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Städteplanung:Eine Ödnis von frappierender Hässlichkeit

Die Maßeinheit für diese und ähnliche Projekte, etwa auch auf dem ehemaligen Eon-Gelände an der Drygalski-Allee, "Am Südpark", heißt: tausend Wohneinheiten und mehr. Oder 3000 Neubürger und mehr. Kein Wunder, dass der Stadtbezirk, in dem Obersendling liegt, rasant auf die 100 000-Einwohner-Marke zusteuert. Und dass der amtierende Bezirksausschuss-Vorsitzende Ludwig Weidinger (CSU) vom Rathaus fordert, nicht nur den Wohnungsbau im Auge zu haben. "Wir brauchen hier weiterhin auch Gewerbe", gab Weidinger bei der jüngsten Bürgerversammlung den Emissären der Kommunalverwaltung mit auf den Weg. Die Meglingerstraße und Machtlfinger Straße kann er freilich nicht gemeint haben. Dort floriert bereits neues Gewerbe aller Art - von Aldi bis zum Autohaus, vom Baumarkt bis zum Bordell.

Der Ratzingerplatz wartet auf sein zweites Leben.

(Foto: Catherina Hess)

Schon rücken die nächsten Brennpunkte der Umgestaltung Obersendlings in den Blick, wie der Großparkplatz an der Gmunder Straße oder die Keuzung Zielstattstraße/Hofmannstraße mit ihren pilzartig hochschießenden City-Hotels. Vor allem aber hält die Gegend um den Ratzingerplatz die Planer auf Trab. In ihrem Herzen derzeit noch eine Ödnis von frappierender Hässlichkeit, soll es hier in absehbarer Zeit mächtig zur Sache gehen.

Eine Art Masterplan für das 13,2 Hektar große Areal nennt die Eckpunkte und Prioritäten: Ganz oben stehen der Neubau eines Gymnasiums an der Gmunder Straße sowie einer Grundschule an der Boschetsrieder Straße und diverse Kitas, Fertigstellung möglichst bis 2021. Denn das stürmische Bevölkerungswachstum erzeugt Druck auf die schulische und soziale Infrastruktur. Gegenüber, auf der anderen Seite der Boschetsrieder Straße, soll die Feuerwehr- und Rettungsdienstschule erweitert und dafür der Sparkassen-Bau geopfert werden. Auch dafür wird es höchste Zeit.

Auf der städteplanerischen To-do-Liste steht ansonsten ein deutlich vergrößertes Parkdeck über der U-Bahnstation und dem Busbahnhof Aidenbachstraße. Und natürlich der Umbau des Ratzingerplatzes selbst. Durch einen neuen Zuschnitt der Fahrbahnen soll Platz gewonnen werden für eine Promenade mit Läden und Wohnungen. Münchens Rockbands dürften schon jetzt um die schönen Übungsräume im ehemaligen Wartehäuschen weinen, das dann keinen Platz mehr hat. Als Knotenpunkt nicht nur des Individual-, sondern auch des Schienenverkehrs könnte der "Ratz" eine Renaissance erleben, wenn die Tram-Westtangente verwirklicht wird.

Schließlich drehen sich die Überlegungen von Kommunalpolitikern, Fachbehörden und Architekten um die Zukunft der Zeppelinhalle. Dieses industriedenkmalartige Baujuwel, in dem nie Zeppeline gefertigt worden sind, soll in fernerer Zukunft als zentraler Quartiersplatz reüssieren. Manche träumen schon von einer Szene aus Gastronomie, Volkshochschule, Kulturstätte und Flaniermeile. Dafür müsste jedoch erstmal ein Ersatzstandort für den benachbarten städtischen Betriebshof gefunden werden. Alles in allem aber wird klar: Es ist weit mehr als ein Gesichtslifting, was an Veränderungen rund um den Ratzingerplatz in Gang kommt. Obersendling erfindet sich in seinem Kern völlig neu.

Zeppelinhalle in München, 2011

Die Zeppelinhalle soll in fernerer Zukunft als Quartiersplatz reüssieren.

(Foto: Robert Haas)

Dabei kämpft das Viertel mit einem Image-Problem: Es gilt vielen Münchnern als unwirtlicher Verhau aus Wohn- und Gewerbegebieten, als wuchernder Mischgebietsdschungel. Tatsächlich trifft dies nur noch punktuell zu, etwa in jenem Bereich der Hofmannstraße, in dem gegenwärtig das neue chinesische Generalkonsulat entsteht, oder entlang der Tölzer Straße. Andernorts kleidet sich der Nutzungsmix in ansprechend moderne Architektur. Gute Beispiele sind die Bürowelten der High-Tech-Unternehmen im Bereich nördliche Aidenbachstraße, Kistlerhofstraße und Seumestraße, jeweils mit properen Wohnquartieren gleich nebenan.

Zum anderen verstecken sich in dem Stadtteil Wohnstraßen, die sich von jenen im benachbarten Solln nicht wesentlich unterscheiden. Wer etwa im Karree zwischen Leutstettener Straße und Lochhamer Straße daheim ist, genießt das Flair einer Gartenstadt.

Den meisten Obersendlingern ist die Außensicht auf ihr Viertel ohnehin egal. So wie Marianne und Anton Hees. Das Ehepaar wohnt seit 41 Jahren an der Murnauer Straße, und das in voller Zufriedenheit. Verkehrsanbindung und Versorgungslage seien exzellent: "Jede Art von Geschäft oder Restaurant ist mühelos zu Fuß zu erreichen, in fünf Minuten geht man zum Bus, in zehn Minuten zur U-Bahn. Das ist optimal." Zudem sei es so ruhig, dass man den Balkon jederzeit nutzen kann. Klingt nicht so, als hätte Obersendling im Zuge des Baubooms seine Attraktivität eingebüßt.

© SZ vom 24.05.2017/infu
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