Tabakverzicht Dampf mit Geschmack

Wie beim Kriegsrat - E-Zigarettenraucher treffen sich in Berg am Laim zu ihrem Stammtisch.

(Foto: Claus Schunk)

Die E-Zigarette ist mehr als ein Ersatz für das Rauchen, für manche ist sie eine neue Form der Freizeitbeschäftigung

Von Markus Mayr

Wenn eine Zigarette in der Hand cool wirkt, dann bedeutet die E-Zigarette trotz gekühlten Rauchs doch eine Einbuße an Lässigkeit. Daria Aibabina sitzt auf der Couch in ihrem Laden "E-Smoggi" und pafft. Die E-Zigarette in ihrer Hand sieht aus wie ein kleines Walkie-Talkie aus Edelstahl.

Der Akkublock ist quaderförmig, der Dampfaufsatz samt Mundstück könnte eine Antenne sein. Die erste Zigarette rauchte die heute 46-Jährige mit 13 Jahren. Im Laufe ihres Lebens hat Aibabina sich zur leidenschaftlichen Raucherin entwickelt. Vor vier Jahren ist sie umgestiegen. Eine Freundin hatte es ihr vorgemacht und sich eine E-Zigarette in der Apotheke gekauft.

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Neben ihrem Genussleben hat Aibabina gleich noch passend dazu den Beruf geändert und vor drei Jahren den Shop für E-Zigaretten und Zubehör in Berg am Laim eröffnet - ein Treffpunkt für Dampfer, wie sich die Anhänger der E-Zigarette selbst nennen.

"Man riecht es sowieso nicht"

Daria Aibabina gibt zu, dass sie sich noch "zwei bis drei Zigaretten morgens zum Kaffee" gönnt. Doch ansonsten habe sie sich dem Tabakverzicht verschrieben. Viele Münchner Nikotinsüchtige tun es ihr gleich. Die E-Zigarette macht sich seit etwa vier Jahren in der Münchner Raucherszene breit, die es seit dem 2010 verabschiedeten Qualmverbot schwer hat.

Doch Menschen wie der Wirt Salvatore Viscomi schaffen dem Milieu Nischen. Viscomi hat nichts gegen E-Zigarette und Essen im gleichen Raum. Seine Trattoria liegt neben Aibabinas Shop. Die nennt viele ihrer Kunden inzwischen "gute Bekannte und Freunde". Und sie treffen sich monatlich in Viscomis Restaurant zum Stammtisch. Etwa 20 Dampfer testen dann dort den Dunst der anderen.

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Im "San Michele" nimmt die Bedienung den Gästen beim Eintreten Jacken und Mäntel ab, es ist ein Restaurant, das man als gehoben einstufen kann. Doch: "Noch nie hat sich ein Gast beschwert" über den Dampf vom Nebentisch, sagt Viscomi. Auch ohne Stammtisch würde er jeden im vollbesetzten Lokal dampfen lassen. "Man riecht es sowieso nicht", sagt er. Ob ein Wirt die E-Zigaretten in seinem Lokal zulässt, liegt ganz bei ihm, ein Gesetz gibt es nicht. Es gilt das Hausrecht.

Im Münchner Untergrund steigen mitunter Dampfwölkchen auf

Von diesem Recht macht die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) Gebrauch. Eine knurrige Stimme am Telefon verrät, was sowohl auf den Bahnsteigen als auch in den Zügen gilt: "Keine Zigaretten und auch keine E-Zigaretten." Entsprechende Hinweisschildchen gibt es allerdings nicht. So kann es schon vorkommen, dass im Münchner Untergrund Dampfwölkchen aufsteigen.

Auch in den Hörsälen der Münchner Hochschulen taucht mitunter der eine oder andere Student mit E-Zigarette auf. Wenn das passiert, mag ihn der womöglich verdutzte Dozent je nach Hausordnung gewähren lassen oder nicht. Doch es gilt, was eigentlich immer gelten sollte: Rücksicht nehmen.

