Umstrittene Straßennamen:Starnbergs Nazi-Dichterin

Starnberg: Ina-Seidl-Weg

Nicht nur eine Straße, auch eine Bushaltestelle ist in Starnberg nach der Nazi-Dichterin und Ehrenbürgerin Ina Seidel benannt, wenn auch mit Fehler.

(Foto: Nila Thiel)

Der Stadtrat will den Ina-Seidel-Weg nicht umbenennen, das Straßenschild bekommt aber einen Kommentar - selbst dafür gab es Gegenstimmen.

Wie geht man um mit einer längst verstorbenen Ehrenbürgerin, die in der NS-Zeit als prominente Verfechterin der nationalsozialistischen Ideologie galt? Was macht man mit einer Straße, die den Namen einer Schriftstellerin trägt, die Adolf Hitler einst ein persönliches Geburtstagsgedicht ewigen Deutschtums ("Wer will das Haupt nicht überwältigt neigen?") widmete?

Die Starnberger Grünen-Fraktion hatte Ende Mai eine kritische Distanzierung der Stadt Starnberg zu Ina Seidel beantragt. Seidel war im Jahr 1970 die Ehrenbürgerwürde verliehen worden. Und der Name der Schriftstellerin, die von 1934 bis 1974 in der Kreisstadt lebte, ziert seit 1959 einen Verbindungsweg zwischen Jahnstraße und Prinzenweg.

Das Thema provozierte zuletzt in Gauting eine aufgeregte Debatte, nachdem der Gemeinderat beschlossen hatte, Straßen umzubenennen, die an Seidel und Max Dingler erinnerten. Beide hatten sich mit der Nazi-Ideologie identifiziert und zählten zu Hitlers willfährigen Anhängern. Im Gegensatz zu Dingler distanzierte sich Seidel jedoch später von ihrer Rolle im NS-Unrechtsstaat.

Im Starnberger Stadtrat war bereits 2013 die Umbenennung des Ina-Seidel-Weges diskutiert worden, das Gremium entschied sich für die Beibehaltung des Straßennamens - auch, um den Anwohnern lästige Formalitäten durch Änderung der Anschriften zu ersparen. Eine Aberkennung der Ehrenbürgerwürde, die in Starnberg einst auch Hitler zuteil geworden war, stand ohnehin nicht zur Debatte: Der Titel erlischt mit dem Tod seines Trägers, eine Aberkennung ist nicht möglich.

Die Starnberger Grünen beantragten nun, durch eine Kommentierung am Straßenschild auf die kritische Rolle Seidels in der Nazizeit als prominente Vertreterin auf Hitlers "Gottbegnadeten"-Liste. "Wie gehen wir mit Ina Seidel um?", fragte Stadträtin Annette Kienzle, und erklärte, dass es den Grünen dabei nicht um die Änderung des Straßennamens gehe: "Die Umbenennung steht nicht zur Debatte." Man wolle Seidels Namen nicht tilgen, sondern vielmehr einen historischen Bezug herstellen.

Bürgermeister Patrick Janik konnte sich damit ebenso anfreunden wie eine Mehrheit im Gremium, zumal Ina Seidel als zeitgenössische und populäre Vertreterin ihrer Zeit, die unter anderem die Mutterschaft als höchstes Frauenglück pries, heutzutage vielen nichts mehr sage. Das Stadtarchiv soll nun eine passende Kommentierung für das Straßenschild entwerfen. Lediglich fünf Stadträte stimmten dagegen, darunter die WPS sowie zwei CSU-Stadträtinnen.

© SZ vom 28.07.2021 / phaa
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