Raumfahrt Wie pflanzt man auf dem Mars Tomaten an?

Beobachtet von Kameras sollen in einer Erdumlaufbahn in 600 Kilometern Höhe Tomatenpflanzen wachsen.

(Foto: DLR)
  • Wissenschaftler haben ein fliegendes Gewächshaus in einem Satelliten entwickelt.
  • Ziel ist es, dass sich Astronauten mit frischem, in reduzierter Schwerkraft selbst gezogenen Gemüse versorgen können.
  • Tests in der Erdumlaufbahn haben begonnen, dabei wird auch ein Anbau auf dem Mond und auf dem Mars simuliert.
Von Patrizia Steipe, Oberpfaffenhofen

Auf ihre Computerbildschirme im Kontrollzentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) hatten einige Wissenschaftler Plüschtomaten gesetzt - es sind Maskottchen für die Mission "Eu-Cropis". Dreimal hat das amerikanische Raumfahrtunternehmen SpaceX den Start der Falcon-9-Trägerrakete von der Basis in Kalifornien verschoben. Mal waren weitere Tests angeordnet worden, dann stimmte das Wetter nicht - beim vierten Mal aber klappt alles wie am Schnürchen. Als der kühlschrankgroße Satellit nach 35 Minuten erfolgreich in seiner Umlaufbahn in 600 Kilometern Höhe von der Trägerrakete getrennt wird, brandet Jubel auf.

Bei Eu-Cropis handelt es sich quasi um ein fliegendes Gewächshaus, in dem Tomaten unter Schwerkraftbedingungen heranwachsen sollen, wie sie auf dem Mond sowie auf dem Mars herrschen. Gegossen und gedüngt werden sie mit Urin. "Auf die Pflanzen pinkeln ist nicht so gut", sagt Jens Hauslage vom DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln, der vor sieben Jahren die Ideen entwickelte. Für das Experiment wurde jetzt synthetisch hergestellter Urin ins All geschossen. Aus wissenschaftlichen Gründen sei bei dem Versuch die immer gleiche Beschaffenheit des Urins wichtig. Der Bio-Filter, der den Urin in eine Nährstofflösung umwandeln soll, wurde mit einem Löffel echter Gartenerde "geimpft". "Die Organismen brauchen keine sterile Umgebung sondern biologischen Lebensraum", erklärt Hauslage.

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Um die knappen Ressourcen im All zu schonen, haben die Wissenschaftler zwei biologische Systeme zum Projekt Eu-Cropis kombiniert. Dabei steht das "Eu" für die Grünalge Euglena gracilis. Sie produziert Sauerstoff und kann Ammoniakkonzentrationen abbauen. "Cropis" ist die Abkürzung für Combined Regenerative Organic Food Production in Space. So heißt sowohl der 230 Kilo schwere Satellit als auch die Mission.

Angesichts der im Forschungslabor gezüchteten Tomaten mag sich manch einer an die Science-Fiction-Parodie "Angriff der Killertomaten" erinnern, der Anfang der Achtzigerjahre in die deutschen Kinos kam. Noch dazu, weil auf dem Logo der Mission eine finster dreinblickende Comic-Tomate eine einäugige lachende Grünalge umarmt. Eu-Cropis sei aber wichtige Grundlagenforschung und weit mehr als "Tomaten im Weltall", versichert Wissenschaftler Olaf Eßmann.

Ziel ist es, die Astronauten auf ihren langen Reisen zum Mond und zum Mars mit frischem, in reduzierter Schwerkraft selbst gezogenen Gemüse zu versorgen. In den nächsten Tagen wird das Raumfahrtzentrum in Oberpfaffenhofen den Satelliten ausrichten. Dann kann das Experiment beginnen. Bei dem Pflanzenzuchtversuch sollen durch unterschiedliche Rotation sowohl die Schwerkraftbedingungen auf dem Mond als auch auf dem Mars simuliert werden.

Der erste Kontakt zwischen dem Satelliten und der Bodenstation in Weilheim ist übrigens nicht gelungen. Die Amerikaner hatten die exakten Daten der Startzeit zu spät übermittelt, sodass eine präzise Ausrichtung auf den Satelliten erst mit Verspätung gelang. Dem Experiment hat das nicht geschadet. Der Crop-Biofilter ist noch nicht befeuchtet worden, und die einzellige Euglena-Alge, die auch "Augentierchen" genannt wird, befindet sich in einer Art Winterschlaf und wird erst nach Inbetriebnahme des Gewächshauses in einigen Wochen aufgeweckt.

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