Erdfunkstelle Raisting:Der fliegende Petticoat über dem Radom

2020 zerfetzte ein Sturm die Hülle der Antenne der Erdfunkstelle Raisting. Nun ist das Wahrzeichen in Kugelform wieder hergestellt - mit einer spektakulären Montage in 85 Metern Höhe.

Von Jessica Schober

Wer schon einmal ein Spannbettlaken über eine Matratze geworfen hat, der weiß: Dinge, die Falten werfen, landen selten genauso, wie man es sich erhofft hatte, am Zielort. So ähnlich lief es auch an der Erdfunkstelle Raisting, wo ein Team aus 25 Menschen und zahlreichen beteiligten Firmen am Wochenende versuchte, eine neue Hülle über der Antenne 1 zu befestigen. Nachdem der Wind den ersten Versuch durchkreuzt hatte, gelang es am Sonntag, das Wahrzeichen Raistings in Kugelform wieder herzustellen, das 2020 von Sturmtief "Bianca" zerfetzt worden war.

Erdfunkstelle Raisting: Ein riesiger Kran hebt die neue Hülle über die Parabolantenne bei Raisting.

Ein riesiger Kran hebt die neue Hülle über die Parabolantenne bei Raisting.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Aktion war zunächst von Freitag auf Samstag verschoben worden, da ein möglichst windstilles Zeitfenster für den komplizierten Einhub auf 85 Metern Höhe gesucht wurde. Samstagmittag brach der Kranführer des 700-Tonnen-Krans, der die Plane angehoben hatte, das Manöver wegen Windböen ab. Schließlich gelang es am Sonntagmorgen im Frühnebel, die 5200 Quadratmeter große PVC-Polyester-Plane über der Antenne zu montieren. Bis zum Abend füllten Gebläse die Hülle.

Erdfunkstelle Raisting: Ein mit Luft gefüllter Ring spreizt die Hülle sichtbar auseinander.

Ein mit Luft gefüllter Ring spreizt die Hülle sichtbar auseinander.

(Foto: Arlet Ulfers)

Mehrere hundert Zuschauer verfolgten das Spektakel am Wochenende, Autos mit Kennzeichen aus ganz Bayern standen auf dem Parkplatz der Erdfunkstelle Raisting. Ausgestattet mit Kameras, Klapphockern und Tee in Thermoskannen richteten sich die Besucher am Bauzaun ein. Eine Stimmung wie bei einem Festival kam auf, mit dem Unterschied, dass der nächste Live-Act oft stundenlang auf sich warten ließ. Kinder tollten über das abgemähte Maisfeld, während am Samstag bei Sonnenschein und einer leichten Brise die Plane erst angehoben und dann wieder abgesenkt wurde. Windböen von bis zu neun Metern in der Sekunde sorgten um die Mittagszeit dafür, dass die aufgehängte Plane sich blähte und wölbte. René Jakob, Geschäftsführer der Radom Raisting GmbH sagte später: "Die schwerste und zugleich die einfachste Entscheidung an diesem Wochenende war es, das Manöver am Samstag wieder abzubrechen." Letztlich sei durch die Vorarbeiten am Samstag die Aktion am Sonntagmorgen, als der Nebel die Erdfunkstelle noch umhüllte, reibungslos geglückt.

Erdfunkstelle Raisting: Radom-Geschäftsführer René Jakob kann nun zufrieden sein, die Montage ist im dritten Anlauf gelungen.

Radom-Geschäftsführer René Jakob kann nun zufrieden sein, die Montage ist im dritten Anlauf gelungen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Zuletzt hatte das Radom, das schon die Mondlandung live ins Fernsehen übertragem hatte, 2010 eine neue Hülle bekommen. Anders als vor elf Jahren hatte Jakobs Team dieses Mal einen grauen luftgefüllten Schlauch am Saum der neuen Hülle befestigt, der das Gewebe während des Hebevorgangs auseinander spreizen sollte. "Der luftgefüllte Ring hat sich eindeutig bewährt. Wir brauchten dieses Mal keine Lastwagen oder Bulldogs, um die Hülle auseinander zu ziehen", sagte Jakob. Der luftgefüllten Ring sei zwar ein "Opferteil", wie es Jakob nennt, das später aufgeschnitten und entsorgt werden soll, aber die Mühe mit der Hilfskonstruktion habe sich gelohnt. Auch wenn Teile des Schlauches kollabierten, während die Plane am Sonntagmorgen in 85 Metern Höhe schwebte - was mit dem gewellten Saum ein bisschen so aussah, als würde ein fliegender Petticoat über die Antenne gestülpt werden.

Erdfunkstelle Raisting: Vom Zaun aus beobachten viele Zuschauer das Spektakel.

Vom Zaun aus beobachten viele Zuschauer das Spektakel.

(Foto: Arlet Ulfers)

Einer der vielen Besucher, die hartnäckig am Bauzaun ausharrten, war Markus Stock. Der 55-jährige Pöckinger war in der vergangenen Woche gleich vier Mal zum Radom geradelt und am Sonntagmorgen um 7.51 Uhr einer der Ersten, der die weiße Zipfelmütze im Nebel schweben sah. Auch er war schon vor elf Jahren hier dabei, "da brauchte es deutlich mehr Helfer zum Ziehen der Hülle", erinnert sich Stock.

Zum Familienausflug waren auch die zehnjährige Magdalena und der neunjährige Lorenz mit ihrem Vater Stephan Elsäßer aus Raisting zum Radom gekommen waren. "Da würde ich gern mal herunter rutschen", rief Lorenz begeistert, als die weiße Plane wie eine riesige Rutsche in den blauen Himmel aufragte. Er und seine Schwester hatten die Erdfunkstelle schon mit ihrer Hortgruppe besichtigt. Als Erinnerung an den Besuch des weltweit einzigartigen Industriedenkmals hatten sie ein Stück der zerfetzen weißen Folie schenkt bekommen. "Die hebe ich in der Schublade meines Schreibtisches auf", sagt Magdalena.

Spektakuläres Industriedenkmal

Es gilt als eines der zehn spektakulärsten Industriedenkmäler in Deutschland: das Radom in Raisting. Die Redaktion der Zeitschrift Geo hatte die Erdfunkstelle sogar auf Platz eins in ihrer Industriedenkmalliste gesetzt. Auch in der Geschichte der globalen Telekommunikation dürfte es einen Meilenstein markieren: Die 1964 in Betrieb gegangene Anlage zur kommerziellen Satellitenkommunikation war weltweit die fünfte ihrer Art, in Deutschland die erste. Über sie wurden unter anderem die Olympischen Spiele 1965 sowie die erste Mondlandung 1969 live übertragen. Über das Radom lief zudem eine Leitung des sogenannten "Roten Telefons", also der ständigen Fernschreibverbindung zwischen dem Weißen Haus in Washington und dem Kreml in Moskau während des Kalten Krieges. Weil sich die von Tragluft gestützte Schutzkuppel mit fortgeschrittener Satellitentechnik als hinderlich erwies, blieb das Radom in seiner Architektur einzigartig. 1985 stellte die Deutsche Bundespost den Betrieb ein; 1999 wurde das Radom in die nationale Denkmalliste aufgenommen. Im Besitz des Landkreises Weilheim-Schongau ist das Radom seit 2006. Die Telekom verkaufte zudem die 15 kleineren Antennen in der unmittelbaren Nähe des Radom: Sie sind seither im Besitz einer US-amerikanischen Telekommunikationsfirma und noch immer in Betrieb. Wegen Einsturzgefahr war das Radom schon einmal saniert worden: In den Jahren 2010 bis 2020 für drei Millionen Euro. abec

Die Hoffnungen, dass die neue Antennenkuppel nun länger halten wird als ihre Vorgängerin, sind groß. In aufwendigen Simulationen hat Jakob mit seinem Team die optimale Anordnung der Gewebestücke in der nur 1,2 Millimeter dicken Außenhaut ermittelt. Wer genau hinschaut, sieht, dass der untere Teil der Bahnen diagonal verläuft, in etwa wie das Muster auf einem Zwiebelturm der Moskauer Basilika. Streift der Wind nun über die Antennenkuppel mit ihren etwa 3000 Metern Schweißnaht, so sollen die Kräfte besser abgeleitet werden können.

Ob das Radom damit für die Stürme der Zukunft gewappnet ist, lässt sich kaum vorhersagen, so Jakob. Er erinnert sich mit Grauen an jenen Morgen im Februar 2020, als er um 4 Uhr einen Anruf erhielt, dass die Hülle des Radoms zerfetzt sei. Das Sturmtief davor hatte das Radom noch überstanden, doch Sturmtief Bianca machte ihm den Garaus aufgrund der großen Unterschiede in den Windstärken. Jakob sagt: "Sabine hat gedrückt, Bianca hat geschlagen". Jetzt ist er heilfroh, dass die Hülle wieder steht. Die Kosten für die Reparatur des Sturmschadens, laut Instandsetzungsbudget insgesamt rund 2,4 Millionen Euro, zahlt die Versicherungskammer Bayern.

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