Theater:Sexarbeit auf der Bühne

Lesezeit: 2 min

Theater: Rosa ist eine klare Farbe: Am Theater Hoch X arbeiten sich Angela Aux, Lisa Marie Stojčev und Mara Widmann (v. li.) durch die Themen Sexarbeit und Prostitution.

Rosa ist eine klare Farbe: Am Theater Hoch X arbeiten sich Angela Aux, Lisa Marie Stojčev und Mara Widmann (v. li.) durch die Themen Sexarbeit und Prostitution.

(Foto: Judith Buss)

Karen Breece hat fürs "Hoch X" einen Abend zur Prostitution entwickelt. Sie setzt dabei auf Theater - und noch viel mehr auf Experten-Gespräche.

Von Yvonne Poppek

Ein Ergebnis wäre nicht schlecht. Erst Recht nach mehr als drei Stunden. Aber den Zahn hat Schauspielerin Mara Widmann einem gleich zu Beginn des Abends im Theater Hoch X gezogen: "Am Ende steht man dann wieder am Anfang. Vor einem Riesenproblem." Das Riesenproblem ist das Themenfeld Sexarbeit und Prostitution. Regisseurin und Autorin Karen Breece hat dazu recherchiert, mit Menschen aus diesem Umfeld und Experten gesprochen und einen Abend entwickelt, der Theater, Live-Musik, Talkshow-Elemente, Vorträge und Erfahrungsberichte miteinander verbindet. Das klingt nach dem, wie es ist: viel. Was es nicht ist, ist ein "typisches Freie-Szene-Stück", "so voll Avantgarde". Aber das hatten Widmann und ihre Kollegin Lisa Marie Stojcev in ihrem Anfangsdialog auch nicht versprochen.

Der Start in "Love for Sale" ist ein leichter. Widmann, Stojcev und Angela Aux, an dem Abend für die weichumwölkten Songs zuständig, treten auf im Irma La Douce-Kostüm, grüne Strumpfhose, schwarzes Kleid, grüne Schleife im braunen Lockenkopf. Die Bühne dominiert ein riesiger Flokati, der auch das mittig platzierte Doppelbett unter sich begräbt. Rosa Plüschatmosphäre also, das Thema ist gesetzt. Anfangs tasten sich die wunderbar fahrige Widmann und die herrlich genervte Stojcev an das Thema heran. Ein bisschen Geplänkel mit dem Publikum, jetzt komme ein hartes Thema, eben nicht "so voll Avantgarde". Dann legt sich Stojcev auf das Bett, spreizt die Beine und Widmann preist dem Publikum die Sexdienste der Kollegin an. Sofort ist die Leichtigkeit verschwunden, die Atmosphäre rutscht ins Unangenehme und Klebrige.

Wie in einer Talkshow geht es um die harte Realität

Diese Anfangsidee ist stark, bleibt allerdings als theatrales Element eines von wenigen. Widmanns und Stojcevs weitere Hauptaufgabe liegt eher darin, Moderatorinnen zu sein. Breece hat für "Love for Sale" keinen durchgehenden Text geschrieben. Sie holt immer wieder Experten auf die Bühne. Die nehmen dann meistens zwischen den beiden Spielerinnen auf dem Plüsch-Bett Platz. Dort geht es dann wie in einer Talkshow um die harte Realität.

Breece setzt dabei auf ein möglichst breites Bild. Vereinfachen liegt ihr nicht, da krachen auch unterschiedliche Perspektiven aufeinander. Sexualassistentin und Sexarbeit-Aktivistin Stephanie Klee, die in einem Video zu sehen ist, erzählt von ihrem freiwilligem Weg in die Prostitution und appelliert, Sexarbeit als normalen Wirtschaftszweig zu behandeln. Der Gynäkologe Dr. Wolfgang Heide, der ehrenamtlich Prostituierte versorgt, tritt dafür ein, dass Sexkauf verboten wird. Das kann er leicht untermauern, wenn er von entwürdigenden, ekelhaften, menschenverachtenden Praktiken erzählt, von Zwang. "Zehn, 15 Freier am Tag, da haben Sie Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen", sagt er. Und die Psychotherapeutin Anna Schreiber, die über ihre einstigen Erfahrungen als Prostituierte ein Buch geschrieben hat, macht an diesem Theaterinfoabend abschließend deutlich, warum Prostitution "mit Geld kaschierte Gewalt" ist.

Love for Sale, noch bis Mi., 30. November, Theater Hoch X, Entenbachstr. 37, Telefon: 089/90 15 51 02

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema