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Landkreis Starnberg:Jagd auf Hochsitze

Starnberg Hanfeld, Fotograf Helmut Giersiefen

Halali: Helmut Giersiefen (hier vor einem Hochstand in Hanfeld bei Starnberg) ist fasziniert von Jägerständen.

(Foto: Georgine Treybal)

Der Feldafinger Fotograf Helmut Giersiefen setzt in seinem aufwendigen Liebhaberbuch "Crime Scenes" Jägerstände ins Szene. Mit Spezialfilm und teurer Technik verwandelt er sie in altmodisch mysteriöse Tatorte und Skulpturen.

Von Manuela Warkocz

Warum fotografiert jemand Jäger-Hochstände - und nennt das entstandenen Buch mit mystischen Schwarz-Weiß-Fotos "Tatorte"? Ein Jagdgegner? Oder gar selbst ein passionierter Jäger?

Helmut Giersiefen schüttelt lächelnd den Kopf. Um das Jagdwesen geht es dem Feldafinger Fotografen gar nicht bei seiner intensiven Beschäftigung mit Hochsitzen. Was ihn fasziniert, ist die architektonische Vielfalt der Ansitze, die Jäger zumeist selbst am Waldrand oder auf Lichtungen zusammenzimmern, um dem Wild aufzulauern. Wie anonyme hölzerne Skulpturen wirken sie auf Giersiefen und haben ihn zu dieser Serie typologischer Motive inspiriert. Die analogen Fotos produzierte der ambitionierte Autodidakt in einem aufwendigen Verfahren, was den Motiven tatsächlich die unheimliche Atmosphäre von Tatort-Aufnahmen verleiht. Hinter dem Konzept des Buches steht Patrick Remy, bekannter Pariser Foto-Journalist ("Vogue"), Kurator von Foto-Ausstellungen und Herausgeber von Monografien namhafter Fotografen wie Bettina Rheims, Massimo Vitalli und Jonas Mekas.

Großformatige Fotos, Gemälde und Kunstwerke fallen einem auch sofort auf, wenn man Helmut Giersiefen in Feldafing besucht. Eine feine Sammlung, deren Grundstock der 62-Jährige schon in seiner Studentenzeit legte. Schwarz und Weiß dominieren die elegant-moderne Einrichtung. Der Künstler - zugewandt, offen, vom Äußeren eine verblüffende Ähnlichkeit mit Gérard Depardieu - empfängt ganz in Schwarz gekleidet. Das Spiel mit Licht und Schatten, mit starken Kontrasten, ist seine Welt. Als Student hat Giersiefen aushilfsweise in einem Fotolabor gearbeitet und so von der Pike auf gelernt, wie man Abzüge macht. Die analoge Fotografie blieb ein steter Begleiter in seinem Leben, auch wenn der gebürtige Bonner als Unternehmensberater und Gründer eines Biopharmaunternehmens ganz andere Arbeitsschwerpunkte hatte. Bevor er sich vor 15 Jahren in Feldafing niederließ, lebte er in der Schweiz, in Boston und New York, war mit seiner Frau Monica viel in Frankreich. Nachdem er einen Teil des erfolgreichen Unternehmens Curacyte an Novartis verkauft hatte, konnte er seine künstlerischen Ambitionen intensivieren. Und auch viel Geld reinstecken. Er fotografiert mit einer 6 x 6 Hasselblad, "einem Jugendtraum", und einer Sinar 4 x 5 Kamera, die er für 15 000 Euro erstand.

Den Anspruch an seine Arbeit formuliert er klar: "Intellektuell anspruchsvoll, eine extrem gute Motivauswahl und fotografisch professionell ausgearbeitet." Nur einfach so digital was zu knipsen, kommt für ihn nicht in Frage. Beeinflusst sieht er sich von Hilla und Bernd Becher. Das Künstlerpaar reüssierte international mit Schwarz-Weiß-Fotografien von Fachwerkhäusern und Industriebauten und begründete die Düsseldorfer Photoschule.

