Landwirtschaft Scheitz junior litt an Asthma - wegen der Kuhmilch

Eine Kuhmilchallergie ist es denn auch, die seinen heute 24-jährigen Sohn zum ersten Mal mit Ziegen in Berührung bringt. Als kleiner Bub, "mit ein, zwei Jahren", wie sein Vater sagt, habe er fürchterlich an Asthma und ständig wiederkehrenden Atemwegserkrankungen gelitten. Es dauert eine Weile, bis man die Ursache dafür findet, die Allergie gegen Kuhmilch. "Kaum haben wir auf Ziegenmilch umgestellt, ist es dem Bub gut gegangen - bis heute", erzählt Georg Scheitz. Ob die tiefe Faszination, die der jüngste Scheitz für Ziegen hegt, allein daher rührt, kann niemand auf dem Hof so recht beantworten. Er sei "einfach auch schon immer am liebsten bei den Ziegen gewesen", sagt der Vater. Und sein Sohn fügt hinzu: "Da gab's beispielsweise mal den Zacherl, ein Bock, der immer frei auf dem Hof herumgelaufen ist. Mir hat der so gefallen, weil er so lange Ohren hatte."

Während er das erzählt, kramt sein Vater ein Foto aus dem Familienalbum heraus. Ein Ziegenbock der Rasse Anglo-Nubier ist es, pechschwarz mit weißen Hängeohren. Vielleicht sieben Jahre alt dürfte der Junior auf dem Bild sein, fest umschlungen hält er den Zacherl. "Wo der Bub war, war auch der Bock", sagt der Vater. Der Zacherl sei "ein ganz Lieber" gewesen, der auch bei der Kundschaft auf dem Hof recht beliebt gewesen sei. "Ja, und weil der so schön war, habe ich ihn immer zu unseren Damen gelassen, was man manchmal noch heute bei deren Nachkommen sieht", sagt sein Sohn.

Die Ziegen lieben die Wellness-Behandlung mit der Bürste.

(Foto: Nila Thiel)

Wenn man so will, könnte Zacherl der Auslöser dafür gewesen sein, dass der Junior auf dem Scheitz-Hof schon recht früh das Interesse für Vererbung und Züchtung entdeckt hat. Ein Interesse, das er später immer weiter ausbauen sollte. Denn wie bei seinem Vater auch, stand für ihn fest, dass er Landwirt werden will. Nach dem Abitur beginnt er, Agrarwissenschaften zu studieren: "Aber das war mir viel zu theoretisch." Zwei Semester hält er durch, dann entschließt er sich, abzubrechen und lieber eine Ausbildung zum Landwirt zu absolvieren. "Wir haben lange nach einem Platz für ihn gesucht", erzählt sein Vater. Am Ende lernt er auf dem eigenen Hof, Scheitz ist schon lange ein Ausbildungsbetrieb. Praktika auf anderen Höfen gehören dazu - zum Beispiel in der Milchviehhaltung oder der Rindermast: "Für mich war da schnell klar, dass ich bei den Ziegen bleib'." Er lässt sich zum Zuchtrichter ausbilden, und wer sich heute nicht sicher ist, welche Rasse er vor sich hat, oder ob sich ein Tier zur Zucht eignet, ist bei Scheitz junior an der richtigen Adresse.

Der Junior züchtet die bedrohte Bündner Strahlenziege

Eine große Liebe hegt er für alte, vom Aussterben bedrohte Hausziegenrassen: vor allem für die Bündner Strahlenziege. Eine eigene kleine Herde mit Tieren dieser seltenen Rasse, die nicht nur relativ große Hörner hat, sondern auch eine auffällig hübsche Gesichtszeichnung, hat er sich in den vergangenen Jahren aufgebaut, dafür sogar eine andere alte Rasse, die Pfauenziege, eingezüchtet - aus genetischen Gründen. So ganz zufrieden war er damit aber nicht. "Jetzt will ich zurück zu dem, was ich unter einer schönen Strahlenziege verstehe", sagt er und meint damit eine gewisse Größe des Tiere. Deshalb hält er im Moment nur acht "schöne" Strahlenziegen, die in einem anderen Stall als die Milchziegen des Vaters untergebracht sind und mit denen er eine neue Herde aufbauen will. Das ist, wenn man so will, sein Hobby, sein Beruf ist der des Ziegenbauern. Seine Lieblingsbeschäftigung ist nicht, mit dem Traktor zu fahren, sondern die Stallarbeit. Beim Melken etwa komme die Mensch-Tier-Beziehung recht deutlich zum Ausdruck: "Wenn wir beispielsweise nur ein bisserl zu spät oder zu früh anfangen, was manchmal passiert, ist das Gemeckere bei den Ziegen groß."

