jahr passiere das, sagt Poyda.

Über die Sicherheit am Unterschleißheimer See wacht Dennis Poyda.

(Foto: Robert Haas)

Badewetter, das heißt: ab etwa 20 Grad Lufttemperatur - die soll es am Wochenende geben. An diesem Tag ist es kühler, die Wassertemperatur liegt bei 16 oder 17 Grad. "Mir wäre es zum Schwimmen zu kalt", sagt Poyda, 18 oder 19 Grad dürfe es für ihn schon haben. Man kann mit ihm nun mal eine Runde drehen um den See, die Strecke ist überschaubar: Ungefähr 800 Meter lang ist das ausgebaute Ufer, an dem gebadet werden kann; auf der anderen Seite befindet sich ein Naturschutzgebiet. Es nimmt etwa ein Drittel des Sees ein und zählt zu seinen Besonderheiten. Vom Gebäude der Wasserwacht aus passiert man als erstes einen kleinen, extra für Kinder angelegten Sandstrand, dahinter gibt es auch einen Spielplatz. Zwischen den Bäumen im folgenden Abschnitt hängen Slackliner gern ihre Balancierbänder auf. Biegt man links ab, führt ein Weg zum Fischerverein. Geht man stattdessen weiter geradeaus, kommt man in einen Bereich, in dem auch gegrillt werden darf. Zwei Beachvolleyball-Plätze gibt es außerdem. Kehrt man wieder zurück zur Wasserwacht, kann man die Wetterstation bewundern, die ein Vereinsmitglied auf dem Dach des Hauses gebaut hat. Nebenan befindet sich eine Gastronomie. Was man von hier draußen nicht sieht: die Taucherstation, an der die Wasserwachtler Rettungen, aber auch etwa das Knüpfen von Knoten unter Wasser üben können.

Der Unterschleißheimer See ist zwischen 1979 und 1983 im Zuge des Autobahnbaus München-Deggendorf entstanden, mitten im Landschaftsschutzgebiet Riedmoos. Er ist bis zu 14 Meter tief, die Liegeflächen drumherum umfassen 6,5 Hektar. Beliebt ist er mittlerweile auch bei Wassersportlern, die hier die Trendsportart Stand Up Paddling praktizieren. Sie reisen oftmals mit der S-Bahn an und fahren mit MVG-Leihrädern an den See.

45 aktive Mitglieder hat die Wasserwacht, altersmäßig ist alles dabei, von 16 bis über 60. Nachwuchs zu finden ist nicht einfach, wie in den meisten Vereinen. Für Dennis Poyda ist es die Kombination, die das Hobby so reizvoll macht: Spaß am Schwimmen und am Helfen, in der Freizeit etwas Sinnvolles zu tun, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Samstags nach Dienstschluss holt oft einer Fleisch, dann grillen sie und sitzen noch länger bei ein paar Bieren zusammen. Die Wasserwacht, sagt Poyda, "sie ist meine zweite Familie".

© SZ vom 13.06.2020
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