Porträt:Die Nase weit vorn

Porträt: Ausstellen oder nicht? Die Karikaturen von Isa (Soner Er) sind schon in der Schulzeit ein Stein des Anstoßes.

Ausstellen oder nicht? Die Karikaturen von Isa (Soner Er) sind schon in der Schulzeit ein Stein des Anstoßes.

(Foto: Maja Das Gupta/Illustrationen: Siegmar Warnecke)

Die Münchner Autorin Maja Das Gupta beweist mit ihren Jugendstücken viel Gespür für brisante Themen - diese kommen bei jungen Menschen richtig gut an.

Von Barbara Hordych

Der titelgebende Gesichtserker bleibt bei der Aufführung von "Kerims Nase" unsichtbar. Dafür erscheint Kerims Klassenkamerad Isa auf der Bühne des Pepper Theaters, verkörpert von dem Augsburger Schauspieler Soner Er. Und der erzählt dem Publikum, das an diesem Vormittag aus Schülern und Schülerinnen der 8. Jahrgangsstufe der Elly-Heuss-Realschule und der Europäischen Schule besteht, von der gemeinsamen Schulzeit. In der Isa, wenn er zu viel schwatzte, weggesetzt wurde, neben Kerim. "Sofort wurden meine Mathenoten besser", erinnert sich Isa. Das lag aber nicht daran, dass er auf einmal besser gelernt hätte. Sondern an Kerims Nase, die so spezifisch und "beweglich" war, dass er Isa bei Tests die richtigen Ergebnisse signalisieren konnte.

Kerims hilfreiche Nase wird jedoch zum Problem für Isa, den muslimischen Türken. Denn als er sie zur Belustigung von Lara, der Schwester seines Freundes Ahmed, beide sind christliche Türken, zeichnet, gibt es Ärger. "Das ist eine Mohammed-Karikatur", provoziert ihn Ahmed vor der Lehrerin. Überhaupt ärgert er Isa gerne, etwa wenn er ihn ahnungslos die Pute im Salat essen lässt und ihm erst später verrät, dass es eigentlich Schwein war.

Damals ließen sich die Wogen um die angebliche Karikatur noch schnell glätten - später wurden Isa und Lara sogar ein Paar und Eltern eines Kindes. Doch dann handelte sich Isa mit seinen Zeichnungen Morddrohungen ein, weshalb ihn Lara verließ. "Wollt ihr mir erlauben, hier, in meiner ehemaligen Klasse meine Zeichnungen auszustellen?", fragt Soner Er alias Isa das Publikum - in der Hoffnung auf eine Versöhnung mit Lara.

Porträt: Autorin mit einem besonderen Gespür für "Kulturknicke": Maja Das Gupta.

Autorin mit einem besonderen Gespür für "Kulturknicke": Maja Das Gupta.

(Foto: Joa van Overstraaten)

Alle Hände schnellen nach oben, ja, klar, sie würden es erlauben. Und schon ist man mittendrin in einer Diskussion, für die sich die Autorin und Regisseurin Maja Das Gupta und der Schauspieler Soner Er auf die Bühne setzen. "Ob die Geschichte wahr sei", will einer der Zuhörer wissen. "Was er denn glaube?", fragt die Autorin zurück. Bestimmt sei sie wahr, vermutet der Angesprochene, andere um ihn herum nicken. "Warum?", fragt die Autorin zurück. Wieder gehen mehrere Finger in die Höhe. "Es ist alles genau so wie bei uns", lautet die Antwort. "Vielleicht kann ich es euch so erklären: Die Geschichte basiert nicht auf einem wahren Erlebnis, sondern auf vielen wahren Erlebnissen", sagt Maja Das Gupta.

Porträt: Große Nähe zwischen Figur und Darsteller: Der 25-jährige Soner Er aus Augsburg besucht derzeit noch die Schauspielschule Ruth Zerboni in München.

Große Nähe zwischen Figur und Darsteller: Der 25-jährige Soner Er aus Augsburg besucht derzeit noch die Schauspielschule Ruth Zerboni in München.

