Freizeit:Mit Wolllust an der Nadel hängen

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Freizeit: Nadeln und Faden, mehr braucht es nicht. Stricken ist in, ob in Knitting-Groups auf Instagram oder wie hier in der Seniorenbegegnungsstätte der Diakonie Hasenbergl, wo die Besucherinnen für gute Zwecke handarbeiten.

Nadeln und Faden, mehr braucht es nicht. Stricken ist in, ob in Knitting-Groups auf Instagram oder wie hier in der Seniorenbegegnungsstätte der Diakonie Hasenbergl, wo die Besucherinnen für gute Zwecke handarbeiten.

(Foto: Catherina Hess)

Alle Welt ist wieder am Stricken. Gerade in der Pandemie hat es sich als das perfekte "Keiner-geht-mehr-vor-die-Tür-Hobby" erwiesen. Auch für den einen oder anderen Mann. Ein paar Handreichungen.

Von Jutta Czeguhn

Betuliche Oma-Beschäftigung. Ja, natürlich, aber was soll daran falsch sein? Und Stricken kann viel mehr sein: Politische Manifestationen an Strommasten, Straßenlaternen oder protzigen Denkmälern, quasi als Woll-Graffiti. Mädels - und Jungs - treffen sich beim Bier zur Handarbeit. Wolle, aber die richtige muss es sein, ökologisch, fairtrade und auf das Tierwohl bedacht. Stricken liegt im Trend und das seit Jahren. Während der Lockdowns aber bekam das Ganze noch mal so richtig Schub, wurde für viele zum perfekten "Keiner-geht-mehr-vor-die-Tür-Hobby". Mit Suchtpotenzial. Für alle, die nun an der Nadel hängen, ein paar Vorschläge, die garantiert nicht zum Entzug führen.

Die Nadeln der Revolution

Freizeit: Patchwork-Panzer: Dieses Kampfgefährt aus dem Zweiten Weltkrieg ließ die dänische Künstlerin Marianne Jørgensen 2006 einstricken, aus Protest gegen den Eintritt Dänemarks in den Irakkrieg. Die 4000 rosa Wollquadrate für die Decke lieferten Menschen aus ganz Europa und den USA.

Patchwork-Panzer: Dieses Kampfgefährt aus dem Zweiten Weltkrieg ließ die dänische Künstlerin Marianne Jørgensen 2006 einstricken, aus Protest gegen den Eintritt Dänemarks in den Irakkrieg. Die 4000 rosa Wollquadrate für die Decke lieferten Menschen aus ganz Europa und den USA.

(Foto: Barbara Katzin/Katerina Schiná, "Die Nadeln des Aufstands", Edition Converso, 2021)

Ein Buchtipp zum Start, quasi als Maschenanschlag. Wer sich für die Kulturgeschichte des Strickens interessiert, kommt an Katerina Schinás Langessay "Die Nadeln des Aufstands" nicht vorbei. Die griechische Journalistin verknüpft darin ihre eigene, große Strickerfahrung mit beinahe allem; mit Literatur, Mythologie, Musik, Mathematik, Philosophie und Kunst, mit Feminismus und vor allem Politik. Kein Wunder, hat doch Schiná das Stricken einst von einem kleinen griechischen Tanterl namens "Anarchia" gelernt. So beschreibt sie etwa, wie sich ihre linken Apo-Schwestern anfänglich schwer taten mit ihrem Wollwahn ("antifeministischer Anachronismus"). Dass Stricken aber von jeher mehr war als Zeitvertreib, schildert sie am Beispiel der "Tricoteuses", jener weiblichen Sansculotten, die sich während der Französischen Revolution mit ihrem Strickzeug bewaffnet jubelnd auf dem Schafottplatz drängten. Die Nadeln des Aufstands müssen aber nicht zwangläufig mit Blut getränkt sein. Es geht auch mit friedlichen "Knit-ins" in den Sechziger- und Siebzigerjahren oder dem "Revolutionary Knitting Circle" und gestrickten Botschaften gegen Gewalt und Diskriminierung für interkulturelle Toleranz, wie man sie auch in München schon gesehen hat etwa vom Verein Kulturverstrickungen. Mit einer Strömung in der Strick-Community aber, das stellt die Griechin klar, kann sie gar nicht: dem rückwärtsgewandtem New-Age-Esoterik-Quatsch diverser Ratgeber. "Das Stricken als Weg zur Selbstfindung? Nun wollen wir aber schön sachlich bleiben."

