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Segeln:"Du kannst nicht gegen die See fahren, sie ist immer stärker"

Segler Jochen Werne will in die Antarktis

Zweimal segelte Jochen Werne bis an die nördliche Packeis-Grenze. Diesmal geht es nach Süden, auf den Spuren historischer Seefahrer.

(Foto: Oliver Picht/ oh)

Der Münchner Banker Jochen Werne und elf Freunde wollen mit einem Segelschiff von Kap Horn in die Antarktis. Nicht nur der Mythos historischer Seefahrten treibt sie an.

Von Martina Scherf

"Men wanted for hazardous journey. Small wages. Bitter cold. Safe return doubtful. Honour in case of success". Mit solchen Worten soll der britische Seefahrer Ernest Shackleton 1914 Männer für eine Fahrt ins Südpolarmeer gesucht haben. Ehre wurde ihm am Ende zwar zuteil, doch davor spielte sich ein dramatischer Überlebenskampf ab. Das Schiff blieb monatelang im Packeis stecken, bis es schließlich sank, die Männer retteten sich in offenen Beibooten aufs Meer. Eine schier unglaubliche Geschichte, in der am Ende alle überlebten.

Gefährlich ist eine Fahrt zur Antarktis auch heute noch. Bitter kalt sowieso. "Wenn du dich einem Eisberg näherst, fühlt sich das an, als würdest du deinen Kopf in die Tiefkühltruhe stecken", sagt Jochen Werne, 46. Er kennt dieses Gefühl. Er war schon zweimal im arktischen Meer, bis rauf nach Spitzbergen. Diesmal zielt er in die andere Richtung: von Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas zur Antarktis. Mit einem Segelschiff. Am 12. Februar soll es losgehen.

Die Drake-Straße, benannt nach Sir Francis Drake, dem britischen Freibeuter und Weltumsegler, ist eine der gefährlichsten Schiffsrouten der Welt. In 14 Tagen wollen Werne und seine elf Mitsegler sie hin und zurück passieren, mit der Santa Maria Australis, einem 20 Meter langen Schiff aus Aluminium. Sie gehört Wolf Kloss, der seine Basis im Süden Chiles hat und regelmäßig Törns im Südpolarmeer fährt. Denn längst hat der Tourismus auch die entlegensten Weltregionen erreicht. Vor zwei Jahren ist Kloss anlässlich des 100-Jahre-Jubiläums den Spuren Shackletons in die Antarktis gefolgt.

Werne, der bei seinen bisherigen Touren immer selbst Schiffsführer war, verlässt sich diesmal auf die Erfahrung des ortskundigen Skippers. Doch die Vorbereitung und Logistik lagen bei ihm, und natürlich wird er auch selbst am Ruder stehen. "Die letzten Wochen habe ich kaum mehr als vier Stunden pro Nacht geschlafen", sagt er. Sie absolvierten ein Sicherheitstraining mit Rettungsinsel auf dem Starnberger See. Sie schulten sich für medizinische Notfälle, studierten die Wetterbedingungen, stellten einen Plan für die Abläufe an Bord und die Unterstützer an Land auf.

"Wir haben einen Zahnarzt dabei, der muss im Notfall auch ein offenes Bein nähen", sagt er und lacht. Ein Arzt in Deutschland kann den Kollegen, wenn nötig, per E-Mail oder Satelliten-Telefon beraten. An Bord teilen sich alle Crew- Mitglieder die Aufgaben, sie gehen Wache, navigieren, sammeln Wetterdaten, kümmern sich um die Bordtechnik, kochen und waschen ab. "Der jüngste ist 28, der älteste 78", sagt Werne. Es sind Unternehmer, Banker, Manager, Wissenschaftler aus mehreren Ländern. Es wird nicht nur Dosenravioli geben, betont Werne: "Schon Napoleon sagte doch: Die Armee marschiert auf ihren Mägen." Vor der Seekrankheit haben sie keine Angst. "Auch ich werde immer mal wieder davon erwischt", sagt er, "aber dann trinkst du halt, sobald es wieder geht, eine Cola, isst ein paar Salzstangen und machst weiter. Die Disziplin hilft über alles hinweg."

Jeder muss alles machen - auch knifflige Reparaturen

Auch über extrem knifflige Situationen. Einmal, vor Jahren, lagen sie mit defekter Maschine im Ärmelkanal auf Legerwall. So nennen Segler eine der unangenehmsten Situationen, die ihnen widerfahren können: Wind und Strömung drücken gegen das Land, aber das Schiff ist manövrierunfähig. "Da hängst du kopfüber im Motorraum und versuchst, den Kühlwasserkreislauf zu reparieren, auch wenn du das noch nie in deinem Leben gemacht hast."

Im Vordergrund steht das Segeln unter extremen Bedingungen, doch Werne geht es auch um die Tradition der Seefahrt, die er lebendig halten will, und den Corpsgeist. Mit seinen Törns will er den bekannten und unbekannten Helden der Meere die Ehre erweisen. "Es gibt ja keine Denkmäler auf See", sagt er. Deshalb hat er schon an verschiedenen Stellen Kränze zu Wasser gelassen, in Erinnerung an tapfere Männer in gefährlichen Missionen.

"Auf See hilft man sich gegenseitig", sagt Werne. Er sieht sich selbst auch als Friedensmissionar. Denn selbst nach erbittertsten Schlachten, etwa im Zweiten Weltkrieg, hätten die Gegner sich oft gegenseitig gerettet. Daran will er erinnern. Weil sie in der Antarktis nichts hinterlassen dürfen, keine Blumen, keine fremden Stoffe, werden sie einen Kranz aus Eis niederlegen. "Wenn wir es bis dorthin schaffen, werden wir eine würdige Zeremonie zu Ehren der Seefahrer von 17 verschiedenen Nationen abhalten." Sie werden die Flaggen hissen und sie nach der Rückkehr an die jeweiligen Regierungsbeamten zurückbringen.

