SZ-Adventskalender:"Inklusion ist nie wirklich versucht worden"

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SZ-Adventskalender: Thomas Bannasch, Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (LAG) Bayern, vor einem Gemälde seines Sohnes.

Thomas Bannasch, Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (LAG) Bayern, vor einem Gemälde seines Sohnes.

(Foto: Florian Peljak)

Thomas Bannasch engagiert sich für Menschen mit Behinderungen und erklärt, wie die Gesellschaft sie bei einem selbstbestimmten Leben unterstützen kann. Und warum die deutsche Bürokratie darüber diskutiert, wie lange er im Kino auf Toilette geht.

Interview von Sabine Buchwald

Thomas Bannasch ist seit sieben Jahren Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (LAG) Bayern. Das ist die Dachorganisation von mehr als 100 bayernweit tätigen Verbänden der Selbsthilfe behinderter und chronisch kranker Menschen. Ihr Sitz ist in München. Etwa 9,4 Prozent der Menschen in Deutschland leben mit einer Behinderung. In München sind es mehr als zehn Prozent. Die Zahlen steigen, Gründe dafür sind laut Bannasch etwa das zunehmende Alter und höhere Überlebenschancen aufgrund einer besseren medizinischen Versorgung. Der 50-Jährige sitzt wegen einer angeborenen Muskelerkrankung im Rollstuhl. Er hat einen Sohn und ist voll berufstätig. "Ich bin ein Mensch, auf den eigentlich kein Gesetz passt", sagt er von sich selbst.

SZ: Herr Bannasch, es gibt viele Barrieren im Leben eines Rollstuhlfahrers. Womit haben Sie besonders zu kämpfen?

Thomas Bannasch: Ganz spontan würde ich sagen: Die Bürokratie ist eine große Hürde in meinem Alltag - und natürlich nicht nur in meinem.

Bürokratie beim Bemühen, Unterstützung zu bekommen?

Ja, genau, etwa weil man Leistungen über so viele verschiedene Kostenträger abrechnen muss. Die unterschiedlichen Lebensbereiche werden in getrennte Schubladen gepackt: Arbeit, Freizeit, Pflege. Aber das Leben funktioniert nicht so getrennt. Ich kann Ihnen das anhand eines Kinobesuchs zusammen mit einem Assistenten erklären.

Eine Freizeitaktivität?

Eigentlich ja, dafür kommt dann die sogenannte Eingliederungshilfe auf. Wenn man im Kino aber auf die Toilette muss, dann ist das eine Leistung der Pflege, die entweder die Pflegeversicherung übernimmt oder über die Sozialhilfe abgerechnet wird. Wenn das Ganze im Rahmen eines Betriebsausflugs stattfindet, dann kommt noch ein weiterer Kostenträger ins Boot. Und es kann dann vorkommen, dass die verschiedenen Kostenträger diskutieren, wie lange man auf der Toilette gebraucht hat.

Das klingt absurd und aufwendig. Warum wird das nicht geändert?

Im Rahmen des Bundesteilhabegesetzes (BTHG), das im Juli 2017 in Kraft getreten ist und sich an den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) orientiert, sind die Bezirke nun verpflichtet, endlich ein entsprechendes Bedarfsermittlungsinstrument zu entwickeln. Wir als LAG sind dabei mit einbezogen.

Die Bedarfe sind je nach Behinderung und nach Wohnort sicher ganz unterschiedlich?

Ja, denn wer auf dem Land wohnt, braucht womöglich mehr Fahrdienste als jemand in der Stadt, der auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B kommt. Lange Zeit aber war es so, dass überall dieselben Mobilitätshilfen bewilligt wurden. Leider wurden diese Forderungen bislang nicht umgesetzt, die verschiedenen Kostenträger sind nur angehalten, besser zusammenzuarbeiten. Wir sind nun dabei, dieses Bedarfsentwicklungsinstrument sehr bald schon nach außen zu bringen und hoffen, dass jeder Einzelne künftig individueller und bedarfsgerechter unterstützt werden kann.

SZ-Adventskalender: "Ich würde mir wünschen, dass Menschen mit Behinderung mehr Eigenverantwortung tragen", sagt Thomas Bannasch.

"Ich würde mir wünschen, dass Menschen mit Behinderung mehr Eigenverantwortung tragen", sagt Thomas Bannasch.

(Foto: Florian Peljak)

Abgesehen von den bürokratischen Schwierigkeiten, wie sehen Sie die aktuelle Infrastruktur für Menschen mit Behinderung?

Man muss auf jeden Fall zwischen Stadt und Land unterscheiden und zwischen den Bezirken in Bayern. Oberbayern ist relativ gut aufgestellt, etwa bezüglich der ambulanten Versorgung. In der Stadt München gibt es sogar noch ganz andere Möglichkeiten. Hier sind viele große Einrichtungen wie etwa die Pfennigparade, die Stiftung ICP, die Lebenshilfe. Allerdings werden die von den Betroffenen durchaus ambivalent gesehen.