Die Luft in Aibabinas Laden riecht süßlich und fruchtig

Tom P., einer von Aibabinas Stammtischfreunden, legt darauf viel Wert. Es müsse ja nicht immer alles gleich per Gesetz geregelt werden. "Ich frage die Leute um mich herum, ob ich dampfen darf", sagt er. Wenn sie das nicht möchten, dann "kann ich die Stunde, bis ich wieder rauskomme, schon aushalten". An diesem Nachmittag kann er nach Herzenslust auch im geschlossenen Raum dampfen. Er ist aus seinem Wohnort Bad Aibling ins E-Smoggi gefahren. Um sich dort auszutauschen mit Gleichgesinnten.

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Dampfen ist nicht nur Suchtbefriedigung und Ersatz für Rauchrituale, sondern offenbar auch Freizeitbeschäftigung. Rauchen heißt: Rausgehen zum Kippenautomaten, wahlweise zum Kiosk, Schachtel kaufen, Kippe anzünden, draußen bleiben.

Dampfen dagegen geht so: Man betritt den Laden, nimmt den angebotenen Kaffee, testet verschiedene Geschmacksrichtungen für die E-Zigarette und wählt aus, lässt sich Tipps von der Verkäuferin geben und plauscht mit den Anwesenden. Zumindest läuft das in Aibabinas Laden so. Der war 2012 einer der ersten in München und sieht eher aus wie eine Lounge.

Die Einrichtung ist vornehmlich in Weiß gehalten, mit Akzenten in Lila. Eine abgegriffene, dunkle Holzkiste, die als Couchtisch dient, wirkt wie ein Relikt aus alten Raucherkneipenzeiten. Die Luft im Verkaufsraum riecht angenehm, leicht süßlich, etwas fruchtig. Es herrscht reger Betrieb an diesem Nachmittag.

E-Zigaretten mit Laptop-Akkus

Im Büro, das im Hinterzimmer eingerichtet ist, sitzen drei Dampfer und unterhalten sich. "Mein Modell kostet rund 200 Euro", erklärt Aibabina. Damit bewegt sie sich im oberen Preissegment. Ihre E-Zigarette ist mit leistungsstarken Laptop-Akkus ausgestattet. Sie verkauft aber auch welche in Stiftform mit Akkus, die nach einem halben Jahr den Geist aufgeben, dafür aber nicht mehr kosten als zwei Schachteln Zigaretten.

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E-Zigaretten sind inzwischen Accessoires wie Smartphones, deshalb gibt es sie im schlichten Edelstahl-Look, in bunten Farben, aber auch aus Echtholz, mit Glitzer oder in Totenkopfform. Daria Aibabina hat ein eigenes Mundstück entwickelt mit zwei kleinen Öffnungen statt einer größeren und hat sich das sogar patentieren lassen.

Von Haselnuss über Ananas bis zu Zimt

Das erste Geschäft für Dampfer-Zubehör in München eröffnete 2011 unter dem Gesundheit verheißenden Namen Clean Smoker, inzwischen gibt es drei Filialen. Eine Online-Suchmaschine listet mehr als ein Dutzend solcher Läden in der Stadt auf. Tom P. kauft aber nur bei Aibabina, hier fühle er sich wohl, die Qualität der Dampfstoffe stimme, sagt er. Natürlich gibt es auch die Münchner Marke Happy Liquids in verschiedenen Geschmacksrichtungen von Haselnuss über Ananas bis zu Zimt.

Wer sich die E-Zigarette zum Hobby gemacht hat, der kann sein Liquid aber auch nach eigener Wahl mischen. Es gibt die entsprechenden Ampullen mit Aromastoffen. Herauskommen kann alles, Haselnuss-Cappuccino oder auch Zimt-Lakritz. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Letzten Endes zählt beim Geschmack das, was auch beim Design der E-Zigaretten zählt: Man muss es wollen.