Kino:Alle Gewinner des Fünfseen-Filmfestivals

Das Festival endet mit einer glanzvollen Preisverleihung. Zwei Auszeichnungen gehen an ukrainische Streifen, den SZ-Publikumspreis erhält "Der Hochzeitsschneider von Athen" - und Leiter Matthias Helwig erlebt einen Franz-Beckenbauer-Moment.

Von Christine Setzwein, Gauting

Die Szene erinnert ein wenig an den Abend des 8. Juli 1990 in Rom. Deutschland war gerade Fußball-Weltmeister geworden, und Teamchef Franz Beckenbauer schlendert alleine in Gedanken versunken über den Rasen des Olympiastadions. Im Gautinger Breitwand-Kino ist am Abend des 31. August 2021 gerade das 15. Fünfseen-Filmfestival (FSFF) zu Ende gegangen und Leiter Matthias Helwig steht im Saal 1, erschöpft und für ein paar Minuten alleine, den Blick aufs Handy. 13 anstrengende Tage liegen hinter ihm. Beckenbauer ist nach dem WM-Sieg als Teamchef zurückgetreten.

Das wird Helwig nicht tun, zu sehr ist ihm das von ihm gegründete Festival ans Herz gewachsen und zu sehr freut er sich aufs nächste Jahr - ohne Corona-Beschränkungen und mit besserem Wetter. Das 15. FSFF, das unter dem Motto "Perspektiven" stand, war trotz Pandemie ähnlich erfolgreich wie das 14. im ersten Corona-Jahr 2020. Mehr als 150 Filme wurden gezeigt, etwa 14 000 Besucher gezählt - und das, obwohl dem Dauerregen zuletzt alle Open-Air-Vorführungen zum Opfer fielen.

Nur etwa 60 Cineasten konnten wegen der Pandemie am Dienstag die Preisverleihung im Gautinger Kino Breitwand miterleben. Abräumer des Abends war die Ukraine. Was Generalkonsul Yuriy Yarmilko, der zweimal auf die Bühne durfte, zu dem Satz verleitete: "Ich werde hier noch zur populären Person." Er nahm die Ehrungen für die Regisseurinnen Kateryna Gornostai und Natalya Vorozhbit entgegen, die nicht anwesend sein konnten, aber eine Videobotschaft schickten.

Mit ihrem Film "Stop - Zemlia" gewann Gornostai die wichtigste Auszeichnung des Festivals, den mit 5000 Euro dotierten Fünfseen-Filmpreis. In dem Spielfilmdebüt erzählt die Regisseurin rund um ihre Hauptfigur Masha von einer Handvoll Jugendlicher zwischen Pubertät und Erwachsenwerden. Sie tue dies "zärtlich, überraschend und mutig", befand die Jury. "Stop - Zemlia" sei ein stilistisch ungewöhnlicher Film, der dokumentarischen Realismus mit fantasievollen träumerischen Passagen verbinde.

Den Preis überreichte der stellvertretende Starnberger Landrat Matthias Vilsmayer, der Landkreis fördert das Festival von Beginn an. Die 32-jährige Kateryna Gornostai konnte übrigens nicht persönlich bei der Preisverleihung sein, weil sie an diesem Tag in Kiew ihren Scheidungstermin hatte, wie Juror Rüdiger Suchsland erzählte. Wann der Film in deutsche Kinos kommt, steht nicht fest: Er hat noch keinen Verleih gefunden.

Bereits im Kino läuft dagegen "Der Hochzeitsschneider von Athen". Der Streifen der deutsch-griechischen Regisseurin Sonia Liza Kenterman gewann den "Publikumspreis - Best of Festivals" der Süddeutschen Zeitung im Wert von 5000 Euro. Kentermann nahm den Preis aus den Händen des Starnberger Redaktionsleiters David Costanzo entgegen. Ihr Film erzählt davon, wie Menschen damit umgehen, wenn die Zeiten sich geändert haben. "Die Zeiten haben sich nach eineinhalb Jahren Pandemie auch für Künstler und die gesamte Kulturbranche geändert", sagte Costanzo. "Ich würde mich freuen, wenn der Preis helfen könnte, den Film ein klein wenig in die Aufmerksamkeit des Publikums zu rücken."