Von Ziegen und Menschen

Georg Scheitz war der erste Bauer, der Ziegenmilch an die Andechser-Molkerei seiner Familie lieferte. Mittlerweile sind es 103 Biobauern geworden, die nach Angaben des Unternehmens etwa 10,2 Millionen Kilogramm Ziegenmilch im Jahr abgeben. Zum Vergleich dazu: Die Molkerei verarbeitet im Jahr 120 Millionen Kilogramm Kuhmilch von 539 Biobauern. Der größte Anteil der Ziegenmilch landet in der Ein-Liter-Verpackung im Handel, ein weiteres wichtiges Produkt ist Ziegenbutterkäse, gefolgt vom Ziegenjoghurt in Becher und 500-Gramm-Glas. Insgesamt hat die Molkerei zwölf Ziegenmilchprodukte im Angebot. Genaue Angaben zu den erzeugten Mengen will die Molkerei nicht machen. Ihre Produkte werden bundesweit verkauft - aber auch noch im Hofladen auf dem Tannhof von Georg Scheitz. Die Bündner Strahlenziege, die der Junior hält, hat mit all dem jedoch nichts zu tun: Sie ist in Andechs kein Milchlieferant, sondern wird allein der Arterhaltung wegen gezüchtet. Sie ist eine alte Schweizer Gebirgsziegenrasse, die im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft von 1950 an stark an Bedeutung verloren hat und mittlerweile als gefährdet gilt. Früher hatte in Graubünden jede Familie eine oder mehrere Ziegen, so dass es fast mehr Tiere als Menschen in dieser Region gab. Mittlerweile müssen viele Anstrengungen unternommen werden, auch in der Schweiz, um ihre Rasse zu erhalten: Georg Scheitz junior gehört zu denjenigen, die sich in Deutschland darum bemühen. abec

Wer den beiden Männern in die Ställe folgt, in denen die Ziegen nur in der kalten Jahreszeit untergebracht sind, sieht auch als Laie auf den ersten Blick, wie sauber die Tiere sind. Sehr sauber. "Weil sie genug Platz haben", wie Georg Scheitz, der Ältere, sagt. "Wollen'S auch unsere Schweine sehen?" Um die 200 sind es, die hier auf dem Hof stehen und, wenn das Wetter passt, ihren Stall verlassen: "Haben Sie gewusst, dass Schweine ein Wohnzimmer haben? Und ein Schlafzimmer und ein WC?" Auch die reinlichen Schweine, Schwäbisch-Hällische, die hier vor Vergnügen grunzen, sehen wie frisch geschrubbt aus. Ihre Bestimmung ist klar: Ein halbes Jahr dürfen sie bleiben, dann kommen sie zum Schlachter in der Nähe. Ihr Fleisch landet in Läden, in denen Herrmannsdorfer Erzeugnisse verkauft werden.

Auch die Schweine sehen aus wie frisch gebürstet.

(Foto: Nila Thiel)

Die Zicklein landen auf dem Teller

Anders ist es bei den Ziegen. Die meisten der etwa 300 Geißen dienen der Milchproduktion für die familieneigene Molkerei nebenan. Belohnt werden die Tiere für ihre Arbeit mit einem Wellness-Programm - in Form einer Bürste, an der sie sich täglich mehrmals schrubben. "Sie lieben das Ding, meine beste Investition", sagt Georg Scheitz. Natürlich gibt es auch ein paar wenige Böcke. Die meisten der männlichen Zicklein, die auf dem Hof geboren werden - alle zwei Jahre etwa 300 Tiere - landen jedoch auf den Tellern derer, die ihr Fleisch kennen und schätzen: "Leider sind das noch zu wenige, denn das Fleisch ist gesund und fettarm", wie die beiden Scheitz-Männer sagen.

Doch die Hoffnung geben sie nicht auf, dass es irgendwann mehr werden, die dieses Fleisch gern essen. Und sie dann mehr Tiere halten können - in einem neuen Stall mit viel Platz, den sie gern schon gebaut hätten. Weil der Hof im Außenbereich liegt und an ein Flora-Fauna-Habitat-Gebiet grenzt, ist ihnen bislang aber die Baugenehmigung verwehrt worden: "Aber vielleicht ändert sich das ja mal", meinen sie. "Dann könnten wir unser gesamtes Grünland durch die Ziegen verwerten." Damit der Betrieb quasi wie ein geschlossenes System funktioniert? "Genau", sagt der Junior: "Das ist unser Traum."

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