Dafür hat der Münchner, von Beruf Prokurist und Marketingdirektor einer Münchner Traditionsbank, Begleitschreiben von Regierungsvertretern gesammelt. Fürst Albert von Monaco, der sich sehr um Umweltthemen kümmert, unterstützt die Aktion zusammen mit dem Yachtclub von Monaco. Auch der spanische König und weitere Würdenträger sind dabei.

Umweltschutz und Gedenken

Wichtig ist Werne aber auch der Umweltgedanke. "Wenn du da draußen bist, in der Weite des Ozeans, und diese unendliche Schönheit siehst, dann fragst du dich: Wie kann der Mensch das nur zerstören?"

Werne hat deshalb auch die Vereinten Nationen als Partner gewonnen, indem er für deren Clean-Seas-Programm wirbt. Die unbewohnte Antarktis, erst vor 200 Jahren entdeckt, steht unter besonderem internationalen Schutz. 1959, mitten im Kalten Krieg, haben zwölf Nationen den Antarktisvertrag ausgehandelt. Er legt fest, dass das Gebiet südlich des 60. Breitengrades ausschließlich friedlicher Nutzung vorbehalten bleibt. Und er beinhaltet strengste Umweltvorschriften. Zwar gibt es heute nicht nur zahlreiche Forschungsstationen, sondern auch einen wachsenden Besucherverkehr in die Antarktis. Aber noch hält die internationale Vereinbarung. "Das ist ein einmaliges und wunderbares Vertragswerk", sagt Werne.

Der Münchner und seine Mitstreiter werden unterwegs Plankton sammeln und es Wissenschaftlern zur Verfügung stellen. Sie werden Wale beobachten und all ihre Beobachtungen dokumentieren. Sie werden auf Pressekonferenzen und in ihren Schreiben an die Regierungen auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam machen. Denn sogar der Plastikmüll verbreitet sich inzwischen bis zur Antarktis, Vögel und Meerestiere ersticken daran.

Als Kind sah Werne im Fernsehen die Berichte des Franzosen Jacques Cousteau, "und von da an, erzählte meine Mutter, wollte ich ,Tiefseetaucherforscher' werden." Aufgewachsen im Südwesten Deutschlands, kurz vor der Schweizer Grenze, ging er nach dem Abitur für zwei Jahre zur Marine. Der Dienst auf der Gorch Fock hat ihn fürs Leben geprägt. Doch ganz in der Marine bleiben, das schien ihm nicht attraktiv. "Ich habe dort tolle Leute kennengelernt", sagt er, "aber auch welche, die an dem starren System gescheitert sind." Er studierte Wirtschaft und arbeitete bei internationalen Großbanken in London und Frankfurt, bevor er nach München kam. Aber die Seefahrt ließ ihn nicht mehr los.

1999 gründete er mit einem Freund das Global Offshore Sailing Team. Beruflich erfolgreich und international vernetzt, fand er bald Gleichgesinnte mit dem nötigen Kleingeld und der ebenso großen Begeisterung für extremes Segeln. 2011 und 2016 fuhren sie in die Arktis bis an die Packeis-Grenze.

Das Eis ist unberechenbar

Was die Gewalt der Natur in solchen Gefilden bedeutet, erlebten sie dabei hautnah. "Da kamen uns nach einigen Tagen, die wir uns im Nebel vorantasteten, plötzlich wie aus dem Nichts Eisberge entgegen", erzählt er. Sie suchten Schutz in einem Fjord, legten ihr Schiff hinter einen Schwimmsteg in einem kleinen Hafen. Doch das Eis kam hinterher, es drängte mit gewaltiger Kraft in den Fjord. "Wir hielten rund um die Uhr Wache und schoben das Eis mit Stangen vom Schiff weg." Es forderte trotzdem seinen Zoll. Krachend riss es den Propeller des Motors aus dem Rumpf, Wasser brach ein, sie mussten stundenlang schöpfen.

Eisbergen werden sie auch diesmal wieder begegnen. Sie hoffen auf gebührenden Abstand. Die Santa Maria Australis ist ein komfortables Schiff, ihr Rumpf ist aus mehreren separaten Kammern gebaut, zum Schutz vor Wassereinbruch. Sie ist mit modernster Technik wie Radar, Satellitennavigation und -kommunikation ausgestattet, man kann ihre Fahrt im Internet verfolgen. Sie hat zwei starke Dieselmotoren an Bord, einen Stromgenerator, mehrere Batterie-Systeme, einen Wasseraufbereiter, der aus Meerwasser Trinkwasser macht, und beheizte Kabinen. Dennoch: Eine Fahrt zur Antarktis ist kein Zuckerschlecken. Eisberge sind unberechenbar.

Erich von Drygalski, der Münchner Geograf, leitete 1902 die erste deutsche Südpolar-Expedition. Sein Schiff, die Gauß, wurde am 1. März vom Eis eingeschlossen und fast ein Jahr lang 50 Meilen vor der Küste festgehalten. Dank ihres gerundeten Rumpfs wurde sie nicht zerdrückt, sondern nur angehoben. Die Männer hatten genug Vorräte und nutzten das Jahr für ihre Forschungen. So viel Zeit haben Werne und seine Freunde nicht. Aber auch für sie gilt, sagt er: "Du kannst nicht gegen die See fahren, sie ist immer stärker."

© SZ vom 07.02.2018/vewo
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