Wohnen im Landkreis Starnberg:Tiny Häuser in der Warteschlange

Lesezeit: 4 min

Wohnen im Landkreis Starnberg: Klein und dennoch individuell: Tiny-House-Modelle gibt es inzwischen viele.

Klein und dennoch individuell: Tiny-House-Modelle gibt es inzwischen viele.

(Foto: Arlet Ulfers)

Sowohl in Bernried als auch in Weßling stagnieren die geplanten Projekte zum Bau der minimalistischen Unterkünfte. In den Rathäusern fehlt Personal - und auch ein bisschen der Mut.

Von Carolin Fries

Irgendwann hat Doris Kremser aufgehört, die E-Mails und Anrufe zu beantworten. Mehr als hundert Interessenten hatten sich bei ihr gemeldet, nachdem die gelernte Hotelfachfrau im Frühjahr vergangenen Jahres angekündigt hatte, auf ihrem Bauernhof in Bernried Platz für acht Tiny Häuser schaffen zu wollen. Die 45-Jährige gilt damit als Pionierin im Fünfseenland, was das Wohnen im Miniformat betrifft. Noch gibt es in der Region keines der kleinen Häuschen, obwohl die Nachfrage groß ist. Denn so einfach und minimalistisch die Wohnform sein mag, so kompliziert scheinen die rechtlichen Voraussetzungen. So befindet sich Kremsers Vorhaben nach wie vor in der behördlichen Warteschlange. "Die Wiese ist noch immer grün", sagt sie. In den vergangenen eineinhalb Jahren habe sich kaum etwas getan. Bleibt die Frage: Warum dauert das so lange?

Wohnen im Landkreis Starnberg: Doris Kremser will auf dieser Wiese bei ihrem Bauernhof acht Tiny Houses errichten.

Doris Kremser will auf dieser Wiese bei ihrem Bauernhof acht Tiny Houses errichten.

(Foto: Arlet Ulfers)

Kremser ist CSU-Gemeinderätin in Bernried. Die 45-Jährige weiß, wie das mit Bauvorhaben läuft, die erst in den Ausschuss und dann in den Gemeinderat müssen, bevor ein Bauleitverfahren eröffnet wird. Denn auch wenn die Bauwagen-ähnlichen Häuschen deutlich kleiner als Einfamilienhäuser oder Doppelhaushälften sind: Baurechtlich gibt es keinen Unterschied. Auch ein Tiny House muss über einen Bebauungsplan genehmigt werden. Genehmigungsfrei sind lediglich Gartenhäuschen oder Schuppen. Gewöhnliche Tiny Häuser sind größer und obendrein voll erschlossen. "Es braucht ja Strom, Wasser und Abwasser, eine Meldeadresse", erklärt Kremser. Auch eine Stellplatz-Satzung würde mitunter vom Bauamt gefordert. Und: Die Leute wollen Internet. Denn nur weil die Nachfrage nach der reduzierten Wohnform radikal steigt, möchten nur die wenigsten auf die Vorzüge der industrialisierten Gesellschaft verzichten und sich autark mit Regenwasseraufbereitung, Solarmodulen und Trockentoilette versorgen.

"Es muss schon Hand und Fuß haben", sagt Kremser nach den ersten Amtsgängen aufs Rathaus. "Und das dauert." Sie hofft, dass der Beschluss für einen Bebauungsplan noch in diesem Jahr fällt - dann könnten 2024 die ersten Tiny Häuser in Bernried stehen. Drei Jahre wären dann verstrichen. "Eigentlich haben wir ein sehr schnelles Bauamt", sagt Bernrieds Bürgermeister Georg Malterer (ÜFW). Die lange Vorlaufzeit erklärt er mit dem Umfang der Maßnahmen auf dem Bauernhof, die Tiny Houses seien nur eine Komponente.

Eine Sachbearbeiterin nennt die Situation "unbefriedigend"

Alexandra Beier aus Weßling wartet ebenfalls. Die 45-Jährige hat dem Gemeinderat im Frühjahr ihr Konzept vorgestellt, wonach sie am Ortsrand von Hochstadt auf einem Grundstück sechs Tiny-Häuser ermöglichen will. Dort erlaubt der Bebauungsplan aktuell nur ein Doppelhaus, weshalb ebenfalls ein baurechtliches Verfahren notwendig ist. "Ich bin davon ausgegangen, dass das bis zum Jahresende passiert", sagt Beier resigniert. Inzwischen weiß sie, dass die Wartezeit zwei Jahre oder länger dauern kann. 30 Verfahren seien aktuell offen, heißt es aus dem Bauamt der Gemeinde. Man arbeite alle Anträge grundsätzlich in der Reihenfolge der Einreichung ab. Vor Beier stünden noch zwei Anträge in der Warteschleife, "einer wartet schon zwei Jahre", sagt die Sachbearbeiterin aus dem Bauamt. Auch sie nennt die Situation "unbefriedigend" - und zwar für alle Beteiligten. Sie würde die Verfahren, aktuell sind 30 in Weßling offen, gerne schneller abschließen. Doch so schnell wie früher gehe es längst nicht mehr, "die Bauleitplanungen sind umfangreicher geworden, jede Stellungnahme muss abgewogen werden". Dass obendrein Mitarbeiter fehlen, mache die Sache nicht einfacher. Beschleunigen könne das Verfahren lediglich der Gemeinderat, indem er das Vorhaben priorisiert. Doch dazu fehlt offenbar der Mut.

