Seniorenbeirat Gilching:Mehr Verständnis und Wohlwollen für Demenzkranke

Lesezeit: 3 min

Seniorenbeirat Gilching: Der Gilchinger Seniorenbeirat Michael Wolfschlag setzt sich für mehr Integration von Alzheimer-Patienten ein.

Der Gilchinger Seniorenbeirat Michael Wolfschlag setzt sich für mehr Integration von Alzheimer-Patienten ein.

(Foto: Patrizia Steipe)

Michael Wolfschlag kennt die Krankheit aus seinem nahen Umfeld: Bei einem guten Freund ist Alzheimer diagnostiziert worden. Nun setzt sich der 75-Jährige für mehr Integration der Betroffenen in der Gesellschaft ein.

Von Patrizia Steipe

Das Thema "Demenz" betrifft Michael Wolfschlag persönlich. Vor fünf Jahren wurde "Alzheimer" bei einem guten Freund diagnostiziert. "Über die Jahre habe ich seine Veränderung mitbekommen", sagt der Gilchinger Seniorenbeirat. Beide sind 75 Jahre alt. Doch während Wolfschlag sich in seinem Ehrenamt engagiert und Veranstaltungen wie die "3. Gilchinger Demenzwoche" auf die Beine stellt, zieht sich sein ehemaliger Arbeitskollege immer mehr zurück. "Seit zwei Jahren kann ich nicht mehr verbal mit ihm kommunizieren", bedauert Wolfschlag. Der Freund würde nach Worten ringen und auch etwas sagen, "aber das ist nicht unsere Sprache. Ich verstehe es nicht".

Die unheilbare Demenzerkrankung des Freundes ist ein Grund für den Diplom-Psychologen, das Thema "Demenz" als Seniorenbeirat aufzugreifen. Früher hat Wolfschlag bei Siemens als Unternehmensberater gearbeitet und Führungskräfte gecoacht. In der ganzen Welt ist er eingesetzt worden. Oft hat er die Psychodramatherapie, ein Verfahren aus der Tiefenpsychologie, angewandt. "Sie kombiniert Elemente des Stegreif-Theaters und der Psychologie". Dabei werden Konfliktsituationen im Rollenspiel aufgearbeitet. Die Betroffenen tauschen Rollen oder spielen sich selbst, dadurch wird ein Verhalten zurück gespiegelt und begreifbarer.

Wolfschlag schwebt ein Demenz-Café vor

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass sich Wolfschlag als Mensch der Worte, das Schicksal des sprachlos gewordenen Freundes besonders zu Herzen nimmt. Wolfschlag lässt sich an fünf Wochenenden zum Demenzhelfer und in einem zweistündigen Kurs zum Demenzpartner ausbilden. Nicht, weil er später, so wie seine Kurskolleginnen und -kollegen, selbst die Betroffenen zuhause besuchen möchte, er möchte die Krankheit besser verstehen lernen und ein Netzwerk aufbauen, um zu helfen.

Wolfschlag schwebt ein Demenz-Café für Leute mit Demenz im Anfangsstadium vor, Angehörigengruppen, Gesprächskreise. "Interaktion mit anderen ist sogar ein Mittel, um Demenz zu bremsen", weiß Wolfschlag. In Gilching gibt es bereits eine "demenzfreundliche" Apotheke. Hier wurden die Mitarbeiter so geschult, dass sie die Anzeichen der Krankheit erkennen und adäquat darauf reagieren können. Das Gleiche wünscht sich Wolfschlag auch für den örtlichen Einzelhandel. Kassenkräfte wären dann beispielsweise geduldiger, falls ein Senior Probleme beim Zahlen hat. "Sie haben dann im Hinterkopf, dass dieser Kunde Demenz haben könnte und sein Bestes gibt".

Und er wünscht sich ein Umdenken in der Gesellschaft. Statt Demenzkranke zu stigmatisieren, sollen sie integriert werden und auf Verständnis und Wohlwollen stoßen. "Das Hauptproblem ist, dass man sich nicht genügend in den Demenzkranken hineinversetzt, um zu begreifen, was er eigentlich will", sagt Wolfschlag.

So wie Hörgerät und Rollator, gehört Demenz längst zum Älterwerden dazu. Angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft wird jeder in seiner Nachbarschaft auf immer mehr Betroffene treffen. In der Altersgruppe der mehr als 90-Jährigen soll bereits jeder Dritte demenzielle Symptome haben. Bayernweit gibt es schätzungsweise 240 000 Demenzkranke. Die Anzahl wird bis 2030 auf 300 000 steigen. In Gilching dürften 400 dementiell erkrankte Menschen leben, mutmaßt Wolfschlag.

Humor als Hilfsmittel

Noch ist "Demenz" ein Tabuthema, bedauert er. Um das zu ändern, macht der Gilchinger Seniorenbeirat bei der Bayerischen Demenzwoche des Ministeriums für Gesundheit und Pflege mit. Allerdings werden in Gilching die Veranstaltungen über den ganzen Monat September verteilt. Den Beginn macht die Ausstellung "Demensch - Alltagssituationen mit Demenz" des Cartoonisten Peter Gaymann, die vom 1. bis 29. September im Gilchinger Rathaus zu sehen sein wird. Bereits im letzten Jahr hat Gaymann hier gezeigt, dass Humor und Demenz gut zusammenpassen. Schließlich sei Humor ein gutes Mittel, um Stress abzubauen. Die Cartoons werden in diesem Jahr mit Texten des Demenzfachmanns Pajam Rais Parsi ergänzt, der die Hintergründe, der in den Karikaturen aufgezeigten Alltagssituationen erläutert.

Am 16. September gibt Sonja Herrmann von der Fachstelle für pflegende Angehörige im Landkreis Starnberg Tipps unter dem Motto "Dementielle Erkrankung - was nun?" Die Veranstaltung findet von 10 bis 13 Uhr im Rathaus statt. Anmeldung unter Telefon 08105/386620. Am Dienstag, 20. September, läuft der Familienfilm "Romys Salon" um 15 Uhr. Im Mittelpunkt einer Familiengeschichte stehen die zehnjährige Romy und ihre Oma, Besitzerin eines Frisiersalons. In einem Publikumsgespräch werden zum Thema "Haben Sie heute schon vergessen?" am Donnerstag, 29. September, Hilfestellungen für den Alltag aufgezeigt. Pajam Rais Parsi führt von 18 bis 20 Uhr im Gilchinger Rathaus in die Thematik ein. Der Experte ist im Landratsamt Landsberg zuständig für das seniorenpolitische Gesamtkonzept.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema