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Herrsching:Marihuana aus dem Nato-Bunker

Bavaria Weed könnte man am ehesten wohl mit "Bayern-Kraut" übersetzen, obwohl die Bezeichnung etwas irreführend wäre: Schließlich wächst das Cannabis nicht im Freistaat, sondern wird hier nur geprüft, verpackt und vertrieben.

Seit Cannabis auch in Deutschland als Medizin zugelassen ist, wird Hanf gesellschaftsfähig. Wie sich die Bavaria Weed GmbH aus Herrsching auf dem rasant wachsenden Markt etablieren will.

Von Peter Haacke

Der neue Markt ist umkämpft, in der Gründerszene herrscht rege Aufbruchstimmung: Seit Cannabis auch in Deutschland als Medizin zugelassen und so die ärztliche Verordnung für Therapien ermöglicht worden ist, wird Hanf gesellschaftsfähig. Angesichts der zunehmenden Lockerung der gesetzlichen Vorgaben hoffen viele Unternehmen auf ein Millionengeschäft. Denn der Markt für medizinische Cannabis-Produkte ist riesig, Experten erwarten auch in Europa einen "grünen Goldrausch" wie in Kanada oder vielen US-Bundesstaaten.

Eines der ersten bayerischen Pharmaunternehmen mit Lizenz zur unlimitierten Einfuhr und Veredelung von Cannabisrohstoffen in der EU hat seinen Sitz in Herrsching: die Bavaria Weed GmbH. Seit diesem Herbst ist es dem 2018 gegründeten Unternehmen möglich, psychoaktiven Hanf von zugelassenen Herstellern unter strengen Vorgaben zu erwerben, aufzubereiten, abzupacken und als Arzneimittel an Apotheken zu vertreiben.

Für die berauschenden Blüten des Hanfs - eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit - gibt es viele Namen: Cannabis, Marihuana oder schlicht Gras. Bavaria Weed könnte man am ehesten wohl mit "Bayern-Kraut" übersetzen, obwohl die Bezeichnung etwas irreführend wäre: Schließlich wächst das Cannabis nicht im Freistaat, sondern wird hier nur geprüft, verpackt und vertrieben.

Die drei Bavaria-Weed-Geschäftsführer Thomas Hoffmann, Stefan Langer und Sebastian Pötzsch legen eigenen Angaben nach besonderen Wert auf Qualität: Ihr Startup mit 22 Mitarbeitern ist ein ambitioniertes Pharma-Unternehmen, das sich auf dem rasant wachsenden EU-Markt etablieren will. Herzstück der jungen Firma, in der ein Investment von zehn Millionen Euro steckt, ist das Produktionslager in Leipheim (Landkreis Günzburg): ein ehemaliger Nato-Bunker mit 1,35 Meter dicken Stahlbetonwänden, vergitterten Fenstern und Kameras in allen Winkeln - ein Hochsicherheitstrakt.

Ohne Anmeldung, Ausweis und Schutzanzug kommt laut Langer niemand herein. Hier werde unter extremen Sicherheitsbedingungen gearbeitet. Der Rohstoff kommt aus Kanada und Portugal, der Herstellungsprozess im Bunker unterliege höchsten Hygienebedingungen unter Einsatz von Hightech. Jeder Schritt werde penibel dokumentiert. Mitarbeiter brauchten ein einwandfreies Führungszeugnis und müssten regelmäßig zum Drogentest. "Wir sind ein Pharmahersteller", stellt Langer klar, "unser Fokus ist die Medizin". Zugang zum Online-Shop hätten ausschließlich Ärzte und Apotheker, auch Großhändler seien potenzielle Kunden. Einziges Produkt sind bislang Hanfblüten, steril verpackt in 30- oder 50-Gramm-Dosen. Bei Bavaria Weed denkt man auch über die Herstellung eines Extraktes nach.

Stefan Langer, einer der drei Geschäftsführer von Bavaria Weed, will spezifische Cannabissorten für unterschiedlichen Anwendungsgebiete in konstant hoher Qualität auf den Markt bringen.

(Foto: Bavaria Weed)

Doch es gibt noch unzählige Hürden. Abgesehen von den Auflagen der Bundesopiumstelle und unterschiedlichen Vorschriften in den jeweiligen Bundesländern sind Wirkungsweise und Dosierung von Cannabis vielen Ärzten unbekannt. Neben traditionellen Vorurteilen sind auch viele juristische Details noch ungeklärt. Zudem "wissen die meisten Ärzte gar nicht, welches Cannabis sie verschreiben sollen", sagt Pötzsch, der von mindestens zwei Millionen potenzieller Patienten in Deutschland ausgeht. Aufklärungsarbeit und Fortbildung seien dringend nötig.

