Schrebergärten "Kleingärten sind mittlerweile total wichtig für die Artenvielfalt"

Sollinger dreht sich nach rechts und zeigt an die Hauswand. Dort hängt ein Insektenhotel mit Schlupflöchern in verschiedenen Größen. Die meisten sind mit Erdreich verschlossen, daran sieht man, dass sie bewohnt sind. "Kleingärten sind mittlerweile total wichtig für die Artenvielfalt", sagt er. Insektenhotels gibt es einige in NW6, dazu Bienenvölker im Norden, fast jede Anlage hat Vogelhäuschen. Sollinger zeigt auf einen Sperber, der vor dem Nachbarhäuschen Beute angreift. "Der fliegt hier mit bis zu 150Kilometer pro Stunde im Parcour durch die Parzellen."

Sollinger besitzt ein Handy, es liegt immer im Gartenhäuschen, wenn er in der Parzelle ist. Er sagt: "Vor einiger Zeit hatte ich ein Erlebnis, das zeigt, wie sich alles verändert hat." Der Nachbar rechts nebenan, der hatte immer mit wiederum seinem rechten Nachbar gesprochen, man erzählte, quatschte, lud sich ein. "Dann wurde es mit der Zeit immer stiller." Das Ehepaar saß im Garten, die Köpfe über ihre Smartphones gebeugt, stummes Tippen. "Irgendwann hörte ich den Satz von ihm zu seinem rechten Nachbarn: Hey, warum antwortest du mir nicht? Ich habe dir doch gerade eine Whatsapp geschrieben." Der Nachbar war keine vier Meter von ihm entfernt.

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Selbstverständlich gibt es kein Wlan in den Parzellen. Heizungen sind auch verboten, ein Klo gibt es neben der Gaststätte, Wasser aus dem Brunnen nur für den Garten. Man soll dort ja nicht wohnen, sondern man soll dort leben.

Was ihm der Garten bedeutet, merkte Sollinger, als er zwei Jahre lang nicht da war. 2010 wurde NW6 fast ganz abgetragen, nur ein paar Bäume und die Häuschen, alle mit 24 Quadratmeter Fläche, blieben stehen. Der Untergrund war zu stark belastet, erst im Frühjahr 2012 durften die Gartler wieder rein, sie begannen alle bei Null, bei brauner Erde. Und 2017 gewannen sie den Bayerischen Landeswettbewerb, 2018 Silber beim Bundeswettbewerb. Auch deshalb, weil es eben nicht mehr nur um schöne Gärten geht. Sondern um Umweltbewusstsein, um Integration; eine Parzelle ist zum Beispiel für Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen reserviert. Die dürfen sich bei der Gartenarbeit austoben.

In Sollingers Garten stehen noch jede Menge verblühte Pflanzen. Früher wäre das ein Unding gewesen, heute lassen die Gartler aber eben vieles stehen, damit zum Beispiel Vögel im Winter noch immer Nahrung finden. "Am besten kann man den Wandel vom schönen zum nützlichen Garten vielleicht beim Unkraut sehen", sagt Sollinger und nimmt seine Kappe ab, auf der ein kleiner Falter Platz genommen hat, und legt sie auf den Tisch vor sich. "Früher war Unkraut der Feind des Kleingärtners, heute gibt es kein Unkraut mehr. Jede Pflanze hat ihre Berechtigung." Sollinger spricht auch nicht mehr von Schädlingen, wenn er Insekten aufzählt. Sein kleiner Teich, da geht es nicht um Schönheit, sondern um die Bewohner. Wenn Wasserschnecken drin sind, ist das Wasser sauber, außerdem beobachtet er Libellenlarven beim Wachsen, "zuletzt sind sechs geschlüpft", Vögel trinken bei ihm.

In seinem Häuschen hat Sollinger noch ein paar Dutzend Birnen vom Baum gelagert, er wirft täglich welche in den Garten, die am nächsten Tag weg sind. Fütterung. Sollinger klingt wie ein Biologe. Er macht einen seiner drei Nistkästen im Winter zu und erst im April wieder auf, "weil sonst die Meisen, die früher Nester bauen, einen Heimvorteil hätten vor den Rotschwänzen, die später kommen und dann oft nichts mehr finden".

Links das Hochbeet mit dem Endiviensalat, daneben das Möhren-Beet, dann Blumen, der Baum. Alles hier ist aus Holz, auch das Häuschen, "nur die Regentonnen dürfen aus Plastik sein". Sollingers Reich, 300 Euro kostet es pro Jahr, und jede Menge Arbeit, "das Zeug wächst ja, das macht keine Pause". Immer Arbeit, und warum? Da wird der schmale Mann ruhig, denkt nach. Es ist bei ihm mit einer Erklärung wie mit einem guten Garten, beides braucht seine Zeit.

"Gartenarbeit entschleunigt", sagt er. Die Jungen heute, die hätten ja für nichts mehr Zeit, seien "total verplant". Früher habe man den Gemeinschaftstag kurz vorher angekündigt, mittlerweile müsse er das Wochen vorher machen. Der Zauber des Gartens - "wenn ich Probleme habe, dann sind die nach 15 Minuten Gartenarbeit weg". Man ist allein, sei gefordert, es sei ruhig. "Es ist eine positive Monotonie." Pflanzen, gießen, ernten, richten, zupfen. "Wer hier einen Garten hat, der wird auch oft sehr alt", sagt Sollinger.

So richtig kann Franz Sollinger das alles nicht erklären. Benennen. Aber wenn er einfach durch sein viereckiges Reich mit 260 Quadratmetern, einem Baum, Gemüse, Teich, Insekten, Vögeln und anderem Getier geht und bei jedem Halm erzählt, welches Viech jetzt warum dort brütet oder frisst und wen vertreibt, dann ist er schon gleich wieder so in seiner Welt, dass ihm nichts mehr auffällt drum herum, auch nicht sein leichtes Lächeln.

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