SZenario:Fast ein Flirt

SZenario: Oberbürgermeister Dieter Reiter (rechts) und Ministerpräsident Markus Söder.

Oberbürgermeister Dieter Reiter (rechts) und Ministerpräsident Markus Söder.

(Foto: Florian Peljak)

Markus Söder und Dieter Reiter erweisen Karl Valentin an seinem 75. Todestag mit einem Museumsrundgang die Ehre und zeigen sehr deutlich, was sie voneinander halten.

Von Christian Mayer

Da haben sich also zwei gefunden, auf halbem Weg zwischen Münchner Rathaus und Staatskanzlei. Geradezu beschwingt stehen sie im ersten Stock des Valentin-Karlstadt-Musäums unter einer großen Tuba und halten Smalltalk, es ist beinahe ein Flirt. Schlank und rank sei er ja geworden, sagt Markus Söder und deutet auf Dieter Reiters straffen Bauch, und der bedankt sich artig mit einem ähnlichen Kompliment. Ach, die Weihnachtsfeiertage, antwortet Söder, die seien oft ein herber Rückschlag, figürlich betrachtet.

Für die Museumsdirektorin Sabine Rinberger könnte es nicht besser laufen. Dass sich der Ministerpräsident und der Oberbürgermeister am 75. Todestag von Karl Valentin zu einem gemeinsamen Besuch in ihrem Haus verabredet haben, ist in mehrfacher Hinsicht einmalig, nicht nur, weil Markus Söder zum ersten Mal den Museumsturm am Isartor besucht. Natürlich alles für einen guten Zweck: Es geht um die Würdigung des Münchner Humoristen, Filmemachers und Musikers Karl Valentin, der am 9. Februar 1948 halb vergessen in seinem Planegger Exil starb, und um Werbung für ein weltweit einmaliges, in seiner Skurrilität absolut liebenswertes Museum.

Zwischen Musikinstrumenten, Fotos und kuriosen Kunstwerken zeigen sich Söder und Reiter dann als veritable Valentin-Kenner, auch dessen Bühnenpartnerin Liesl Karlstadt kommt nicht zu kurz. Aus seiner langjährigen Erfahrung mit geschwätzigen Kollegen in der Rathaus-Koalition hat es dem OB vor allem ein Karl Valentin zugeschriebener Spruch angetan: "Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und trotzdem den Mund halten." Der Ministerpräsident muss als Franke etwas ausführlicher erklären, warum ihn der anarchische Geist des großen Grantlers so fasziniert, glücklicherweise kann er mit seiner Großmutter aufwarten, mit der er im Fernsehen früher alte Valentin-Filme wie "Der Theaterbesuch" oder "Orchesterprobe" geschaut habe, vermutlich in der Zeit, bevor sich Söder hoffnungslos in Darth Vader verliebte.

"Er würde uns mit seinen Sprüchen und seinem Sprachwitz nicht verschonen."

Gemeinsam sinnieren die beiden, wie das wohl wäre, wenn Valentin heute noch seine boshaften Bemerkungen machen könnte. "Eines ist sicher, er würde uns mit seinen Sprüchen und seinem Sprachwitz nicht verschonen", vermutet Söder. Vielleicht wäre er ja als Fastenprediger am Nockherberg dabei - oder beim Fasching in Veitshöchheim, wo er den Franken hinreiben könnte, was ein Münchner von ihnen hält. "Ja, das Hinterfotzige ist den Bayern nicht fremd", so Reiter - was ihn trefflich von den heutigen Comedians unterscheide.

Kabarettistischer Höhepunkt des Zwiegesprächs ist die gemeinsame Erinnerung an einen Starkbieranstich mit dem Linken-Politiker Gregor Gysi, der offenbar dem hiesigen Brauchtumsgesöff nicht ganz gewachsen war und am Tisch immer mehr in Richtung Söder kippte: "Beim Rausgehen hat er gesagt, haben Sie aber eine hübsche Tochter." Gemeint war Söders Pressesprecherin. "Ja, und mich hat er g'schimpft, dass es zu viel war", lästert Reiter.

Anschließend steigen Söder und Reiter die Treppen hinauf, um im Nebenturm die Ausstellung "Krautwurst & Weißwickel - Karl Valentin & Kurt Schwitters" zu besichtigen, die von Designstudentinnen der Hochschule Augsburg gestaltet wurde. Zeit für eine Frage, die alle Journalisten brennend interessiert: Ob ihre neue Männerfreundschaft vor allem der Tatsache geschuldet sei, dass der Ministerpräsident gerade im Begriff ist, die Altersgrenze für bayerische Kommunalpolitiker aufzuheben? Dies würde dem heute 64-jährigen Dieter Reiter eine dritte Amtszeit ermöglichen - ein herrliches Geschenk des CSU-Chefs, über das sich Katrin Habenschaden von den Grünen weniger freut. Wäre das nicht toll, gemeinsam im Rathaus beziehungsweise in der Staatskanzlei alt zu werden? "Da kann ich mir was Schöneres vorstellen, außerdem entscheiden das die Wähler", sagt Söder nicht mehr ganz so euphorisch. Reiter grinst dabei sehr entspannt.

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