Theresienwiese:Kritik am neuen Forum Schwanthalerhöhe wächst

Theresienwiese: Im Wandel: das Forum Schwanthalerhöhe.

Im Wandel: das Forum Schwanthalerhöhe.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Im umgestalteten Forum Schwanthalerhöhe eröffnen jetzt die ersten Geschäfte.
  • Komplett in Betrieb sein soll das "Forum" erst im Laufe des kommenden Jahres - doch schon jetzt äußern die Nachbarn Bedenken.
  • Das Einkaufszentrum entsteht in dem gewaltigen Wohn- und Handelskomplex oberhalb der Theresienwiese, der in den Siebzigerjahren nach Plänen des Architekten Ernst Maria Lang entstand.

Von Sebastian Krass und Sonja Niesmann

Eine Pfütze, oh Schreck. Sofort fragt Willi Pfaff in den Aufbautrubel hinein: "Wo kommt das Wasser hier auf dem Boden her?" Eine tropfende Decke oder so, das braucht jetzt wirklich niemand. Aber Entwarnung kommt sofort. Ist nur eine Weinflasche runtergefallen, sagt ein Mitarbeiter. Puh! Die übrigen Weinflaschen stehen schon schön sortiert und mit Etikett nach vorn im Regal, wie auch der Kaffee und die Kosmetik. Käselaibe werden gerade in die Kühltheke verladen, Frischfleisch und Wurst folgen bald. Zwar montieren noch Handwerker auf Leitern an der Beleuchtung herum. Aber Pfaff, Geschäftsführer der Biomarktkette Vollcorner, ist jetzt, Anfang der Woche, guter Dinge, dass an diesem Donnerstag seine 18. Filiale ordnungsgemäß aufsperren kann.

Es ist nicht nur für sein Unternehmen ein wichtiger Schritt, weil das Geschäft an der Schwanthalerhöhe das bisher größte von Vollcorner ist. Zusammen mit der Apotheke und der Parfümerie, die am selben Tag eröffnen sollen, und dem Restaurant der Kette L'Osteria, das am Freitag folgt, bedeutet das auch den Start des Einkaufszentrums "Forum Schwanthalerhöhe", an dem seit zwei Jahren gebaut wird. Es ist allerdings nur ein Teilstart. Denn für den 3000 Quadratmeter großen Edeka im Untergeschoss gibt es noch keinen Eröffnungstermin. Und der benachbarte, noch größere Teil des Einkaufszentrums wird noch eine ganze Weile Baustelle bleiben. Komplett in Betrieb sein soll das "Forum" erst im Laufe des kommenden Jahres.

Das Einkaufszentrum entsteht in dem gewaltigen Wohn- und Handelskomplex oberhalb der Theresienwiese, der in den Siebzigerjahren nach Plänen des Architekten Ernst Maria Lang entstand. Die Handelsflächen lagen weitgehend brach, seit 2013 das Möbelhaus XXXLutz und zwei Jahre später der Spielzeughändler Toys'r'us ausgezogen waren. Den Gebäudeteil, in dem das Möbelhaus war, kaufte die Hamburger Immobilienfirma HBB, der andere Teil ist seit jeher im Besitz der Bayerischen Hausbau - hier gibt es auch die ersten Eröffnungen. Nachdem die Stadt darauf gedrungen hatte, entwickelten die Unternehmen zusammen das Konzept für ein gemeinsames Einkaufszentrum. Allein für ihren Teil kalkuliert die HBB mit Investitionen von 240 Millionen Euro. Die Hausbau macht dazu keine Angaben.

Die Anwohner begleiteten das Projekt mit gemischten Gefühlen. Einerseits freuten sie sich auf eine Neugestaltung des heruntergekommenen Komplexes, ebenso auf mehr Einkaufsmöglichkeiten. Andererseits wünschten sich die Bürger, dass auch Platz für soziale oder kulturelle Nutzung entsteht. Und sie fürchteten den Baulärm. Tatsächlich leidet die Wohnqualität in der Nachbarschaft erheblich. In den letzten Wochen hat sich die Lage zugespitzt. Von 7 bis 20 Uhr ist die reguläre Arbeitszeit, sogar bis 22 Uhr darf gewerkelt werden, wenn es nicht lärmintensiv ist. Und weil Außenflächen vor dem Oktoberfest fertig werden müssen und die ersten Eröffnungen anstanden, erwirkte die Hausbau bei den Behörden eine Sondergenehmigung, auch an zwei Sonntagen zu arbeiten.

Theresienwiese: Vollcorner gehört zu den ersten, die im neu gestalteten Forum Schwanthalerhöhe eröffnen.

Vollcorner gehört zu den ersten, die im neu gestalteten Forum Schwanthalerhöhe eröffnen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In der Nachbarschaft formierte sich eine Initiative, Entschädigung von den Bauherren zu verlangen. Die sehen dafür aber keine Grundlage. Man habe sich an die Auflagen gehalten, versichert Leopold von Schirnding, Projektleiter der Hausbau. Er verspricht: Ende dieser Woche sei das Gröbste vorbei. Dennoch haben manche das Gefühl, die Bauherren setzten ihre kommerziellen Interessen durch, ohne Rücksicht auf Sorgen und Bedürfnisse von Anwohnern zu nehmen.

Die Kritik an dem Projekt richtete sich zuletzt auch gegen Vollcorner, der nur 800 Meter entfernt in der Kazmairstraße bereits eine Filiale hat, die nun renoviert wird. Mit dem Einzug in das Einkaufszentrum, schreibt auf Facebook eine angebliche Stammkundin, "kehrt ihr unserem Viertel und - meiner Ansicht nach - auch euren Idealen den Rücken. Wenn ihr denkt, das ist der nächste logische Schritt in eurer Firmenstrategie, (...) dann schadet euch eine Kundin weniger auch nicht." Ein anderer springt ihr bei: "Wenn der große Reibach winkt, nimmt man vielleicht auch in Kauf, in einem Atemzug mit L'Osteria, H&M und dergleichen genannt zu werden."

Vollcorner reagierte mit einer Stellungnahme, in der es heißt: "Unser Vermieter ist die Bayerische Hausbau, die seit vielen Jahren Eigentümer des Objekts (...) ist. Hier wird also nichts gekauft und mit hohem Gewinn weiter verscherbelt." Es sei in München schwierig, "größere Mietobjekte zu finden, die nicht Spekulanten gehören". Die Entscheidung für den Standort verteidigt das Unternehmen auch damit, dass die Hausbau einen Biomarkt haben wollte, "für uns stellte sich damit die Frage: Mieten wir selbst oder überlassen wir das Feld jemand anderem?" Nun hoffen sie beim Vollcorner, dass sich die Aufregung legt.

Dazu könnte beitragen, dass es nun so aussieht, als bekäme das Einkaufszentrum auch eine kulturelle Einrichtung: Die HBB will an der Südwestecke des Karrees ein viergeschossiges Gebäude für das Kinder- und Jugendmuseum errichten und an die Stadt vermieten. Das im Starnberger Flügelbahnhof untergebrachte Museum muss Anfang 2020 der Umgestaltung des Hauptbahnhofes weichen. "Das ist auf einem guten Weg", glaubt HBB-Geschäftsführer Harald Ortner zu den Plänen für das Museum. "Wenn das klappen würde, hätten wir Wort gehalten, dass auch eine öffentliche Nutzung dort unterkommt." Andreas Ernstberger, Geschäftsführer des Museums, findet den Standort sogar besser: "Wir würden dort als eigenständiges Gebäude ins Auge fallen."

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