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Coronavirus:Sehnsucht nach Normalität

Wohnheime und Werkstätten für Menschen mit Behinderungen stellt die Corona-Krise vor enorme Herausforderungen. Bewohner fühlen sich oftmals isoliert vom Alltag.

Von Sabine Bader, Herrsching

Für Kathrin Stephanskirchner ist die Arbeit gerade eine Art Dauerspagat. Die Leiterin der Wohneinrichtung des Dominikus-Ringeisen-Werks im Herrschinger Ortsteil Breitbrunn muss die Diskrepanz zwischen langsamer Öffnung und notwendiger Vorsicht täglich neu justieren. 79 Menschen mit Behinderung wohnen in der Breitbrunner Einrichtung in acht Wohngruppen mit jeweils zehn Personen. Sie sind zwischen 21 und 92 Jahre alt und haben alle primär eine geistige Behinderung, oft kommt eine körperliche Beeinträchtigung hinzu und meist auch eine psychische. Was nicht jeder weiß: Behindertenwohnheime wie das in Breitbrunn unterliegen annähernd denselben Regelungen in der Corona-Krise wie Alten- und Pflegeheime. Das heißt: Wochenlang war die Einrichtung komplett abgeschirmt. Es gab keine Besuche von Angehörigen, keinen Arbeitsalltag, keine Ausflüge. Für viele Bewohner eine schwere Zeit. Denn der Alltag war plötzlich ungewohnt einsam.

"Wir waren ein offenes Haus", erzählt Stephanskirchner. Seit sechs Jahren leitet sie die Einrichtung. Jeder konnte, wann auch immer er wollte, Besuch empfangen, rund 20 Bewohner gingen wochentags ganz normal zur Arbeit - entweder in die IWL-Behindertenwerkstätten in Machtlfing oder in eine Werkstätte der Caritas nach Fürstenfeldbruck. Es gab Maifeiern und gemeinsame Feste, Gottesdienste, Ausflüge, und die Bewohner konnten in den Urlaub fahren. Dann kam der Lockdown und alles war anders, die Leichtigkeit dahin. Um etwas Normalität bemüht, halfen die Mitarbeiter den Bewohnern bei Skype-Telefonaten mit ihren Angehörigen. Im Veranstaltungssaal entstand eine Art Schaufenster, in dem Bewohner Selbstgebasteltes ausstellten, Sprüche und Gedichte aufgehängt wurden. Ein Hochbeet wurde im Garten ebenso errichtet, wie eine Klang-Gasse. Stephanskirchner nennt es "kleine Highlights des Alltags".

Breitbrunn, Dominikus-Ringeisen-Werk

Die diffizile Aufgabe von Leiterin Kathrin Stephanskirchner ist es nun, die Einrichtung in Breitbrunn langsam zu öffnen und Bewohner wie Mitarbeiter dennoch weiter zu schützen.

(Foto: Georgine Treybal)

Derzeit gilt nun ein eingeschränktes Besuchsverbot. Man hat einen Besucherpavillon eingerichtet, in dem die Bewohner ihre Angehörigen empfangen können. Anfangs war während des Besuchs ein Mitarbeiter des Hauses dabei, der darauf achtete, dass das Abstandsgebot und die allgemeinen Hygieneauflagen beachtet wurden. "Ich denke, dass sich der Alltag im Haus für viele schon sehr verändert hat, weil gewohnte und lieb gewonnene Dinge weggefallen sind", sagt Stephanskirchner. "Wir haben großes Verständnis für die Bewohner und für ihre Angehörigen, gleichzeitig haben wir aber einen Schutzauftrag für die anderen Bewohner und Mitarbeiter", beschreibt die 39-Jährige das Dilemma, in dem sie steckt. "Man darf nicht vergessen, wir leben hier in WGs zusammen. Würde das Virus in eine der Wohngruppen hineingetragen, könnte das fatale Folgen haben." Denn viele der Bewohner gehören zur Risikogruppe - zum einen, weil sie bereits älter sind, zum anderen, weil sie Vorerkrankungen haben.

Das Problem, mit dem Stephanskirchner und ihre Mitarbeiter zu kämpfen haben, liegt auch in den Hygieneregeln. Denn es erfordert viel Fingerspitzengefühl, die Bewohner damit vertraut zu machen. Zum einen, was die Notwenigkeit von Mundschutz und Abstandsregeln angeht, zum anderen kann gerade das Tragen von Mundschutz für manche Menschen zur Tortur werden, sei es, wenn sie unter ständigem Speichelfluss oder unter Beklemmungszuständen leiden.