Bauwerke mit bizarren Geschichten ziehen den Feldafinger an. Wie der alte Schlachthof in Shanghai, erbaut 1933 von einem Briten und damals der größte im Fernen Osten. Giersiefen dokumentiert den labyrinthischen Komplex fotografisch. Ebenso wie die bedrohlich wirkenden Betonrelikte der Bunkeranlagen vom Capbreton am Atlantik, zwischen denen sich heute Surfer tummeln. Oder die Isola di Poveglia, einst Quarantäneinsel für Schiffspassagiere vor Venedig mit ihrem verfallenen Lazarett, wo Tausende litten und starben. Die Geschichten hinter den Orten, die Recherche sind Teil der Arbeiten. Giersiefens erstes großes Fotografie-Buch serieller Arbeit war "Latitude 43 Saint Tropez", eine Hommage an das 1936 vom französischen Architekten Georges-Henri Pingusson erbaute Hotel Latitude 43. Beschrieben wird die Entstehungsgeschichte und Architektur des bis heute faszinierend modernen, geschichtsträchtigen Gebäudes.

Dann kam er auf die Idee mit den Hochständen. Er fand sie architektonisch einfach bestechend in ihrer Vielfalt, obwohl es nur sechs Grundformen gibt. Als er das Projekt mit Freunden diskutierte, "fanden die das schon ein bisschen verrückt". Über ein Jahr lang pirscht er sich zwischen Münsing und Dießen an Hochstände an, stapft im Fünfseenland mit Stativ durch Hochmoore und schleppt die Ausrüstung durch hüfthohen Schnee, erweitert sein fotografisches Jagdrevier noch auf den Chiemgau und das Erdinger Moos. Immer in der Angst, er könnte einem Jäger begegnen. Oder sonst einem Menschen. Denn genau das will Giersiefen nicht. Keine Menschen, "die Bilder clean". Nur das bloße Objekt als Kunstgegenstand. Vielleicht mal noch ein Hochspannungsmast oder ein Flugzeug im Hintergrund.

Die Wirkung von frappierenden Tatort-Schnappschüssen erzielt er durch scharfe Kontraste. Um sie herauszuarbeiten, verwendete Giersiefen Washi-Filme, die eine ganz geringe Licht-Empfindlichkeit aufweisen, hergestellt von einer kleinen Manufaktur in Saint-Nazaire in Frankreich. Washi bedeutet auf japanisch "handgeschöpftes durchscheinendes Papier". Bei dem Verfahren wird die fotografische Emulsion auf Moriki-Japanpapier in Handarbeit aufgetragen. Die analogen Baryt-Abzüge, die das kleine Fotolabor Blow-up im Münchner Glockenbachviertel schuf, erstaunen in ihrem Tonwertreichtum. Die Bilder von 48 ausgewählten Motiven wurden dann in einer Mailänder Werkstatt ausgeschnitten und per Hand auf schwarzen Fotokarton geklebt. Ganz schlicht, ohne Seitenzahlen, ohne Erklärungen. Einzig ein mehrsprachiges Beiblatt erläutert die Geschichte hinter den Bildern.

"Crime Scenes" -ein aufwendiges Liebhaberprojekt, limitiert auf 200 Exemplare, bei dem Giersiefen nach eigenem Bekunden sogar noch bei jedem Buch gehörig draufzahlt. Dafür liegt der silbern glänzende Band jetzt in 15 Pariser Buchläden aus, dank Patrick Remy. Ein Schritt "zu Bekanntheit und Anerkennung", was Giersiefen ganz ehrlich als Antriebskräfte für sein Schaffen nennt. Und sein nächstes Vorhaben nimmt schon Gestalt an: Er will bis 2022 auf architektonische Spurensuche der Olympischen Spiele in München gehen - seltsame Orte 50 Jahre danach.

Helmut Giersiefen, Fotografie-Buch "Crime Scenes"; 85 Euro; limitiert, nummeriert und signiert, ISBN: 9-782957001309

© SZ vom 24.10.2020
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