Die einzelnen Hanfsorten sind in ihrer Wirkungsweise sehr unterschiedlich, wie aus der Fachliteratur hervorgeht. Cannabis sativa enthält demnach mehr als 500 Inhaltsstoffe, darunter 100 Cannabinoide, die bisher in keiner anderen Pflanze entdeckt wurden. Das am meisten untersuchte Cannabinoid ist wohl das berauschende THC, Produkte mit einem Gehalt von 0,2 Prozent und mehr fallen unter das Betäubungsmittelgesetz; medizinische Produkte enthalten bis zu 25 Prozent THC. In Hanf finden sich außerdem mehr als 120 verschiedene ätherische Öle (Terpene) und 21 Flavonoide mit unterschiedlichen pharmakologischen Eigenschaften. Es gibt Hinweise darauf, dass Cannabinol (CBN), Cannabidiol (CBD) und andere Substanzen die Wirkung von THC modifizieren. Allerdings kommen nicht alle Bestandteile gemeinsam in einer Pflanze vor. Je nach Gattung unterscheidet sich die Zusammensetzung, das Zusammenspiel der Wirkstoffe ist jedoch wissenschaftlich bislang noch nicht vollständig erforscht.

Produktion unter höchsten Hygiene-Standards: Cannabisblüten aus Kanada und Portugal werden in Leipheim für den Versand an Apotheken weiterverarbeitet.

(Foto: Bavaria Weed)

Ziel von Bavaria Weed ist es, als Importeur, Distributor und Produzent zehn Sorten mit verschiedenen Potenzen in konstant reiner Bio-Qualität auf den Markt zu bringen. Verunreinigungen müssten ausgeschlossen sein. 300 Kilogramm Cannabisblüten verarbeitete man im letzten Quartal des Vorjahres, angepeilt ist für 2021 monatlich eine Tonne. "Ein vernünftiges Pharmaunternehmen" will das Geschäftsführer-Trio aus dem Startup machen, ein späterer Börsengang ist nicht ausgeschlossen. "Die Welt retten, Spaß haben und Geld verdienen", sagt Pötzsch, "als grüner Investor planen wir langfristig und nachhaltig". Das Logo - ein bayerischer Löwe mit Hanfblatt - hat jedenfalls schon mal hohen Wiedererkennungswert.

Mittelfristig hofft man, die Rohstoffe in Deutschland herstellen zu können - auch, um die "Wertschöpfung im Land zu halten" und die Preise zu senken, sagt Hoffmann. 2,30 Euro kostet ein Gramm derzeit in der Produktion, Patienten zahlen ohne Kostenübernahme der Krankenkasse in der Apotheke rund 20 Euro dafür. Illegal ist Gras mit fragwürdiger Qualität billiger zu haben, ist aber oft durch Schwermetalle, Mikroorganismen oder Pestizide verunreinigt; sogar Haarspray sollen manche Dealer einsetzen, um ihr Produkt besonders harzreich erscheinen zu lassen. Erste Lizenzen für legalen Cannabis-Anbau in Deutschland sind bereits vergeben, die erste Ernte wird für 2022 erwartet. Bavaria Weed steckt zwar noch in den Kinderschuhen, doch für Langer ist das Ziel klar definiert: "Wir wollen für medizinisches Cannabis die Nummer 1 in Europa werden."

Drei Gramm auf Rezept

Im März 2017 hat der Deutsche Bundestag Cannabis zur medizinischen Nutzung freigegeben. Seitdem ist es möglich, Cannabis mit Erlaubnis der zuständigen Aufsichtsbehörde unter strengen Vorgaben zu importieren. Jedes Land, das die Vorgaben des Übereinkommens über Suchtstoffe sowie sonstige Betäubungsmittel- und arzneimittelrechtliche Vorgaben erfüllt, kommt als Exportland von medizinischem Cannabis in Frage. Bislang hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) unter anderem den Import aus Kanada, den Niederlanden, Portugal und Israel genehmigt.

Im Prinzip kann jeder Allgemeinarzt medizinisches Cannabis verschreiben - die Entscheidung steht ihm allerdings frei. Voraussetzung für den Einsatz von Cannabis als Medikament ist eine schwerwiegende Krankheit und die erfolglose Ausschöpfung aller Standardtherapien. Im Zweifel ist eine zweite Meinung empfehlenswert. Die Höchstmenge, die der Arzt verschreiben kann, beträgt drei Gramm Cannabis pro Tag, ein Rezept gibt es für maximal einen Monat. Über die Kostenübernahme entscheidet die jeweilige Krankenkasse; sie zieht dabei in der Regel den MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) zu Rate. Medizinisches Cannabis ist in allen Apotheken erhältlich. Es ist allerdings jeder Apotheke überlassen, ob und welche Betäubungsmittel sie lagert. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin will die Verordnung von Cannabinoiden erleichtern, Hauptanliegen ist eine bessere Versorgung von Schmerzpatienten. Die Therapieentscheidung soll ausschließlich beim Arzt in Absprache mit seinem Patienten liegen.

Strafrechtlich gesehen gibt es in der Öffentlichkeit keine Einschränkungen bei der Einnahme von medizinischem Cannabis. Allerdings können Ordnungshüter das Cannabis beschlagnahmen und den Besitzer verhaften, sofern der rechtmäßige Besitz nicht nachweisbar ist. phaa

© SZ vom 06.02.2021
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