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Landkreis:918 Haushalte brauchen eine Sozialwohnung - 97 haben zuletzt eine bekommen

Susanne M. ist einer von knapp 3000 Menschen im Landkreis Starnberg, deren Existenz das Sozialamt sichert. Ihre Chance auf ein günstiges Apartment ist klein.

Wohin? Diese Frage hat sich im Kopf von Susanne M. (Name von der Redaktion geändert) festgesetzt. Bis Ende Februar soll sie ihre kleine Wohnung geräumt haben, der Vermieter hat ihr wegen Eigenbedarfs gekündigt. Doch wo soll die gelernte Erzieherin, Mitte fünfzig, chronisch krank, hin? Es sind nicht nur die Schmerzen, die Susanne M. nachts nicht schlafen lassen. Es ist auch die Ungewissheit. Sie weiß, wie schwierig es ist, im Landkreis eine günstige Bleibe zu finden.

Leicht hatte es die zierliche Frau mit dem sanften Blick nie. Die beiden Kinder hat sie alleine groß gezogen, weil das Geld immer knapp war, hat Susanne M. stets nebenbei gearbeitet. Als sie schließlich vor einigen Jahren erkrankte, ging gar nichts mehr. Susanne M. bekommt Erwerbsminderungsrente und Grundsicherung, arbeiten kann sie nicht mehr. Sie nimmt starke Medikamente, die sie mitunter benebeln. Ihre Kinder konnte sie zuletzt kaum unterstützen. Dass sie ihrer kranken Mutter nicht helfen konnten und ihr erstes in der Ausbildung verdientes Geld als "Teil der Bedarfsgemeinschaft" der mütterlichen Grundsicherung abgezogen wurde, hat sie selbst instabil und krank gemacht. Ein Sohn erlitt eine schwere Depression. "Ich will versuchen, wieder eine gewisse Leichtigkeit in unser aller Leben zu bringen", sagt Susanne M.. Hin und wieder scheint ihr das auch zu gelingen. Doch dann ist sie wieder da, die Frage nach dem Wohin.

Susanne M. ist einer von knapp 3000 Menschen im Landkreis, deren Existenz finanziell das Sozialamt sichert. Etwa 1100 Euro hat sie jeden Monat zur Verfügung, aktuell gehen davon 800 Euro für die Miete mit Nebenkosten drauf. Das verbleibende Geld teilt sich Susanne M. gut ein; Fahrrad und Kühlschrank zahlt sie auf Raten ab. Sie hat große Sorge, zu diesem Preis wieder eine Wohnung im Grünen zu finden. Denn das ist ihr wichtig: "Die Natur gibt mir Kraft." Tatsächlich gibt es auf dem freien Markt kaum Angebote, die für Susanne M. in Frage kommen. Sie hat inzwischen einen Wohnberechtigungsschein. Das heißt, ihr stünde eigentlich eine der 1855 Sozialwohnungen im Landkreis Starnberg zu. Doch die Chancen, dass sie zum Zug kommt, sind gering. Alle sind belegt, lediglich 97 Wohnungen wurden im vergangenen Jahr neu vergeben. Die Liste der Wartenden ist sehr lang: 918 Bewerber zählt das Landratsamt.

"Unsere größte Sorge ist die Wohnungsnot", sagt Sozialamtsleiter Friedrich Büttner. "Die Mieten steigen eklatant." Es habe immer schon wenig bezahlbaren Wohnraum gegeben, aktuell seien die Angebote aber alarmierend gering. Zwischen 2014 und 2016 hätten sie sich in etwa halbiert, obwohl das Sozialamt die Angemessenheitsgrenze für die Unterkunftskosten im April auf zehn Euro pro Quadratmeter angehoben hat. Das Sozialamt muss nämlich nur für die angemessenen Unterkunftskosten aufkommen. Die Mietkosten werden dann in der Sozialhilfeabrechnung als Bedarf angesetzt. Ist die Wohnung nach dieser Rechnung zu teuer, muss der Antragsteller die Mehrkosten selbst tragen oder eine "angemessene" Wohnung suchen. Wer das Glück hat, eine Sozialwohnung vermittelt zu bekommen, bezahlt zwischen vier und sechs Euro Miete pro Quadratmeter; alle anderen im Durchschnitt das Doppelte.

Laut Büttner wurde in den vergangenen Jahren zwar im sozialen Wohnungsbau angeschoben, allerdings nicht im Umfang des Bedarfs. Das sieht Michael Vossen, Geschäftsführer des Verbands Wohnen im Landkreis, ähnlich. Der Zweckverband stellt mit etwa 1200 Wohnungen den Löwenanteil an gefördertem Wohnraum. "Der Bedarf ist aber lange nicht gedeckt", sagt Vossen, "der Verband würde auch gerne noch mehr Projekte umsetzen." Doch gebe es keine Baugrundstücke. Die Gemeinden hätten kaum noch Grund, die Landwirte wollten keinen abgeben.

Susanne M. sagt, sie lasse sich nicht zermürben. Ihrem Sohn hat sie wieder auf die Beine geholfen, er hat einen Job im Verkauf und ist daheim ausgezogen. Bleiben noch die kleinen Probleme: kein Geld für ein paar warme Schuhe, eine Winterjacke und eine elektrische Zahnbürste für die von den Medikamenten angegriffenen Zähne. Und natürlich die Frage nach dem Wohin.