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Städteplanung:Nachverdichten bis zur Schmerzgrenze

Aus Alt mach Neu: An der Siemensallee wachsen Wohntürme in die Höhe.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Obersendling befindet sich in einem grundlegenden Umbruch - es wird gebaut und in der Regel heißt es: Wohnen schlägt Gewerbe.
  • Auch im übrigen Münchner Südwesten verschwinden Industrie, Frei- und Lagerflächen, an mancher Stelle wird bis zur Schmerzgrenze verdichtet.

Der Wandel währt schon Jahre, und ein Ende ist nicht absehbar, ganz im Gegenteil: Im gesamten Münchner Südwesten läuft derzeit ein Transformationsprozess richtig heiß. An seinem Ende wird unterm Strich ein Schwund an Industriebetrieben, Frei- und Lagerflächen zu konstatieren sein, ebenso wie eine exorbitante Zunahme an Wohnraum. Das ist in Fürstenried so, wo bis zur Schmerzgrenze nachverdichtet werden soll. Das betrifft Thalkirchen, das mit seinem schicken Neubaugebiet "Isargärten" renommiert und weiterer Urbanisierung harrt.

Selbst die einstigen Dörfer Solln und Forstenried können sich dem Sog des Versiegelns letzter Baulücken nicht entziehen. Und doch wirkt die Entwicklung dieser Viertel im Vergleich zu dem, was sich in Obersendling abspielt, wie Kosmetik. "Obersendling zählt mit Sicherheit zu den spannendsten Münchner Stadtteilen." Das sagt nicht nur Hans Bauer, der 41 Jahre lang dem Bezirksausschuss angehörte. Das sagt südlich des Harras so ziemlich jeder Beobachter - nicht selten mit kritischem Unterton.

Umwälzend in Bewegung gerät Obersendling schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Ehedem ein klassisches Arbeiterviertel mit Klitschen und mittelgroßen Betrieben, Wohngenossenschaften und sozialdemokratischer Grundfärbung, verpasst eine Firma von Weltgeltung dieser südlichen Stadtecke ein völlig neues Gesicht: Siemens, damals auf Abwanderung aus der geteilten Hauptstadt, siedelt sich dort an und dominiert jahrzehntelang das Geschehen. Allein am Standort Hofmannstraße - und es existierten in der Umgebung noch jede Menge andere Stützpunkte des Konzerns - gehen 30 000 Beschäftigte des Unternehmens ihrer Arbeit nach.

Viele von ihnen wohnen in der Werkssiedlung nordwestlich des Ratzingerplatzes, zu erkennen an den Sternhäusern. Mitten drin, an der Leo-Graetz-Straße, wächst Jochen Böing auf. Besuch der Grundschule an der Boschetsrieder Straße, Lieblingsspielplatz der nahe Südpark, Vater Siemens-Ingenieur - ein typischer Junge aus dem Obersendling der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Eher Junge als Bub, denn in der Nachbarschaft stammen die meisten Spielgefährten aus Berlin. "In Obersendling ist Siemens damals allgegenwärtig gewesen, kaum zu zählen die Leute, die mit der Firma irgendetwas zu tun hatten", erinnert sich der heute 64-Jährige.

Als Jugendlicher genoss Böing ein Privileg, von dem er noch heute begeistert erzählt: Fußballspielen durfte er mit seinen Freunden im Siemens-Sportpark. Das war nicht allen Kindern des Münchner Südens vergönnt. Aber womöglich ändern sich die Regeln bald, denn die Stadt ist drauf und dran, das verfallende Sport- und Erholungsgelände zu übernehmen.

Bordell in München, 2015

An der Meglingerstraße findet sich noch immer Gewerbe aller Art.

(Foto: Florian Peljak)

Die Siemens-Herrlichkeit, sie dauert bis weit in die Neunzigerjahre. Als sie ausklingt, ist von der Proletarier-Hochburg der Frühzeit schon lang nichts mehr übrig. Der mit Sozialleistungen umsorgte Siemens-Angestellte prägt das Bild, solider Mittelstand. Doch nichts bleibt dauerhaft so, wie es ist, auch wenn das viele Siemensianer gern geglaubt hätten. Als der Firmenriese den geordneten Rückzug antritt, schwebt plötzlich ein großes Fragezeichen über der Gegend zwischen Boschetsrieder Straße und Siemensallee, Wolfratshauser Straße und Drygalski-Allee: Was soll nur werden aus dem Stadtteil, wenn der Weltkonzern weg ist?

Die Antwort ist längst gegeben. Auf die Blüte der beschäftigungsintensiven Elektro-Ökonomie folgt an allen Ecken und Enden der Siemens-City ein Boom des Wohnungsbaus. Schon vollendet: die "Südseite" mit ihren fünf Wohntürmen an der Baierbrunner Straße. Bis zu 16 Stockwerke hoch, vom Bauherrn gepriesen als "Sternenhimmel". Bereits detailliert in Planung sind Lofts im ehemaligen Siemens-Hochhaus sowie der Campus Süd, inzwischen auch als "Hofmannhöfe" annonciert, an der Hofmannstraße. Wohnriegel und "Hochpunkte" sollen den ehemaligen Büropark ablösen.

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