Tollwood-Festival:Der Charme kehrt zurück

Dr. Will

Experten für goldene Zeiten: Dr. Will (links) und Saschmo Bibergeil.

(Foto: Katharina Lukas)

Mit regionalen Künstler wie Dr. Will ist das Tollwood-Festival in diesem Jahr kleiner, aber entspannter.

Von Dirk Wagner, München

Erst hätte man drauf wetten wollen, das kleine Kind, das sich direkt vor die beiden Musiker aufstellte, hätte es nur auf das Skelett abgesehen, das witzig am Schlagzeugset baumelte. Wobei besagtes Set hier aus zwei übertuchten Bierkästen, einer nordafrikanischen Bechertrommel namens Darbuka und einem Becken bestand. Dr. Will spielte dieses selbstgezimmerte Schlagzeug am frühen Sonntagabend zumeist mit Jazz-Besen, derweil er dazu in einer Art den Blues sang, die auch mal an Tom Waits erinnerte. Begleitet wurde er von Saschmo Bibergeil auf einer achtsaitigen Resonatorgitarre, einer akustischen Gitarre, in deren Corpus metallene Trichter eingearbeitet sind, die wie ein mechanischer Lautsprecher den Klang der Gitarre verstärken.

Die Aufmerksamkeit, die das Kind der Präsentation vor der Strandbar der S-Beach schenkte, könnte auch ein erwachendes Musikinteresse andeuten. Eines, das einige andere Gäste auf dem Tollwood-Gelände zu Musikfans werden ließ. Trotzdem stellten die sich während des Konzerts nicht wie das Kind direkt vor die Band. Sie genossen das Konzert mit Corona-bedingtem Abstand an Biertischen sitzend, die auf dem mit reichlich Sand und Palmen nachgebildeten Strand auf dem Tollwood zum Verweilen einluden. Einige Gäste waren darum auch gar nicht wegen der Musik da. Trotzdem bot sie auch ihnen eine wunderbar nostalgische Atmosphäre, die nicht einmal der Regen zerstören konnte, der plötzlich einsetzte.

Manche fühlen sich beim diesjährigen Tollwood an die ersten Ausgaben des Festivals erinnert

Das Wetter meint es heuer ohnehin nicht besonders gut mit der kleineren Corona-Ausgabe des Sommer-Tollwoods. Das bewirkt freilich einen weiteren Besucherschwund. Ebenso haben nicht alle Verständnis dafür, dass sie auf dem Gelände eine Gesichtsmaske tragen müssen, so sie nicht sitzen. Die, die das Festival trotzdem besuchen, erleben eine entspannte Atmosphäre, die von vielen älteren Besuchern mit den ersten, damals auch noch kleineren Tollwood-Veranstaltungen verglichen wird. Ein Tollwood also ohne internationale Megastars und ohne diese völkerwanderungsartigen Massen, die bei schönem Wetter allein schon das Anstellen an einem Essensstand zum abendfüllenden Programm machen konnten. Zumindest die Besucher genossen darum am Sonntag überall einen freien Zugang. Selbst die vielen Kunstwerke auf dem Gelände kamen da besser zur Geltung. Kurz: Es war eine Freude, über das Gelände zu schlendern, leckere frisch gemachte Chips zu goutieren und auf der eigentlichen Konzertbühne des Tollwoods, dem Hacker-Pschorr-Brettl, dann auch noch die Münchner Band des Jahres 2020 laut einem Contest des Feierwerks zu erleben: Brew Barrymore.

Bei ihnen durfte auch getanzt werden, was bei deren Musik notwendig war. Ein Disco-tauglicher Bass trieb einen Tanzbeat an, über den sich dann eine spannende, zum Teil psychedelische Musik ausbreitete. Ganz dem Umweltgedanken des Tollwoods geschuldet wandelten Brew Barrymore auch noch den NDW-Hit der Schweizer Band Grauzone ab und sangen: "Ich möchte kein Eisbär sein am heißen Polar." Am Montag, 9. August, werden auch Dr. Will & The Wizards um 19 Uhr auf dem Brettl spielen. Vorab kann man Dr. Will diesen Sonntag, 1. August, von 17.30 Uhr an, noch einmal mit Saschmo Bibergeil auf der S-Beach erleben. Wer die Konzerte ebenso wie alle anderen Veranstaltungen auf dem Tollwood besuchen will, sollte Wartezeiten am Eingang zum Gelände einplanen. Dort werden Impfnachweise und Schnelltests geprüft.

© SZ/chj
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