Die Entscheidung für die liebenswerte, traurig-sanfte Komödie fiel hauchdünn. "Wir mussten bis in die zweite Kommastelle gehen", sagte Helwig, bis feststand, dass der Hochzeitsschneider doch vor "The Father" mit Anthony Hopkins landete. 5000 Kinobesucher hatten beim SZ-Publikumspreis abgestimmt.

Mit dem Horizonte-Filmpreis, der mit 2000 Euro dotiert ist und von der Gleichstellungsstelle des Landratsamtes Starnberg gestiftet wird, wurde der Film "Väter unser" von Sophie Linnenbaum geehrt. "Der Film macht deutlich, dass auch Väter ihren Platz brauchen", sagte die Gleichstellungsbeauftragte Sophie von Wiedersperg bei der Preisübergabe an die Regisseurin.

Die Gewinner

Fünfseen-Filmpreis: "Stop - Zemlia" (UA) von Kateryna Gornostai

Perspektive Junges Kino (Nachwuchspreis): "Bad Roads" (UA) von Natalya Vorozhbit

Dokumentarfilmpreis: "The Other Side of the River" (DE) von Antonia Kilian

Horizonte-Filmpreis: "Väter unser" (DE) von Sophie Linnenbaum

Kino & Klima-Award: "Dear Future Children" (DE/AT/GB) von Franz Böhm

SZ-Publikumspreis - Best of Festivals: "Der Hochzeitsschneider von Athen" (DE) von Sonia Liza Kenterman

Kurzfilmpreis Goldenes Glühwürmchen: "Ein Ozean" (DE) von Paul Scheufler

Short-Plus Award: "Ala Kachuu - Take and Run" (CH) von Maria Brendle

DACHS-Drehbuchpreis: "Fuchs im Bau" (AT) von Arman T. Riahi

Video-Art-Preis: "Absent Wound" (IR/GB) von Maryam Tafakory Hannelore-Elsner-Schauspielpreis: Birgit Minichmayr csn

Der in diesem Jahr erstmals ausgelobte und mit 3000 Euro dotierte "Kino & Klima-Award", der ebenfalls vom Publikum bestimmt wurde, ging an den Film "Dear Future Children" von Franz Böhm. Das Preisgeld stifteten Anne und Alex Eichberger, Initiatoren von "unserklima.jetzt". "Wir waren vor dem Festival keine Cineasten", erzählte Alex Eichberger, "aber nach zwei bis drei Filmen pro Tag wissen wir nicht mehr, wie man den Fernseher einschaltet."

Den mit 3000 Euro dotierten und von der Stadt gestifteten Preis in der Kategorie "Perspektive Junges Kino" übergab Starnbergs stellvertretende Bürgermeisterin Christiane Falk. "Bad Roads" von Natalya Vorozhbit zeige in vier Episoden in beeindruckender Weise, "was der Krieg mit Menschen macht, wie sie ihren Halt, ihre Werte und ihre Menschlichkeit verlieren", so die Jury. Der Dokumentarfilmpreis ging an "The Other Side of the River" von Antonia Kilian. Der ebenfalls mit 3000 Euro dotierte Preis wurde von Wernher Weigert von der Kreissparkasse München-Starnberg-Ebersberg an den Produzenten Frank Müller überreicht.

Aufgelockert wurde die Preisverleihung durch den 100 Jahre alten Stummfilmklassiker "I do" mit Harold Lloyd. Dazu spielte Bernhard Zink live am Klavier seine eigene Vertonung des Films. "Das war's", meinte Matthias Helwig am Schluss. Bis zum 16. Filmfestival mit schönen Gesprächen, interessanten Begegnungen und bleibenden Eindrücken.

© SZ vom 02.09.2021
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