Katerina Schiná, "Die Nadeln des Aufstands - Eine Kulturgeschichte des Strickens", Edition Converso, 216 Seiten, 28 Euro

Mongolische Garne mit Kaffee

Freizeit: In normalen Zeiten bleibt man im Strick- Café der Mercerie in der Nymphenburger Straße 96 nicht lange allein. Das Plaudern über die aktuellen Pullover-Kreationen bringt die Besucherinnen und Besucher schnell ins Gespräch.

In normalen Zeiten bleibt man im Strick- Café der Mercerie in der Nymphenburger Straße 96 nicht lange allein. Das Plaudern über die aktuellen Pullover-Kreationen bringt die Besucherinnen und Besucher schnell ins Gespräch.

(Foto: Bettina Maier-Lankau)

"Stricken ist mehr als ein Aneinanderreihen von Maschen", sagt Sabine Niebler. Mit ihrer "Mercerie" (franz. Wort für Handarbeitszubehör) in Nymphenburg-Neuhausen ist sie seit 2013 Teil einer lebendigen Münchner Strick-Szene. Wollgeschäfte müssen heute mehr bieten, als Garne und Nadeln in der passenden Stärke über den Kauftresen zu reichen. Betritt man den langgezogenen Laden an der Nymphenburger Straße, wähnt man sich zunächst in einem französischen Café. Eine Theke, Bistrotische, leere allerdings. Kein wohliges Schnauben der Espressomaschine, man weiß ja warum. In nichtpandemischen Zeiten aber sitzen hier die Menschen bei einer Tasse Kaffee oder Tee samt Backwerk aus der nahen japanischen Konditorei Tanpopo und packen ihr Strickzeug aus. "Da ist dann keiner länger als eine Minute allein", sagt Sabine Niebler. Ganze Gruppen treffen sich dort und stricken schon mal einen Samstag durch, auch die Kurse, die die Mercerie zu normalen Zeiten anbietet, finden im Café statt. Mit Videos auf Youtube haben Niebler und ihr Team die Strick-Community durch die Pandemie gebracht und tun dies aus weiterhin. In kurzen Filmen werden dort selbst entworfene und gestrickte Modelle vorgestellt, samt Anleitung und Wollempfehlung mit Link zum Online-Shop, wo es zudem sogenannte Lookbooks zu Strickthemen zum Herunterladen gibt. So ein Video kann es schon mal auf mehrere tausend Klicks bringen. Die Lockdowns, sagt Sabine Niebler, hätten den Trend zum Stricken zwar verstärkt, quasi geboostert, seine Renaissance habe jedoch schon vor Jahren begonnen. "Stricken ist wohltuend, es beruhigt, man hat Kontakt zu schönen, hochwertigen Materialien". Bei der Auswahl der Firmen ist ihr nicht nur die Qualität der Wolle wichtig, sondern auch die Herstellungsstandards, nachhaltige Produktion und vor allem das Tierwohl und faire Arbeitsbedingungen für die Menschen. Unter den vielen Wollen in den Shabby-Schick-Regalen findet man beispielsweise hochwertiges Cashmere, das sie direkt von mongolischen Nomadenfamilien bezieht. Die Wolle der Mercerie kommt aus der ganzen Welt, aber auch Garne von heimischen Schafhöfen nimmt Niebler gerne in ihr Sortiment.

Die Mercerie, Nymphenburger Straße 96, www.diemercerie.com

Die Maschen der Männer

Freizeit: Nur keine Maschen fallen lassen: Cary Grant lernt im Film "Mister Lucky" (1943) stricken, anfangs beträchtlich angenervt davon, wird es zu seiner Obsession.

Nur keine Maschen fallen lassen: Cary Grant lernt im Film "Mister Lucky" (1943) stricken, anfangs beträchtlich angenervt davon, wird es zu seiner Obsession.

(Foto: Quelle: Youtube)

Stricken ist männlich. Im Ernst, sie haben damit angefangen, vor Tausenden von Jahren im Zweistromland. Natürlich gibt es auch darüber ein schlaues Kapitel in Katerina Schinás Buch: Mit arabischen Kaufleuten kam das Handwerk an den Spanischen Hof und wurde populär. Im Mittelalter strickten nur die Männer, Frauen war das Weben vorbehalten. In Japan wiederum griffen die Samurai zu den Nadeln, in England sogar Lord Nelson. Und Fischer strickten sowieso immer. Mit der Industrialisierung hat sich dann vieles verändert, Strickmaschinen waren einfach effektiver. Handarbeit stand fortan für Häuslichkeit, wurde zum Frauen-Ding. Und strickende Männer wurden zu Lachnummern wie etwa der immer hinreißende Cary Grant im Film "Mister Lucky" (1943). Heute arbeiten Männer wie Lutz Staacke daran, dass sich der Gender-Gap in Punkto Stricken endlich mal schließt. Auch wenn er seinen Blog "Maleknitting" (männliches Stricken) nennt. Der studierte Sonder- und Medienpädagoge, der als Social-Media-Manager für ein Pharmaunternehmen in Berg am Laim tätig ist, hat 2012 zum Stricken gefunden, als seine erste Nichte geboren wurde. Mittlerweile ist Staacke ein gefragter Strickdesigner. Er hat ein Buch geschrieben "Maleknitting - Stricken ist männlich: Handfeste Strickprojekte für echte Kerle". Er organisiert für seine Follower auf Instagram das jährliche Tatortwichteln (gestrickt wird immer sonntags beim Fernsehen), empfiehlt Wollgeschäfte wie die Mercerie und darf einmal im Quartal im ARD-Buffett seine Strickanleitungen vorstellen. Das kann dann ein Bierloferl in Zopfmuster für die Mass sein oder eine Fußmatte aus Paketschnur. Lutz Staacke ist überzeugt: "Jede/r sollte stricken. Es beruhigt, da man sich nur auf eine Sache konzentriert und diese stundenlang machen kann. Vergleichbar mit Achtsamkeit. Auch hier konzentriert man sich nur auf eine Sache. Beim Stricken habe ich nach Beendigung ein fertiges Teil in der Hand und kann es betrachten, anziehen oder verschenken. Das ist mit digitalen Gütern nicht immer vergleichbar."

Lutz Staacke im Internet: www.maleknitting.de, instagram.com/maleknitting_blog , facebook.com/maleknitting

Cleopatra auf dem Acker

Freizeit: Kleiner Flirt durch den Zaun: Die Alpakas von Georg Angermair am Rand von Obermenzing, mittlerweile verkauft der Jung-Landwirt auch ihre Wolle.

Kleiner Flirt durch den Zaun: Die Alpakas von Georg Angermair am Rand von Obermenzing, mittlerweile verkauft der Jung-Landwirt auch ihre Wolle.

(Foto: Stephan Rumpf)

Sie heißen Cleopatra, Cäsar oder Cookie, mit etwas Glück trifft man sie am Ortsrand von Obermenzing an, wo sie hinter einem Gatter gemütlich in der kargen Winterwiese (zwischen Lochhausener- und Carl-Hanser-Straße) grasen. Die Alpakas gehören Georg Angermair, 27. Der Landwirt stammt aus einer alteingesessenen Obermenzinger Bauernfamilie, die ihr Gehöft im historischen Dorfkern, unweit vom "Alten Wirt" hat. Die Alpakas, im Körperbau kleiner als die bekannteren Lamas, friedfertig und nicht spuckend, seien ihm einst "im Internet über den Weg gelaufen", erzählt er. Dann hat Angermair viel über ihre Zucht in Erfahrung gebracht und 2017 mit drei Stuten angefangen, die alle trächtig waren. Heute hat seine Herde an die 20 Tiere, Angermair bietet Spaziergänge mit den gemütlichen Vierbeinern an, die in entspannter Stimmung einen beruhigenden Brummton von sich geben. Man kann Patenschaften für Cleopatra und Co. übernehmen - und ihre Wolle kaufen. Im eigenen Hofladen, Pippinger Straße 119, der rund um die Uhr geöffnet ist. Bezahlen ist hier Vertrauenssache, allerdings nur was Eier, Kartoffeln oder Nudeln angeht. Die Vitrine mit Strickgarn, Bettdecken, Filzeinlagen und Mützen aus der Wolle der Tiere, die einmal im Jahr kurz vor dem Hochsommer geschoren werden, ist verschlossen. Denn die Alpakawolle aus Obermenzing hat ihren Preis (100 Gramm Baby-Alpaka: 19 Euro). Wer sich dafür interessiert, läutet am Haus der Angermairs. "Wenn jemand zu Hause ist, ist jemand da", philosophiert Georg Angermair.

Alpakas Obermenzing, Hofladen, Georg Angermair, Pippinger Straße 119, www.obermenzing-alpakas.de, Kontakt: obermenzing-alpakas@gmx.de, Telefon 089/89 19 91 96

Das Gold der Anden

Freizeit: Das teuerste Wollkleid der Welt: ein Vikunja in seinem Außengehege im Tierpark Hellabrunn.

Das teuerste Wollkleid der Welt: ein Vikunja in seinem Außengehege im Tierpark Hellabrunn.

(Foto: Robert Haas)

Sie sind die edlen Verwandten der Alpakas, die zierlichen, zimtfarbenen Vikunjas. Die Faser aus ihrer flauschigen Wolle ist achtmal dünner als das menschliche Haar. In Peru, wo sie hauptsächlich vorkommen, nennt man die scheuen Tiere aus der Familie der Kamele nicht ohne Grund "wanderndes Gold" oder das "Gold der Anden". Schon bei den Inkas sollen Gewänder aus ihrem edlen Fell nur der Adelsschicht vorbehalten gewesen sein, ist es doch wunderweich, knitterfrei, im Winter wohlig wärmend, im Sommer kühler als Seide. An der Exklusivität des einzigartigen, raren Garns - Vikunjas werden nur alle zwei Jahre geschoren - scheint sich wenig geändert zu haben, denn die gemeine Strickerin kann von dieser Wolle nur träumen. Bei Preisen von bis zu 200 Euro für das 25-Gramm-Knäuel kann ein Paar Stricksocken schon mal an die 900 Euro kosten. Da kommt selbst Cashmere nicht mehr mit. Kein Wunder, dass die Luxusmarken der Modewelt Hauptabnehmer der Wolle sind. Allerdings unterliegt der Handel mit dem teuren Zwirn strengen Regulierungen, noch in den Sechzigerjahren wurden sie gejagt und galten als beinahe ausgerottet. Heute sind die wildlebenden Vikunja-Herden für die Bevölkerung der peruanischen Anden oft die einzige Einnahmequelle und ein Weg aus der Armut. Vor allem wenn sie sich zu Kooperativen zusammenschließen und auf Zwischenhändler verzichten. Vikunjas lassen sich nur schwer züchten. Im Münchner Tierpark Hellabrunn lebt derzeit allerdings ein Vikunja-Pärchen. Von Sprecher Dennis Späth kommt die Mitteilung: "Die Tiere werden bei uns nicht geschoren. Von daher verbleibt die Wolle logischerweise am Tier und steht für keine Strickereien zur Verfügung." Was bleibt ist also Staunen und Träumen.

Tierpark Hellabrunn, Tierparkstraße 30, Öffnungszeiten bis 31. März 9-17 Uhr, Infos: www.hellabrunn.de

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