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Vögel:Ein Wohnprojekt für den bedrohten Spatz

Der Haussperling soll in München mit neuen Nistplätzen ausreichend Platz zum Leben finden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die dichtere Bebauung schadet auch dem Haussperling - er findet kaum noch Platz in der Stadt. Ein Schutzprogramm soll den Lebensraum der Spatzen nun sichern.

Die Spatzen scheinen Spaß zu haben. Von einem Ast hüpfen sie zum nächsten, mal nach oben, mal nach unten. Der Tanz der kleinen aufgeplusterten Vögel in dem kahlen Busch scheint willkürlich, doch wer dem Treiben länger zusieht, kann fast schon eine Choreografieausmachen. Plötzlich schert ein Männchen aus dem Reigen aus, hüpft am Boden vorwärts, blickt sich um, hüpft weiter bis zu ein paar Sonnenblumenkernen. Aber anstatt seine Beute für sich zu behalten, zwitschert der Spatz seinen Artgenossen im Busch, dass er Futter entdeckt hat. "Spatzen sind sehr gesellig", sagt Sylvia Weber. Die Spatzenexpertin vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) in München steht neben dem Gebüsch vor dem Eingang zum Perlacher Einkaufszentrum Pep und hat den Vögeln Körner mitgebracht. Weber hat hier im Südosten Münchens, zwischen Pep und Parkplatz, zwischen Großbaustelle und Hauptverkehrsknoten eine Mission: Sie will den Lebensraum der Perlacher Spatzenkolonie bewahren.

Ein paar Meter oberhalb des Spatzenbuschs hängen alle paar Meter Nistkästen, die das Pep in Absprache mit dem LBV dort angebracht hat. Die Haussperlinge nehmen die neuen Unterkünfte bereits an. Doch das eigentliche Wohnprojekt liegt auf der anderen Seite der Thomas-Dehler-Straße, inmitten der Baustelle für das künftige "Kulturquadrat", ein großes Wohn- und Kulturzentrum. Hinter Absperrgittern ragt ein dunkler Mast in den blauen Winterhimmel, oben schwebt ein Vogelhäuschen, in dem es bis zu 60 Brutplätze auf drei Etagen gibt.

Sylvia Weber ist die Spatzenexpertin vom Landesbund für Vogelschutz.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ein paar Meter weiter liegt ein riesiges rostiges Knäuel, das zunächst wirkt wie ein Schrotthaufen der Baustelle. Doch das ist die "Legung III", eine riesige Skulptur aus Eisengeflecht des Künstlers Adrian Marynak, die Mitte September vom mittlerweile abgerissenen Kulturhaus am Hanns-Seidel-Platz mit einem Kran umgehoben wurde. Das gewaltige Nest aus Metall war in den vergangenen Jahren tatsächlich zum Unterschlupf für eine ganze Spatzenkolonie geworden. Ohne die Rettungsaktion des Kunstwerks und den Bau des Spatzenturms wären die Vögel wohl aus dem Neuperlacher Zentrum verschwunden, die Kolonie wäre zerstört.

Doch wozu eigentlich der ganze Aufwand für einen vermeintlichen Allerweltsvogel wie den Haussperling? "Die Vögel sind die Kulturfolger schlechthin, der Haussperling hat sich vor vielen tausend Jahren dem Menschen angeschlossen", sagt Weber. Passer domesticus, wie Spatz oder Haussperling mit lateinischen Namen heißen, lebt in Städten fast ausschließlich in Spalten und Hohlräumen von Gebäuden. Doch mit der immer dichteren Bebauung gerade in einer Stadt wie München, wo Wiesen, Hecken und Büsche verschwinden und Altbauten zunehmend Neubauten mit hermetisch abgeriegelten Dächern und Fassaden weichen, finden Spatzen immer weniger Platz zum Leben.

Noch vor ein paar Jahrzehnten waren die zutraulichen Vögel allgegenwärtig, in Biergärten und auf Plätzen, in Grünanlagen und Industriebrachen. Doch die Population in München geht seit Jahren stark zurück. Mittlerweile leben die Vögel nur noch an einigen wenigen Ecken in der Innenstadt in kleinen Populationen. Bereits im Frühjahr 2017 hatte die SPD-Fraktion im Stadtrat in einem Antrag gefordert, den Spatzen in München mehr Schutz zu bieten - mit Spatzentürmen und Wiesen drumherum.

Seither hat sich einiges getan. Mittlerweile wurden mit Hilfe des LBV vier Spatzentürme aufgestellt, teils auf Privatgrundstücken wie auf dem Hanns-Seidel-Platz, der Jean-Paul-Richter-Straße in Sendling-Westpark und der Peter-Anders-Straße im Neubaugebiet in Pasing, es gibt aber auch einen Turm hinter dem Pausenhof der Grundschule an der Gertrud-Bäumer-Straße in Neuhausen. Überall dort sind mittlerweile Spatzen eingezogen. Im Dezember beschloss der Stadtrat ein Maßnahmenpaket, um die Spatzenpopulationen künftig besser zu schützen. Dazu gehört, dass nun geprüft wird, an welchen Schulen in München Nistplätze für Haussperlinge geschaffen werden können, zudem sollen weitere Standorte gefunden werden.

Es wird geprüft, an welchen Schulen in München Nistplätze für Haussperlinge geschaffen werden können.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dem LBV schwebt beispielsweise der Petuelpark vor. Dort gibt es in einem alten Gebäude gegenüber dem Café Ludwig eine große Spatzenkolonie. Die Vogelschützer befürchten, dass das Haus abgerissen wird, was das Ende der Vogelschar über dem Deckel des Mittleren Rings bedeuten könnte. Denn die Vernichtung des Lebensraums kann für Sperlingskolonien tödlich sein. Sie fliegen keine weiten Strecken, ihr täglicher Flugradius liegt meist zwischen 50 und 200 Metern. Sie gelten deshalb als sehr standorttreu. Wenn sich eine Kolonie an einem Ort wie im Stahlknäuel von Neuperlach angesiedelt hat, bleibt sie dort. Sobald Ende Februar die erste Frühlingswärme da ist, plustern sich die Männchen mit ihrem schwarzen Brustlatz auf und tschilpen mit ihren Konkurrenten um die Gunst der Weibchen. Hat sich ein Paar gefunden, hält es sich lebenslang die Treue.

Auch direkt neben einer anderen Baustelle fühlt sich eine kleine Gruppe Spatzen sichtlich wohl. Hinter dem Rathaus hüpfen ein Dutzend Haussperlinge in dem dürren Gebüsch von vier Pflanztrögen und knabbern an den Kernen, die ihnen regelmäßig Tierfreunde mitbringen. Weder der Baulärm am Marienhof, noch der Trubel der Fußgängerzone scheint die kleinen Vögel bei ihrem Treiben zu stören. Die Büsche sollen während des Baus für die zweite Stammstrecke stehen bleiben, anschließend bekommen die Spatzen auf dem künftigen begrünten Marienhof wieder eine ordentliche Hecke.

Für Sylvia Weber und den LBV ist der Schutz der Spatzen ein großes Anliegen. "Wir sind den Stadtvögeln besonders verbunden", sagt die Vogelexpertin. Im neuen Stadtquartier am Hanns-Seidel-Platz sollen die Haussperlinge an den künftigen Wohngebäuden besondere Unterschlupfe finden. Auf einige Fassaden wird der Künstler Hajo Forster Wolken malen, dort werden eigens gestaltete Nistkästen angebracht für eine dauerhafte Bleibe der Vögel. "Ich möchte, dass die Spatzen nicht ständig umziehen müssen", sagt Weber.

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