Mittlerweile dürfen die Angehörigen die Bewohner auch wieder alleine treffen und mit ihnen spazieren gehen. Allerdings rät Stephanskirchner dazu, größere Menschenansammlungen zu meiden. Auch in die Werkstätten sollen die Bewohner wieder gehen dürfen, wenn diese ein Sicherheitskonzept ausgearbeitet und mit dem Bezirk abgesprochen haben. Diejenigen Bewohner, die die Werkstätte der Caritas in Fürstenfeldbruck und IWL-Werkstätten in Machtlfing besuchen, dürfen ihre Arbeit, wenn alles glattgeht, von der kommenden Woche an wieder aufnehmen.

Breitbrunn, Dominikus-Ringeisen-Werk

Auf eine kleine Maibaumfeier mit ihrem Betreuer Johannes Winter (Mitte) haben die Bewohner des Dominikus-Ringeisen-Werks in Breitbrunn auch in Corona-Zeiten nicht verzichten müssen, wenngleich sie über Wochen keinen Besuch empfangen durften.

(Foto: Georgine Treybal)

Auch für Edith Dieterle, Geschäftsführerin der Lebenshilfe in Starnberg, ist die Tatsache, dass es bald wieder losgeht, eine gute Nachricht. "Die Leute wollen endlich wieder in ihre geliebte Arbeit gehen", sagt sie. Von den 90 Bewohnern, die die Lebenshilfe in drei Wohngruppen und einer Außenwohngruppe in Gauting betreut, arbeiten 75 in den Werkstätten in Machtlfing. Dass die vergangenen Wochen für die Bewohner schwierig waren, ist Dieterle bewusst, auch wenn alle, wie sie findet, "gut durchgehalten" haben. Es wurde viel gebastelt und gewerkelt, Innenhöfe hat man verschönert. Auch haben die Bewohner der Lebenshilfe die vergangenen Wochen dazu genutzt, den Umgang mit Masken zu üben. "Umso wichtiger ist es, dass jetzt ein wenig Normalität zurückkehrt", findet Dieterle. Wenngleich auch ihre Gefühle gemischt sind, denn sie weiß: "Es ist ein Spagat, den wir hier vollbringen - zwischen Normalität und dem Schutz der Menschen mit Behinderung."

Für Alexander Härtl, der mit seiner Kollegin Anna Ottermann den Betrieb der Werkstätten in Machtlfing leitet, waren die vergangenen Monate ein ständiges Auf und Ab. Denn sie müssen seit Monaten auf einen großen Teil ihrer 185 behinderten Mitarbeiter verzichten und trotzdem ihren internationalen Verpflichtungen nachkommen. Schließlich werden in der Einrichtung unter anderem hochwertige Möbel gefertigt - die Werkstätte vertreibt auch eine eigene Möbelmarke -, zahnmedizinische Artikel montiert, Kabel für Elektromotoren hergestellt und vieles mehr. Die rund 50 Gruppenleiter in Machtlfing tragen momentan die Hauptlast der Produktion und kommen den vertraglichen Verpflichtungen der Werkstätten nach. "Wir haben alle Hände voll zu tun", sagt Härtl. "Die Kunden verlassen sich schließlich auf uns."

Wohnheim der Lebenshilfe in der Leutstettener Straße in Starnberg. 
Foto: Lebenshilfe Starnberg

Die Zeit der Abschottung haben sich Mitarbeiter und Bewohner der Starnberger Lebenshilfe an der Leutstettender Straße mit Spielen vertrieben.

(Foto: Lebenshilfe Starnberg)

Von den mehr als 180 Behinderten, die normalerweise in der IWL arbeiten, leben zwei Drittel in Wohnheimen; sie durften bisher nicht raus. Lediglich ein Drittel wohnt zu Hause und darf wie andere Arbeitnehmer längst zurück an den Arbeitsplatz. Etwa die Hälfte von ihnen traute sich das auch. Nun kommt zum Sicherheitskonzept der Werkstätten, das Abstände und Mundschutzpflichten regelt, noch ein Wiedereinstiegskonzept hinzu, das festlegt, nach welchem Modus die einzelnen Beschäftigten in ihre Bereiche zurückkehren dürfen. Sobald es vom Bezirk abgesegnet ist, dürfen auch die Mitarbeiter wieder arbeiten. Für Härtl ist klar: "Alle Fachkräfte und das Führungspersonal freut sich, wenn es endlich wieder losgeht. Schließlich wollen wir Behinderten die Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen."

© SZ vom 17.06.2020
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