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Kunst:Irritierend schön

Bernried, Buchheim Museum, Ausstellung Leif Trenkler

Mondän und rätselhaft: "Früh am Morgen im Yellow Valley" hat Leif Trenkler sein 2018 entstandenes Ölgemälde genannt, das einen leeren Bungalow samt Swimmingpool und geknicktem Baum zeigt.

(Foto: Georgine Treybal)

Leif Trenkler zeigt im Buchheim-Museum seine auf Holz gemalten Bilder, die wie Film-Stills wirken. Die Ausstellung heißt passenderweise "Coloured Beauty".

Von Patrizia Steipe

Seine Bilder wirken auf den ersten Blick einfach nur schön. Je länger man die Abbildungen von Wasseroberflächen, Swimmingpools, Bungalows, versteckt liegenden Häusern, Landschaften und vom Kosmos betrachtet, desto rätselhafter, geradezu magisch, erscheinen sie. Das mag an den Bildausschnitten liegen, die wie eine Vergrößerung wirken, oder an der Szenerie, die an das Arrangement für einen Filmdreh erinnern. Der Maler Leif Trenkler spricht sogar von "Stills", also Film-Standbildern, die "das Geheimnis des flüchtigen Moments" nicht preisgeben. "Meine Bilder zeigen die Liebe zu Zurückgezogenheit und Ruhe, zur Schönheit der Einsamkeit und zu einer kontemplativen Lebensweise", sagt er.

Die einsamen Schwimmer, im Wasser spielende Kinder, wartende Angler wirken zerbrechlich in ihrer Unbeschwertheit. "Wo kommt diese ahnungsvolle Tiefe her?", fragte der Direktor des Buchheimmuseums, Daniel Schreiber, im Interview mit dem Künstler. Der Ausstellungsfilm ersetzte wegen Corona die Vernissage für die Schau "Coloured Beauty".

Die Schönheit habe Fallstricke, so der Künstler. Diese Erfahrung hat der 1960 geborene Trenkler, der heute in Köln lebt, gemacht, als er als Kind beinahe in einem See ertrunken wäre. Er wurde gerettet und verbrachte Wochen im Krankenhaus. "Dort träumte ich immer wieder von Wasseroberflächen, die ich von unten sah und durch sie hindurch die Bäume am See und die Pflanzen an seinen Ufern. Ich verbinde seitdem Seenlandschaften, sich kräuselndes Wasser, Algen und Schilfpflanzen sowie die funkelnden Lichtflecken auf dem Wasser mit etwas ganz besonders Innigem", erzählt der Künstler in einer Biografie.

Bernried, Buchheim Museum, Ausstellung Leif Trenkler

Eines der Werke von Leif Trenkler ist die kopflose "Glückliche Besitzerin".

(Foto: Georgine Treybal)

Auch wenn die Bilder nur einen Moment erfassen, spürt man eine größere Geschichte dahinter. Trenkel beobachtet immer wieder Besucher, die in Museen oder Galerien ganz nahe an seine Bilder herantreten, um ihr Geheimnis zu ergründen. "Und sie sehen nur den Pinselstrich." Trotzdem lohnt es sich, die Werke aus der Nähe zu betrachten. Als Leinwand verwendet der Maler Birkenplatten. Oft trägt er die Farbe so dünn auf, dass die Maserung des Holzes durchscheint und zu einem zusätzlichen Gestaltungselement wird.

Trenkler ist einer der wichtigsten Vertreter der "Neuen Figuration" in Deutschland. Er studierte an der Städelschule in Frankfurt und an der Kunstakademie in Düsseldorf. Seine Bilder sind gegenständlich, dazu kombiniert er abstrakte, geometrische Formen, Licht und Farbe. In den 90er-Jahren sei dieser Ansatz "revolutionär" gewesen, sagt Schreiber. Davor musste Kunst das Schöne zerstören, "Kunst musste wehtun". Angesichts Trenklers Motiven sei man "satt vor Glück", die Schönheit werde zum Fluchtort der Fantasie.

In einer Biografie berichtet der Künstler von seiner Kindheit in einem Hochhausviertel. "In meiner Kindheit wurde ich gehetzt, von den anderen Sozialsiedlungskindern gejagt und bedroht. Jeder Tag war ein Spießrutenlauf." Dazu kam die temperamentvolle Familie. "Es wird von morgens bis abends geschrien, gelacht und laut unterhalten", dabei sehnte sich der introvertierte Junge nach Ruhe.

Einen Fluchtort findet der Junge bei einem Besuch der Uffizien in Florenz während eines Italienurlaubs. "Als ich zum ersten Mal die kühlen und stillen Räume betrat, empfand ich eine Ruhe wie nie zuvor. Hier fand ich meine neue Welt - den Kosmos der Malerei. Tief beeindruckt von der mächtigen Schönheit der Bilder entdeckte ich mit zwölf Jahren meine große Liebe zu Caravaggio, Botticelli und Uccello". Die Begeisterung für Kunst - entweder aktiv als Maler oder passiv als Kunstsammler - hat er sich bis heute erhalten. Dass seine Arbeiten in dem Gebäude zu sehen sind, in dem auch die Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel ausgestellt werden, freut den Künstler besonders: "Sie waren die Heroen meiner Kindheit".

"Coloured Beauty" erstreckt sich über zwei Säle. Im Erdgeschoss gibt es eine Auswahl von Trenklers Bildgegenständen der vergangenen zehn Jahre: Architekturen, Autos, Menschen, Tiere, Flüsse. Der Turmsaal ist den aktuellen Arbeiten gewidmet. Im Münchner Hirmer Verlag ist dazu ein 143 Seiten starker Katalog erschienen.

Die Ausstellung ist bis 10. Oktober geöffnet. Parallel dazu läuft bis 20. Juni die lange unterbrochene Ausstellung über den Expressionisten Erich Heckel.

© SZ vom 26.05.2021
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