Oper:Im Kopf des Genies

Lesezeit: 3 min

Oper: Auf dem Weg zum ersten Computer: Martin Platz als Alan Turing.

Auf dem Weg zum ersten Computer: Martin Platz als Alan Turing.

(Foto: Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg)

Das Staatstheater Nürnberg bringt die Uraufführung der Oper "Turing", ein Auftragswerk von Anno Schreier über Alan Turing, der den Computer miterfand und im Zweiten Weltkrieg den Code der Enigma, der Verschlüsselungsmaschine der Nazis, knackte.

Von Egbert Tholl

Alan Turing wurde 1912 in London geboren, starb 1954 und war vermutlich einer der klügsten Menschen, die im 20. Jahrhundert lebten. Da Klugheit aber nicht vor Tragik schützt, eher im Gegenteil, ist seine Lebensgeschichte auch eine traurige. Also ein Opernstoff, auch wenn man kaum in zwei, drei Stunden erklären kann, womit sich dieser Mensch beschäftigte. Anno Schreier und sein Librettist Georg Holzer versuchen es dennoch; für Holzer war Turing "eine Art Held des 20. Jahrhunderts", für Schreier ist er eine professionelle Herausforderung. Schreiers erste Oper kam 2006 heraus, da war der in Aachen Geborene 27 Jahre alt. Er schrieb weiter fürs Musiktheater, "Hamlet" oder "Stadt der Blinden" etwa, für Wien und Zürich, und jetzt "Turing" fürs Staatstheater Nürnberg, am Samstag ist die Uraufführung.

Alan Turing studierte von 1931 an am King's College in Cambridge, veröffentlichte 1936 die Schrift "On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem", in der er die Idee der auf Algorithmen beruhenden Turing-Maschine entwickelt, ein ideelles Bild des Computers. 1939 geht er nach Bletchley Park, dem Haupt-quartier der britischen Kryptologen. Dort knackt er den Code der legendären Enigma, der Verschlüsselungsmaschine der Nazis, nun können Turing und seine Kollegen fast den gesamten deutschen Funkverkehr entschlüsseln. Er erhält dafür einen Orden, muss aber absolutes Stillschweigen bewahren. Nach dem Krieg arbeitet er weiter an der Entwicklung des Computers und hat eine Affäre mit dem 19-jährigen Arbeitslosen Arnold Murray. Turing wird zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, beginnt aber ersatzweise mit einer Östrogen-Behandlung - so glaubte man damals, gesellschaftlich unerwünschte Triebe unterdrücken zu können. Turing fiel aufgrund der Behandlung in Depressionen, wurde am 8. Juni 1954 tot in seinem Haus aufgefunden. Er hatte sich mit einem mit Zyanid getränkten Apfel vergiftet. Ein angebissener Apfel. Das Bild kennt man als Logo aus der Computerwelt, bizarre Koinzidenz.

Für die Oper erfunden wurde eine weibliche Personifizierung einer künstlichen Intelligenz

Anno Schreier und Georg Holzer bauten diese Lebensgeschichte in 19 Szenen zusammen und lösten dabei auch ein Problem: Turing hatte in seinem Leben keine besonders intensive Beziehung zu Frauen. Nun gibt es zwar Opern, in denen keine Frauen auftauchen, aber diese spielen in rein männlichen, düsteren Welten. Aber hier geht es ja um ein reales Leben. Als eine Lösung erfanden Schreier und Holzer die weibliche Personifizierung einer künstlichen Intelligenz. Bei einem Publikumsgespräch vor einer öffentlichen Probe, bei der man Ausschnitte aus "Turing" erleben konnte, erzählte Schreier: "Turing war ein merkwürdiger Mensch. Er saß in seiner Stube und dachte über Dinge nach, die außer ihm kaum einer verstand. Ich bin auch so gemacht. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und mache Sachen, von denen viele nicht wissen, was ich da eigentlich mache."

Nun, das Ergebnis, so der erste kleine Eindruck nach der Probe, ist keineswegs so, dass man nicht nachvollziehen könnte, was er da macht. Jedes Bild folgt einer neuen musikalischen Idee, lebendiger Kontrapunkt zu der Frage, wie man Turings Denken in Musik übersetzen könnte. Da ist natürlich die mathematische, mechanische Seite der Musik. Und dem gegenüber steht Schreiers Einfallsreichtum, seine Freude an Zitaten, die Lust, zeitgenössische Musik wie Techno oder Pop einzubinden. Ein durchlaufender Puls verbindet die stilistisch heterogenen, gleichwohl unmittelbar einleuchtenden Szenen. Und eines war Schreier besonders wichtig: die Sanglichkeit. Es gebe viele zeitgenössische Opern, in denen die Sängerinnen und Sänger nicht mehr sängen, sondern andere Dinge machten. Also bat er Holzer um ein Libretto, das das Singen evoziert. An die Besetzung in Nürnberg dachte Anno Schreier beim Komponieren nicht, das verringere nur die Chance, dass die Oper von anderen Häusern nachgespielt werde. Mit einer Ausnahme: Emily Newton. Sie singt Turings Gefährtin, in der Oper vielleicht wichtiger als in Turings realem Leben.

Für Intendant Jens-Daniel Herzog, der bei "Turing" selbst Regie führt, ist das Auftragswerk ein Herzenswunsch. Er hat selbst mal Mathematik studiert, "ich war zu schlecht darin, aber die Geschichten sind geblieben". Erzählt er von Alan Turing, so glaubt man, dieser säße mit im Raum. Diese Lebendigkeit des Chefs spiegelt sich in diesem Auftragswerk: Herzog will Opern für ein Publikum von heute mit der Musik von heute. Turing ist auch längst zu einer Art Popstar geworden. Die Pet Shop Boys widmeten ihm einen Song, es gibt Romane und Comics über ihn, einige Filme, zuletzt "Imitation Game".

Denkt Herzog gerade nicht an Alan Turing und die eigene Regiearbeit, dann kommen ihm so schöne Worte wie "plausibilisiertes Nutzerbedarfsprogramm" in den Sinn. Dessen Umsetzung wird wichtig Ende 2025, wenn die Betriebserlaubnis für das alte, marode Opernhaus erlischt, mit dessen Renovierung begonnen wird und der Opernbetrieb für vermutlich zehn Jahre ins Ausweichquartier in die Kongresshalle umziehen wird. Herzog ist sich sicher: "Das wird ein neues, spannendes Kapitel in der Geschichte Nürnbergs und Bayerns." Damit der Kongresshalle ihre falsche Heiligkeit der Nazi-Hinterlassenschaft ausgetrieben werden kann, muss dort noch sehr viel geschehen, siehe Nutzerbedarfsprogramm. Ohne vorgreifen zu wollen, eines ist Herzog fürs Programm dort wichtig: "Wir werden es weder an Respekt noch an Respektlosigkeit fehlen lassen."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema