Unterbringung von Flüchtlingen "Wir leiden an diesem Ort"

Ungewisse Zukunft: In der Funkkaserne warten Männer, Frauen und Kinder darauf, ob sie in Deutschland bleiben dürfen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Im "Ankerzentrum" in der früheren Funkkaserne in München müssen mehrere Familien in einem Zimmer leben, Frauen sich mit wildfremden Männern einen Raum teilen. Nun wehren die Bewohner sich gegen die Zustände.

Von Thomas Anlauf

Wut, Frust, Verzweiflung sind Raphael A. ins Gesicht geschrieben. "Wir leben wie die Hühner in einem Käfig. Wir sind Gefangene", sagt der junge Mann. Sein Name soll nicht bekannt werden, er hat Angst um seine Familie. Raphael A. haust mit seiner Frau und einem nun einjährigen Kind in einem Raum. Im selben Zimmer lebt noch eine zweite Familie mit zwei Kindern, nur getrennt durch einen Vorhang. "Seit ich 2017 nach Deutschland gekommen bin, habe ich nie eine Privatsphäre gehabt", sagt der aus Westafrika stammende Mann.

Raphael A. und seine Familie leben in der ehemaligen Funkkaserne am Frankfurter Ring, die seit vergangenem Jahr ein sogenanntes Ankerzentrum ist. Eine staatliche Massenunterkunft, für "Ankunft, Entscheidung, Rückführung", das steht für die Abkürzung "Anker". Familien mit Kindern sollten eigentlich nur maximal sechs Monate dort bleiben, bevor sie entweder in reguläre Einrichtungen kommen oder abgeschoben werden. Raphael A. hängt hier seit mittlerweile 17 Monaten fest.

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Das Haus im Münchner Norden ist eine Dependance zum großen oberbayerischen "Ankerzentrum" in Manching. 370 Menschen dürfen hier maximal unterkommen. Derzeit sind dort 230 Menschen untergebracht, davon mehr als 80 Kinder, mehr als die Hälfte davon sind nach SZ-Informationen Babys und Kleinkinder. Es gibt kein geeignetes Zimmer zum Spielen oder für Förderangebote.

Die Menschen dort sind verdammt zum Nichtstun, es gibt keine Abwechslung im ungewissen Alltag. Sie leben täglich in der Angst, abgeschoben zu werden. "Sie benutzen uns, um Politik zu machen. Ich will arbeiten, aber sie geben mir keine Arbeit. Sie tun nichts - was für eine Art Leben ist das?", fragt A. Nachts ist es für viele oft besonders schlimm. "Wir können oft nicht schlafen, wenn eines der Kinder schreit. Dann wachen auch die anderen auf."

Die Menschen in der Kaserne werden zwar betreut, doch selbst für Sozialverbände ist das Angebot völlig unzureichend. "Die ,Ankereinrichtung' ist kein behüteter Ort für Kinder und Jugendliche", sagt Andrea Betz, bei der Inneren Mission für die Hilfe für Flüchtlinge, Migration und Integration zuständig. Die Innere Mission bietet in der Funkkaserne eine Flüchtlingsberatung sowie ein gewisses Unterstützungsangebot für Kinder und Jugendliche an und koordiniert das Engagement von Ehrenamtlichen dort.

Doch Betz kritisiert, dass "die Kinder keinen Platz zum Spielen oder Lernen" hätten. Insbesondere bräuchte es eine intensivere frühkindliche Entwicklungsförderung, dazu fehlten altersgerechte Angebots- und Rückzugsräume. "Von Seiten der politisch Verantwortlichen fordern wir einen humanen Umgang mit Geflüchteten, die in der ,Ankereinrichtung' leben", sagt Andrea Betz.

Zu einem humanen Umgang mit den Menschen zählt wohl kaum, dass sich dort Frauen mit wildfremden Männern ein Zimmer teilen müssen. Die zuständige Regierung von Oberbayern bestätigt die Zustände. "Derzeit sind neun Zimmer mit jeweils zwei Familien belegt", teilte die Pressestelle am Freitag mit. "Eine Geschlechtermischung in der Unterbringung halte ich für problematisch", sagt etwa Volker Mall, Ärztlicher Direktor am kbo-Kinderzentrum in München. "Das geht nicht." Mall, der auch Lehrstuhlinhaber für Sozialpädiatrie an der TU München ist, arbeitet seit Jahren mit der Chefärztin der Klinik für Jugendpsychosomatik und Kinder- und Jugendmedizin und stellvertretenden Klinikdirektorin am Klinikum rechts der Isar, Sigrid Aberl, an einem Projekt zur Untersuchung von Flüchtlingskindern und der Beratung der Eltern.