Prozess um Stall Wenn der Richter den Hennen ins Gehege kommt

"Auf dem Grundstück sind zahlreiche Hühner vorhanden, die sich überwiegend im Freien befinden", diktiert Verwaltungsrichter Johann Oswald (links) beim Augenscheintermin auf einer Wiese bei Frohnloh ins Protokoll.

(Foto: Arlet Ulfers)

Das Federvieh hackt nach den Schuhen, eine Ziege geht den Juristen an: Bauer Rudolf Heidrich scheitert dennoch und wird für seinen mobilen Stall wohl zahlen müssen.

Von Michael Berzl, Krailling

Während Hühner aufgeregt gurrend Juristen und Behördenvertreter umzingeln, mit ihren Schnäbeln eifrig auf Schuhe einhacken und an Schnürsenkeln ziehen, knöpft sich eine Ziege Verwaltungsrichter Johann Oswald vor und springt ihm mit den Vorderhufen an die Brust. Als wollten die Tiere mit vereinten Kräften ihren mobilen Stall verteidigen, den Bauer Rudolf Heidrich auf eine Wiese bei Frohnloh gestellt hat. Doch es hilft nichts. Gegen Bürokratie und Gesetze sind Landwirt, Ziegen und Federvieh machtlos. "Ich muss zahlen", weiß Heidrich nach der Gerichtsverhandlung auf seinem Feld am Donnerstagvormittag. Das Urteil kann er zwar erst an diesem Freitag erfragen, aber der Vorsitzende Richter der 11. Kammer des Bayerischen Verwaltungsgerichts hat schon sehr deutlich gemacht, wie er die Sache sieht.

Es geht um eine Ausgleichszahlung in Höhe von 3400 Euro an den bayerischen Naturschutzfonds, weil der Hühnerstall auf freiem Feld einen Eingriff in die Landschaft darstellt. So sieht das jedenfalls das Starnberger Landratsamt, das mit dem Stall zwar einverstanden ist, aber auf einem finanziellen Ausgleich beharrt. Die Summe bemisst sich nach den Investitionen, die laut Heidrich bei 170 000 Euro liegen. Zwei Prozent hält die Kreisbehörde in dem Fall für angemessen.

Bei Bauer Rudolf Heidrich fühlt sich das Federvieh wohl. Der Stall wird alle paar Wochen verschoben, damit die Legehennen immer grünes Gras finden.

(Foto: Arlet Ulfers)

"Es ist die logische Konsequenz der Gesetzesauslegung", sagte Julia Andersen, die dort für den Umweltschutz zuständig ist, beim Ortstermin. Richter Oswald sieht das genauso: "Dass das ein Eingriff ins Landschaftsbild ist, kann man nicht verneinen, und das Gesetz sieht vor, dass das in irgendeiner Weise kompensiert wird." Das Gericht komme zu dem Ergebnis, "dass die Zahlung in der verlangten Höhe so in Ordnung geht".

Zugleich machte Richter Oswald deutlich: "Dabei spielt es keine Rolle, dass das sicher eine sinnvolle Sache ist, die Sie da machen". Peter Drefahl von der Unteren Naturschutzbehörde in Starnberg beteuerte: "Wir finden das richtig, was Sie da machen. Das ist eine sinnvolle Alternative in der Nahrungsmittelproduktion." Die Kompensationszahlung verlangt er dennoch. Der betroffene Landwirt empfinde dies wie eine Strafe, machte der Rechtsanwalt Johannes Daseking von der Kanzlei "Landvokat" deutlich, die dem Bauernverband nahesteht und sich darauf spezialisiert hat, die Interessen von Landwirten zu vertreten. Der Anwalt hat seinem Mandanten in einer kurzen Unterredung zwar noch deutlich gemacht, wie seine Erfolgsaussichten aussehen, doch nachgeben kommt für Heidrich nicht in Frage. "Das wäre ein Verrat an meiner Überzeugung", sagte er. "Mir geht es ums Grundsätzliche. Das ist ein Blödsinn, diese Verordnung. Das will ich zum Ausdruck bringen."

Etwa zwei Hektar groß ist die eingezäunte Wiese, auf der sich die knapp 1000 Hühner und ein paar Ziegen frei bewegen können. Alle paar Wochen wird der Stall um ein Stück versetzt, um das Gras zu schonen. Bei fest installierten Ställen, die er in kleineren Ausmaßen ohne Genehmigung und ohne Ausgleichszahlung aufstellen dürfe, wäre von einer Wiese bald nichts mehr zu sehen, da scharrten die Hennen nur noch im Dreck. Deshalb hält der Frohnloher Landwirt seine Art der Freilandhaltung für viel sinnvoller. Aber die Behörden, so meint er, "haben von der Praxis keine Ahnung".

So sehen das auch Heidrichs Kunden. Das Ehepaar Ilse und Roland Mödl aus Pöcking zum Beispiel, das extra nach Frohnloh kommt, um sich dort frische Eier aus dem Automat zu holen. "Uns ist wichtig, dass wir wissen, wo die Lebensmittel herkommen", erklärt Ilse Mödl. Bei den Legehennen in Frohnloh, denen man von der Straße aus beim Picken und Scharren zusehen kann, ist das sehr transparent. Ein Modell, das bei den Kunden ankommt. Die Pöckinger sind diesmal als Unterstützer zur Gerichtsverhandlung gekommen und können nur kopfschüttelnd verfolgen, wie die Justiz den Hühnerstall beurteilt. Damit sind sie nicht die einzigen.

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