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Suchtkranke:Kinder haben Sehnsucht nach den Eltern

Kinder aus Suchtfamilien haben ein hohes Risiko, selbst abhängig zu werden.

Ein Drittel entwickelt dauerhafte oder stärkere eigene Störungen, ein Drittel leichte oder vorübergehende und ein Drittel überhaupt keine. Es ist eine der Störungen, die sich am stärksten auf die nächste Generation überträgt. Bei den Zahlen sind auch Kinder berücksichtigt, die aus ihren Familien herausgenommen wurden. Das ist einerseits ein Zeichen dafür, dass etwas Gravierendes vorgefallen sein muss. Andererseits wissen wir auch, dass es nicht alle Probleme löst, wenn Kinder aus ihren Familien herausgenommen werden.

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Aber wenn die Kinder akut gefährdet sind?

Bei drogenkonsumierenden Eltern liegt es nahe, dass man sich wünscht, dass das Kind aus der Familie genommen wird und in eine wunderbare Pflegefamilie kommt. Aber wir sehen oft bei Kindern eine unglaubliche Sehnsucht, zu ihren Eltern zurückzukehren. Dann scheitern Pflegeverhältnisse oder stationäre Unterbringungen, und mit 16 Jahren gehen die Jugendlichen wieder zurück zu ihren Familien und versuchen, etwas nachzuholen. Es gibt viele Abhängigkeitskranke, deren Konsum so ungesteuert ist, dass es richtig und gut ist, die Kinder aus der Familie zu nehmen. Es gibt aber auch Familien, bei denen die Kinder nicht akut gefährdet sind, wenn man ihnen mit einer sehr intensiven Betreuung hilft. Und diesen Weg wollen wir anbieten: Lebt zusammen und schafft es, so gut es geht. Und dabei unterstützen wir euch intensiv.

Da setzt auch Ihr neues Projekt SwiM an?

Das Entscheidende bei SwiM ist, dass wir eine extrem hohe Anzahl an Stunden haben, in denen wir uns um 16 solcher Familien gleichzeitig kümmern können. Wenn eine Familie von uns betreut wird, können wir sie täglich besuchen und direkt vor Ort unterstützen. Darüber hinaus gibt es eine Rufbereitschaft, bei der 24 Stunden am Tag jemand von uns erreichbar ist und auch nachts um drei Uhr zu der Familie fahren kann. Das Kritische für diese Familien sind Überlastungssituationen. Die Eltern sind schon angespannt, wenn etwas hinzukommt, wie ein schreiendes Kind, wissen sie nicht mehr weiter.

Wie läuft das denn bisher? Es gibt doch ambulante Erziehungshilfen.

Es gibt viele Familie, die völlig unbetreut sind und eigentlich Unterstützung bräuchten. Etwa, weil die Familien sich nicht trauen, zum Jugendamt zu gehen. Oder auch, weil das Jugendamt keine geeigneten Hilfe anbieten kann. Es gibt ambulante Erziehungshilfe, aber da haben die Familien zwei Mal in der Woche einen Termin im Büro und vielleicht kommt noch zweimal in der Woche jemand zu ihnen nach Hause. Das reicht für mittelkompetente Eltern. Aber für Eltern, die häufigere Krisen haben, ist das nicht ausreichend.

Bundesweit kritisieren Fachleute, dass Suchthilfe und Jugendhilfe kaum verbunden sind. Wie ist das in München?

In München ist die Vernetzung weiter als in anderen Städten. Es gibt ein großes Kooperationsnetzwerk, in dem die Stadt mit allen Jugendhilfeeinrichtungen, Sozialbürgerhäusern und der Suchthilfe eine Vereinbarung geschlossen hat. Wo immer bei einer der Institutionen eine Familie auffällig wird, wird ein Prozess der Gespräche und Kooperationen in Gang gesetzt. Es gibt auch ein gutes System mit ambulanter Erziehungshilfe und Beratungsstellen. Aber die hochintensive Betreuung, die SwiM anbietet, gab es bisher nicht. Die gibt es bisher auch sonst fast nirgendwo. Das Tolle ist, dass die Stadt diesen Bedarf anerkennt und das Projekt finanziert.

Was müsste sich in München verbessern?

Ich würde mir wünschen, dass die Suchtfamilien die Sicherheit haben, dass sie wirklich ernst genommen werden. Und dass ergebnisoffen an sie herangegangen wird. Es ist leichter, wegzuschauen oder zu viel zu tun. Aber so im Mittelbereich, jemanden kennenlernen, die Kinder kennenlernen, Angebote machen, und sich dafür Zeit lassen, das würde ich mir wünschen. Aber da sind wir auf einem guten Weg. Und ich würde mir wünschen, dass bei jedem Arzttermin, jedem Elterngespräch, zu dem ein Vater mit einer Platzwunde kommt, die er sich im Suff geholt hat, die Fachkräfte immer im Hinterkopf haben, da gibt es noch ein Kind dazu. Und was könnten wir tun, damit es dem Kind besser geht?

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