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Zweite Stammstrecke:"Eine Frechheit, dass ich die Leute nicht informiere, aber vorher ein Besäufnis veranstalte"

Knapp 150 Menschen protestierten im Februar gegen den Bau der neuen S-Bahn-Röhre.

(Foto: Robert Haas)
  • In Haidhausen wird es so schnell keine neue Bürgerversammlung zur zweiten Stammstrecke geben.
  • Eine im Februar geplante Versammlung musste wegen zu hohen Andrangs abgesagt werden.
  • Am 5. April soll der Spatenstich zum Bau der Röhre stattfinden. Die Haidhauser werden jahrelang von den Bauarbeiten betroffen sein.

Wird ihr Stadtteil im Dreck versinken? Ist der Schulweg ihrer Kinder noch sicher, wenn im Minutentakt Lastwagen durch enge Straßen gelotst werden? Bleibt den Läden und Lokalen die Kundschaft aus, wenn jahrelang vor ihrer Haustür gebuddelt wird? Die Haidhauser sind unsicher, was genau passiert, wenn die Arbeiten zur zweiten Stammstrecke in ihrem Viertel beginnen.

Doch die außerordentliche Bürgerversammlung, die im Februar wegen zu großen Andrangs geplatzt war, findet so schnell keine Neuauflage. Bei der Stadt ist zwar weder ein genaues Datum noch ein Zeitrahmen zu erfahren, das muss noch geklärt werden. Sicher ist offenbar aber: Vor dem geplanten Spatenstich zum Bau der Röhre am 5. April wird die Versammlung nicht stattfinden.

Das Problem: Einerseits müssen Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) einen gemeinsamen möglichen Termin finden. Andererseits müsste dann eben zu diesem Zeitpunkt ein ausreichend großer Saal zur Verfügung stehen. Das könnte zum Beispiel die Philharmonie im Gasteig sein, in der es knapp 2400 Sitzplätze gibt. Doch das ist laut Adelheid Dietz-Will (SPD), der Vorsitzenden des Bezirksausschusses Au-Haidhausen eben nicht so einfach. Trotz des laufenden Programms dort hätte es Termine in der Philharmonie gegeben, "doch da konnte keiner", sagt sie. Auch der Nockherberg, wo man bis zu 1440 Leute unterbringen könnte, scheidet aus. Dort ist bis Ostern Starkbierfest, danach wird der Nockherberg renoviert.

Beim Informationsbedürfnis der Haidhauser geht auch um Details, die sie gerne von den Verantwortlichen der Bahn direkt erklärt bekommen würden. Zum Beispiel dies: Wenn der Rettungsschacht an der Kellerstraße von 2019 bis 2022 gebaut wird, sollen die Häuser an der Baustelle für 18 Monate eingerüstet werden, aus Brandschutzgründen. Laut Bahn ist das notwendig, weil die Feuerwehr hier keine Rettungsleitern anlegen kann, dafür ist kein Platz. Das Gerüst dient so als Rettungsweg. Stephan Schwetz, Wirt des Lollo Rosso Bar(varian) Grill, bangt wegen dieses Gerüsts um die Zukunft seines Lokals. Eine Klage wäre ihm zu teuer gewesen, sagt er. Und eine Entschädigung kann er nicht erwarten, das Gerüst sei so lichtdurchlässig, dass es zumutbar sei.

Schwetz ist nicht allein mit seinen Ängsten, wie man bei dem ungewöhnlich großen Andrang bei der Bürgerversammlung im Februar gesehen hat. 500 Leute waren bereits im Saal, etwa 200 warteten draußen vergeblich auf Einlass. Die Grünen im Stadtrat haben da eine klare Position: Ein Spatenstich vor einer neu angesetzten Bürgerversammlung müsse bei den Betroffenen den fatalen Eindruck hervorrufen, dass ihre Sicht der Dinge, ihre Einwände und Anregungen, ihr politisches Engagement nicht ins Gewicht falle.

Ingeborg Michelfeit, die Vorsitzende der Bürgerinitiative Haidhausen drückt sich da schon deftiger aus. In Hinblick auf das große Bürgerfest zum Spatenstich meint sie: "Es ist doch eine Frechheit, dass ich die Leute nicht informiere, aber vorher ein Besäufnis veranstalte." Für Michelfeit ist der Spatenstich nichts als eine "Politshow", dabei habe sie nicht prinzipiell etwas gegen ein Bürgerfest, sagt sie. "Aber erst, wenn das Projekt fertig ist, als Entschädigung für die Bürger."

© SZ vom 22.03.2017/eca

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