(Foto: Annabel Casper)

Dass ihnen allen die Geschichte so nah geht, liegt sicherlich auch an dem 25 Jahre alten Darsteller, der derzeit noch die Schauspielschule Ruth Zerboni besucht, in der Regie von Das Gupta die Geschichte so überzeugend zu seiner eigenen macht, dass fiktive Figur und Schauspieler kaum auseinanderzuhalten sind. Vor allem liegt es aber an dem Recherche-Handwerk und der poetischen Verdichtungs-Kraft von Maja Das Gupta. Mit denen sie auch ihre Jugendstücke "Lillys Bus", "Ela fliegt auf" oder "Elias Revolution" gestaltet hat, die in den vergangenen Jahren deutschlandweit - und immer wieder in München zu sehen waren. In denen sie die Lebenswirklichkeit, die Dilemmata von jungen Menschen mit Migrationshintergrund, direkt in den Kern trifft. Da ist die junge Roma aus "Lillys Bus", die sich selbst als "Schwindlerin" bezeichnet und von erfundenen Reisen erzählt. Oder das Roadmovie "Ela fliegt auf", in dem eine Pseudo-Familie das Thema Asyl konterkariert.

Diese sehr spezifische (und andernorts viel zu oft nur behauptete) Qualität, Jugendliche unmittelbar anzusprechen, honorieren jetzt auch das Kulturreferat München und mehrere Stadttheater, die Maja Das Gupta mit diversen Stück- und Wiederaufnahme-Förderungen sowie Projektstipendien ermöglichen, ihre Arbeit fortzuführen. Gerade erhielt sie eine Dreijahresförderung der Landeshauptstadt München in Höhe von 10000 Euro pro Jahr. Die will sie nun einsetzen, um die Struktur ihres "kleinen Wandertheaters" auf- und auszubauen. "Dazu gehören die komplette Kommunikation, ein Verteiler, eine Website, Mitschnitte der Inszenierungen, die Kooperationen mit den Schulen", zählt Das Gupta auf. Zudem birgt es für sie Vorteile, ihre Stücke wie etwa "Kerims Nase", das bereits 2013 uraufgeführt wurde, in Eigenregie "nachzuinszenieren", wie sie es nennt. Ungern erinnert sie sich an eine Aufführung, in der die Debatte um die Karikaturen einfach herausgeschnitten wurde. "Übrig blieb so eine nette Kennenlern-Geschichte zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft; das wäre so, als wenn man die Geschichte von Romeo und Julia ohne das tödliche Ende aufführen würde", sagt Das Gupta. Das Stück habe zuletzt durch den Anschlag auf Salman Rushdie wieder an Aktualität gewonnen. Umso mehr freut sie sich, dass es ebenso wie das Klimastück "Elias Revolution" von Februar 2023 an in München wieder aufgenommen wird.

Dass sie so häufig in der migrantischen Community recherchiere, ein besonderes Gespür für interkulturelle Stoffe und die "Kulturknicke" in den jeweiligen Biografien besitze, habe sich eher zufällig ergeben, sagt die in München geborene Autorin, die an der LMU und am Literaturinstitut Leipzig studiert hat. Wobei natürlich ihre eigene Lebensgeschichte, mit einem Vater, der im Alter von 22 Jahren aus Indien aus- und über England nach Deutschland eingewandert sei, sie sicherlich für diese "Kulturknicke" sensibilisiert habe. Identität sei nicht nur ein Thema im Kontext von Zuwanderung und Migration. Nur allzu gut erinnere sie sich an die Erzählungen ihrer Mutter, die als protestantisches Mädchen in Regensburg zur Schule ging. "Da gab es die Schürzen-Pflicht für alle protestantischen Mädchen, in einem katholisch geprägten Umfeld und an einer ebensolchen Schule". Schon da könne man sich ganz gut vorstellen, was das für die einzelnen bedeutet habe.

Kerims Nase, Fr., 28. Okt., 11 Uhr, Giesinger Kulturbahnhof; Wiederaufnahme 15. bis 19. Feb. 2023, Pathos Theater; weitere Termine über : http://www.literaturport.de/Maja.Das-Gupta/

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