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Hörenswert:Ohne Verfallsdatum

Blues-Paradiesvogel Dr. Will verzaubert mit neuem Album

Von Oliver Hochkeppel

Ein offizielles Release-Konzert oder eine große Tour waren ohnehin nicht geplant. Aber ein paar Auftritte und wohl etwas mehr Publicity hatte Will Hampel alias Dr. Will schon auf dem Zettel für sein neues Album "I Want My Money Back". Während die meisten Labels ihre Veröffentlichungen nun auf Spätsommer oder Herbst verschoben haben, ist Dr. Wills Werk jetzt mitten im Corona-Shutdown erschienen. Aber mit der Krise steht der Paradiesvogel mit den knallbunten Anzügen, dem Gangster-Oberlippenbart und den extravaganten Kopfbedeckungen in seinem Genre seit jeher auf du und du: Hat es der Blues doch seit vielen Jahren mit am schwersten, aus der Nostalgiker- und Outlaw-Nische wieder in den Mainstream zu kommen, nicht einmal die Neo-Soul-Welle hat wirklich helfen können.

Dabei hat der Blues viel mehr Facetten und Formen als beispielsweise Funk, Soul oder gar Hip-Hop, reicht die Palette doch vom puristischen Delta-Blues über jazzigen Chicago-Blues oder den schwü- len Südstaatenblues bis zum harten Rhythm 'n' Blues oder gar zum Bluesrock. All diese Spielarten kommen bei dem "Neo-Blues" zusammen, den Dr. Will seit einigen Alben kultiviert und nun auf "I Want My Money Back" zu Höchstform auflaufen lässt. Süffige Songs, vorzugsweise mit Shuffle-, Jump- oder auch mal einem Ragtime-Rhythmus sind das wieder, bei denen man nicht viel Fantasie braucht, um sich das Revue-artige Setting vorzustellen, wie es Dr. Will live so liebt. Instrumental weit aufgefächert von der schollernden, zwischendurch an Prince erinnernden Rock 'n' Roll-Gitarre (schon beim "Hoodoo Moon"-Einstieg) und Banjo-Reminiszenzen ("Rosie's Boudoir"), über wabernde Hammond-Orgel und fast ironischem Wurlitzer-E-Piano ("The Hell Outta Here") oder kreischendem Tenorsaxofon bis zu Posaunen-, Xylofon- und Background-Chor-Einsprengseln.

Dafür hat Dr. Will wieder die üblichen Verdächtigen rekrutiert, die Crème de la Crème der hiesigen Blues-Affinen, von den Gitarristen Saschmo Bibergeil, Arjan Bakker (der auch einige Stücke mitkomponierte), Uli Kuempfel, Titus Vollmer und seinem Bruder Schorsch Hampel über den Bassisten Jürgen Reiter, den Holzbläser Thilo Kreitmayr, den Pianisten Matthias Bublath bis zu Drummer Oskar Kraus oder der Rock-Röhre Claudia Cane, mit denen er sich abwechselt. Denn Will Hampel mischt als gelernter Drummer auch an Schlagzeug und Perkussion mit, und sein unverwechselbar dunkelrauer, wie von Whisky und Zigaretten gegerbter Sprech- und Shout-Gesang liegt natürlich über, oder vielleicht besser unter allem.

Mehr denn je durchzieht ein ironischer, humorvoller Ton diese - nicht erst beim mit Sandra Steffl alias Sandy Beach als "Bonustrack" gesungenen Klassiker "Summer Wine" - dadurch ganz in die Gegenwart geholte knallige Retro-Show, die sich ganz authentisch an den Stationen und Vorbildern Hampels entlang hangelt. Am New Orleans eines Dr. John oder eines Willy De Ville (mit dem Dr. Will einst oft die Bühne teilte), an der Westküste eines Tom Waits oder eines Captain Beefhearts wie auch am härteren Sound Londons, wo er einige Zeit lebte. Die Einheit von Figur, Ausdruck und Klang, das macht Dr. Will im Augenblick in diesem Segment wohl weltweit keiner nach. Wenn er in "Walking Crippled" (das auch die schöne Albumtitel-Zeile enthält) singt: "I'm past my best-before date, ... now it's too late to go somewhere else", dann möchte man ihm augenzwinkernd mit dem Refrain des vorigen Songs entgegnen: "Keep on beating your good old big old drum."

Dr. Will: "I Want My Money Back", Solid Pack Records Nr. 107, www.drwill.de

© SZ vom 21.04.2020
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