Wohnen im Landkreis Starnberg: Im Weßlinger Ortsteil Hochstadt kämpft Alexandra Beier um das Baurecht für sechs Tiny Houses auf einem Grundstück.

Im Weßlinger Ortsteil Hochstadt kämpft Alexandra Beier um das Baurecht für sechs Tiny Houses auf einem Grundstück.

(Foto: Jana Islinger)
Wohnen im Landkreis Starnberg: In Unterammergau ist im Frühjahr diese-Tiny-House-Siedlung mit sechs Häusern bezogen worden - ein Vorbild für die Starnberger Initiative.

In Unterammergau ist im Frühjahr diese-Tiny-House-Siedlung mit sechs Häusern bezogen worden - ein Vorbild für die Starnberger Initiative.

(Foto: Arlet Ulfers)

Christiane Haas nimmt an, dass in den Rathäusern ein wenig Angst vor dem Neuen herrschen könne. Ihre Vermutung: "Kommunen befürchten, einen Präzedenzfall zu schaffen" und in der Folge mit Anträgen überhäuft zu werden. Zum anderen bestehe die Sorge: Welche Leute zieht man mit derlei Wohn- und Lebensgemeinschaften an? Lockt man am Ende womöglich noch Sekten an? Haas ist Gründerin einer Tiny House-Initiative im Fünfseenland - und auch sie wartet, wenn auch nicht auf Baurecht. Die 57-Jährige hat im August den gemeinnützigen Verein "Neues Wohnen Fünfseenland" gegründet, hat aber noch keine Bestätigung vom Registeramt in München. "Somit sind wir noch nicht handlungsfähig", sagt sie.

Aktuell sind es 15 Aktive, die sich für gemeinsame, nachhaltige und faire Wohnformen einsetzen wollen. Gespannt hat Haas verfolgt, wie im Frühjahr in Unterammergau eine Siedlung mit sechs Tiny Houses bezogen wurde - so etwas wäre ihr Traum auch für Starnberg. "Wir klappern schon alle Grundstücke ab, um zu sehen, was möglich ist", erzählt sie von den jüngsten Rundgängen durch die Kreisstadt.

Etwa 30 Starnberger hätten bereits Interesse angemeldet, selbst ein Tiny House bauen oder aber einziehen zu wollen, "alle mit einem großen Bezug zu Starnberg", wie sie betont. Es handle sich um Personen "aus der Mitte der Gesellschaft", die sich räumlich verkleinern wollten, Gemeinschaft suchten oder nicht mehr bereit seien, monatlich horrende Mieten für Zwei-Zimmer-Wohnungen zu zahlen. Sie selbst würde ebenfalls gerne in einem Tiny House leben. "Ich werde mir im Alter keine Wohnung leisten können", sagt sie. Aufgrund einer chronischen Erkrankung erhält die ehemalige Führungskraft im Verlagswesen Erwerbsminderungsrente.

Wohnen im Landkreis Starnberg: Christiane Haas aus Starnberg ist Mitbegründerin des Vereins "Neues Wohnen Fünfseenland".

Christiane Haas aus Starnberg ist Mitbegründerin des Vereins "Neues Wohnen Fünfseenland".

(Foto: Arlet Ulfers)
Wohnen im Landkreis Starnberg: Eines ihrer favorisierten Tiny-Modelle ist das Own Home.

Eines ihrer favorisierten Tiny-Modelle ist das Own Home.

(Foto: Arlet Ulfers)

Alexandra Beier und Doris Kremser hingegen wollen die Tiny Häuser nicht selbst nutzen. Beier plant, die einzelnen Parzellen für jeweils zehn Jahre mit der Option auf wiederkehrend fünf weitere Jahre Verlängerung zu verpachten. Auf dem Grundstück sei neben den Minihäusern ein Gemeinschaftshaus mit kleinen Abteilen als Stauraum und Platz für Waschmaschinen geplant. Doris Kremser will ebenfalls sechs Grundstücks-Einheiten in unmittelbarer Nähe zu ihrem Bauernhof im Bernrieder Ortsteil Hapberg verpachten - vorrangig an einheimische Bürger. "Die Nachfrage ist da", sagt sie. Zwei Tiny-Häuser will sie selbst errichten und als Ferienwohnungen anbieten. Seit ihr Vater den Hof an sie überschrieben hat, überlegt sie, den Betrieb selbst zu stemmen.

Bis 2025 ist der Hof noch verpachtet, dann will sie loslegen mit einem Mastbetrieb oder Mutterkuhhaltung - und einem Ferienangebot auf dem Bauernhof. Die Idee des minimalistischen Wohnens gefällt ihr grundsätzlich. Sie selbst bleibe mit ihren vier Kindern aber im Bauernhaus auf 120 Quadratmetern wohnen.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusUmweltschutz
:"Im ersten Moment dachte ich, der spinnt!"

Michael Austermühle arbeitet seit neuestem ausschließlich für die Umwelt. Im Interview spricht der Deutschland-Chef des Outdoor-Ausrüsters Patagonia über die Idee des Firmengründers, das Unternehmen der Umwelt zu spenden, Yoga im Büro und die Frage, wie sich die Patagonia-Philosophie ins Privatleben überträgt.

Lesen Sie mehr zum Thema