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Feuerwehr Starnberg:Der Kommandant schlägt Alarm

Weil die Brandretter nicht einmal zur Hälfte besetzt sind, will Chef Markus Grasl 40 Mitarbeiter des städtischen Betriebshofs einsetzen. Er schlägt einen Lösch-Unterricht an den Schulen vor und sucht Wohnungen für die Kameraden.

Bei der Feuerwehr brennt es: Immer mehr Einsätze mit immer weniger Personal bringen die Retter in Starnberg an ihre Grenzen. 138 Feuerwehrleute sollten es in der Stadt sein, doch Markus Grasl, federführender Kommandant, fehlen derzeit 67 Personen. Schon seit Monaten warnt Grasl, seit Februar 2018 im Dienst, davor, dass die Feuerwehr unter aktuellen Voraussetzungen ihre Aufgaben mit Blick auf die Zukunft kaum mehr erfüllen kann. "Wir brauchen Veränderung und wir brauchen Unterstützung", lautet daher sein Credo, mit dem er zuweilen auf Widerstand trifft. Doch Grasl, im Hauptberuf Brandinspektor und Rettungsassistent bei der Integrierten Leitstelle in Fürstenfeldbruck, lässt sich nicht beirren: "Ich kann doch nicht erklären, dass wir alles im Griff haben, wenn es nicht so ist." Sein Zukunftskonzept wird Thema im Feuerwehr-Ausschuss des Stadtrats, der am Mittwoch zum ersten Mal tagt.

Einsätze und Fehlalarme

"Derzeit können wir unsere Aufgaben noch wahrnehmen", sagt Grasl, "aber nur unter maximaler Nutzung der Kapazitäten benachbarter Feuerwehren." Die Starnberger Wehr musste im Vorjahr 407 Mal ausrücken, davon in 171 Fällen wegen Feueralarms. Großeinsätze verzeichneten die Feuerwehrler etwa im Mai, als ein Anwesen in Kempfenhausen lichterloh brannte oder im Starnberger Gewerbegebiet bei einem Galvanisierbetrieb. In 110 Fällen schlugen Brandmeldeanlagen Alarm, zu 90 Prozent habe es sich dabei aber um Fehlalarme durch technische Fehler gehandelt. Spitzenreiter in diesem Jahr ist das Altenheim in Percha mit 14 Alarmen. Zur Lösung dieses dauerhaften Ärgernisses fordert Grasl eine "Einsatzpräventionsstelle" im Landratsamt.

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Hofft auf die Umsetzung seines Konzeptes: Starnbergs Kommandant Markus Grasl sorgt sich um die Zukunft der Starnberger Feuerwehr.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Auch Kreisbrandrat Peter Bauch will bei den Brandmeldeanlagen handeln und mittels bedarfsgerechter Alarmierung erreichen, dass bei jedem Objekt der Kräfteeinsatz zielgerichtet ist. 2018 wurden die Feuerwehren landkreisweit 632 Mal durch Brandmeldeanlagen alarmiert - etwa die Hälfte aller Brandeinsätze. Knapp 200 Gebäude sind derzeit mit automatisierten Alarmen ausgerüstet, vor allem Kliniken, Altenheime und Schulen. Nach Bauchs Angaben sei im Landkreis die Personalstärke von 2018 mit etwa 1900 aktiven Mitgliedern inklusive 421 Jugendlichen im Vergleich zum 2017 nur leicht gesunken: Elf Einsatzkräfte weniger geben keinen Anlass zur Sorge. Das sieht Starnbergs Kommandant für seinen Einsatzbereich anders.

Strukturelle Änderungen

Grasl möchte eine andere Kompetenzverteilung innerhalb der Verwaltung: Neben drei hauptberuflichen Feuerwehrleuten will er insgesamt 40 Mitarbeiter des Betriebshofs gewinnen, von denen jeweils sechs montags bis freitags von 6 bis 18 Uhr mit einem Löschfahrzeug verfügbar wären. Auch eine gemeinsame Nutzung der Infrastruktur - zum Beispiel Werkstätten - sei sinnvoll. Weitere personelle Ressourcen sieht er in Landrats-, Gesundheits- und Finanzamt, Stadtverwaltung oder Abwasserzweckverband. Die Grundausbildung umfasst 160 Stunden, hinzu kämen 80 Stunden zum Thema Atemschutz und Gefahrgut. "Die können wir aber nicht verpflichten", sagt Grasl, "sondern nur motivieren." Zudem müssten auch die Arbeitgeber mitspielen. Um auch den Nachwuchs für die Sache zu begeistern, schlägt Grasl in den Starnberger Schulen das Wahlfach "Feuerwehr-Grundausbildung" vor.

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Gesetzliche Vorgaben

Für die personelle und materielle Ausstattung der Feuerwehren sind die jeweiligen Kommunen zuständig, Details regelt das Feuerwehrgesetz. Artikel 12 etwa erlaubt es Gemeinden, hauptberufliche Kräfte einzustellen. Artikel 13 ermöglicht es, Einwohner mit Hauptsitz im Gemeindegebiet vom 18. bis zum 60. Lebensjahr auf bestimmte Zeit zum Feuerwehrdienst heranziehen, wenn eine Freiwillige Feuerwehr nicht die Mindeststärke erreicht. Eine Pflichtfeuerwehr, wie sie bereits in Grömitz (Schleswig-Holstein) und einigen hessischen Gemeinden existiert, lehnt Grasl - "keine Option" - allerdings ab.

Standortfrage

Die Wache an der Ferdinand-Maria-Straße ist zu klein, und Feuerwehrleute finden keine Wohnungen in der Stadt. Wunschstandort der Feuerwehr ist die Petersbrunner Straße, zumal das Starnberger Gewerbegebiet mit diversen freien Flächen ohnehin überplant wird. Die frei werdenden Gebäude von Feuerwehr und BRK in der Kaiser-Wilhelm-Straße sollten zu Wohnungen umgebaut werden - für Feuerwehrler und BRK-Mitarbeiter. Eine Kampagne in den sozialen Medien ("Wanted - bezahlbarer Wohnraum") blieb bislang erfolglos.

Künftige Herausforderungen

Mit dem Bau des voraussichtlich 2026 fertiggestellten B2-Tunnels und der geplanten Erweiterung des Gewerbegebiets Schorn, aber auch durch Vergrößerung des Kreisklinikums und den Bau des Einheimischenmodells "Am Wiesengrund" erweitert sich das Einsatzgebiet der Starnberger Feuerwehr enorm. Um den Grundschutz für das gesamte Stadtgebiet zu gewährleisten, "müssen wir alle Mittel ausschöpfen", sagt Grasl. Insbesondere der Umzug der Feuerwache müsste bis zur Inbetriebnahme des Tunnels vollzogen sein. Bereits im März hat er dem Stadtrat ein Zukunftskonzept präsentiert, das zumindest teilweise im erstmals tagenden Projektausschuss für Feuerwehr- und Rettungsdienstangelegenheiten am Mittwoch, 20. November, 18 Uhr, bei der Feuerwehr in Söcking besprochen werden soll.

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