Warum?

Es gibt in Bayern eine gewisse Tradition. Hier sind etwa ab den Sechzigerjahren diese Einrichtungen aufgebaut worden. Sie haben große Versorgungslücken gefüllt. Denn es gab nach dem Zweiten Weltkrieg erstmal keine Struktur für behinderte Menschen und keine Hilfe für die Eltern. Die haben hinsichtlich der Brutalitäten während der Nazi-Diktatur ihre Kinder nicht selten einfach weggesperrt. Die Strukturen und das Vertrauen mussten erst aufgebaut werden. Die Einrichtungen waren damals etwas Besonderes und galten als innovativ. Aber die Welt hat sich verändert. Längst geht es viel mehr um Teilhabe und Selbstbestimmung, das sieht auch die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 so vor. In einer großen Einrichtung aber geht ein ganz, ganz großer Teil der Selbstbestimmung verloren.

Weil die festen Strukturen den Menschen nur noch wenig Freiheit lassen?

Sie sind an Zeitabläufe gebunden und haben nur wenig Möglichkeiten, eigene Vorstellungen zu verwirklichen. Ich weiß zum Beispiel von der Bewohnerin einer Einrichtung, die gerne Radfahren lernen würde. Aber es gibt niemanden, der ihr das einzeln beibringt. Es wäre nur in einem Gruppenkurs möglich, der kommt aber nicht zustande.

Mehr Individualität wäre also mehr Lebensqualität.

Ich plädiere für kleinere Wohngruppen und mehr Individualisierung. Ich würde mir aber auch wünschen, dass Menschen mit Behinderung mehr Eigenverantwortung tragen und ihr eigenes Leben, soweit es möglich ist, in die Hand nehmen. Menschen, die von Kindheit an in Versorgungsstrukturen eingebettet sind, lernen oft nicht, in einer nichtbehinderten Gesellschaft zu agieren. Sie kennen halt ein Leben, in dem die Türen vor ihnen automatisch aufgehen.

Was ist daran schlecht, wenn die Türen aufgehen?

Nichts, wenn es überall so wäre. Aber wer nicht weiß, wie man eine normale Tür aufmacht, bekommt Probleme im Alltag. Dieses Beispiel lässt sich auf viele andere Situationen übertragen.

Am Beispiel einer Tür ist das nachvollziehbar, aber was ist mit Treppen?

Es gibt immer Barrieren, die ein behinderter Mensch nicht überwinden kann, und es wäre sicher besser, wenn überall für alle Menschen mitgedacht werden würde. Aber es geht mir um etwas Grundsätzliches: Behinderte Menschen müssen Selbständigkeit lernen. Es ist immer wieder verblüffend, dass jungen Leuten in Einrichtungen nicht beigebracht wird, wie man zum Beispiel helfendes Personal findet, wie man als Arbeitgeber agiert, was man braucht, um wirklich selbständig zu leben.

Die Rundumversorgung tut also nicht immer gut?

Gerade behinderte Kinder und Jugendliche haben oft nicht die Chance, das alles zu lernen, weil ihnen zu viel abgenommen wird.

Ist das auch ein Appell an Eltern?

Sie sollten sich auf jeden Fall bewusst sein, was für Auswirkungen das haben kann. Ansonsten ist ein Netzwerk aus Familie und Freunden sehr wichtig.

Was halten Sie von Inklusion in Regelschulen und Kitas?

Viel, wenn sie richtig gemacht wird. Man kann natürlich nicht alle Förderschulen zusperren und jetzt alle Kinder in Regelschulen schicken. Aber ich finde es sehr schade, dass zunehmend gesagt wird: Das Projekt Inklusion sei gescheitert. Eigentlich ist es nie wirklich versucht worden.

Das ist eine harte Aussage.

Es ist eine Tatsache, denn in dem aktuellen Schulsystem kann Inklusion kaum funktionieren. Da haben etwa auch Kinder mit Migrationshintergrund ihre Probleme. Die Klassen sind zu groß, viele Lehrkräfte sind nicht entsprechend ausgebildet, es fehlen Lehrassistenten. Im Grunde hat keine deutsche Landesregierung eine gute Umsetzung der Forderung nach Inklusion ernsthaft versucht. Par ordre du mufti funktioniert es nicht. Das diskreditiert das Thema.

Aber gemeinsames Lernen würde für mehr gegenseitiges Verständnis sorgen.

Es muss niemand inkludiert werden, der nicht vorher ausgegrenzt wurde. Wenn ein Arbeitgeber gemeinsam mit behinderten Kindern in die Schule gegangen ist, dann ist sein Verständnis sehr viel größer und seine Bereitschaft, einen behinderten Menschen einzustellen, entsprechend auch.

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