Süddeutsche Zeitung

Schrebergärten:Vom Klischee der Kleingeister zur hippen Heimat

Franz Sollinger hat seit 1981 einen Kleingarten. Einst als Spießer-Oase verschrien, sind Schrebergärten inzwischen zum Sehnsuchtsort aufgestiegen. Zu Besuch in einer besonderen Welt.

Dieser goldene Gartenzwerg war ein ziemlich guter Witz. Franz Sollinger, ein schlanker Mann mit kurzen grauen Haaren, herrlich weichem Bairisch und einigen Wetterspuren im Gesicht, stellt die kleine glitzernde Figur vor sich auf den Tisch vor dem Gartenhaus auf seiner Parzelle. Nummer 97, am Rand, 260 Quadratmeter, ein Baum, ein Teich, Gemüse, ein Weg bis zur kleinen Gartenlaube. Ein Garten von insgesamt 116 in NW6, Nord-West 6, direkt am Luitpoldpark. Eine Idylle im Sommer, gerade eingeschneit und abgegrast, dafür sieht man weit, rüber zu den anderen "Gartlern", wie ihr Vorsitzender Sollinger die Kollegen nennt. Sie alle haben Gold gewonnen, im vergangenen Jahr, beim Landeswettbewerb, und nun beim Bundeswettbewerb Silber hinterher. Und was machen die Gartler? Schenken Sollinger einen Gartenzwerg, das Symbol für das Kleingärtner-Klischee.

Kleingärtner, Kleingeister. Sollinger sitzt am Gartentisch und lächelt. Ja, diesen Ruf hatten die Menschen, die kleine Parzellen anmieten, sie bewirtschaften und verschönern. Aber das ist lange vorbei. Ein Kleingarten hat heute nicht mehr viel gemein mit einem von damals, als Sollinger seinen Grund bekam, 1981. Damals, da hätte der frühere Personalbeamte bei der Post sicher keine verblühten Pflanzen stehen lassen, damit die Vögel im Winter noch was zum Fressen finden. Damals, als Kleingärten keinen guten Ruf hatten, als Spießer-Oase verschrien waren.

Heute muss Sollinger die Warteliste schließen, weil alle ein Stück haben wollen, weil sich alle entschleunigen wollen, weil es modern ist, Gartler zu sein. Und weil man dem Nachwuchs beibringen kann, "dass die Gelbe Ruam nicht aus dem Supermarkt kommt, sondern aus dem Boden". 60 bis 70 Stück hat Sollinger bei sich an der Südseite, neben den Wassertonnen und dem Kompost, vor dem Teich und neben dem kleinen geschwungenen Weg zum Gartenhaus. "Meine Tochter kommt oft vor der Arbeit vorbei, packt sich drei ein und fährt weiter." Der 62-Jährige nimmt den goldenen Zwerg in die Hand, sieht sich um, schaut auf die beiden anderen Gartenzwerge im Gras und sagt: "Ich mag keine Gartenzwerge."

Der Wandel der Stadt und ihrer Bewohner, man kann ihn vielleicht kaum an einer anderen Stelle so gut sehen wie hier, in NW6. Gold und Silber gab es übrigens nicht für den schönsten Garten, das wäre ja so 1982. Preise gab es für soziale Projekte. Für den querschnittgelähmten Gartler zum Beispiel, den sie vor zehn Jahren aufgenommen haben. "Dessen Eltern und sein Pfleger kümmern sich um die Arbeit." Und wenn der Mann in seinem Rollstuhl in der Wirtschaft sitzt, "wissen alle Bescheid und setzen ihm sein Bier an die Lippen, wenn er trinken mag".

Das Miteinander, das ist schon einmal das eine, wenn man herausfinden möchte, was der Reiz daran ist, ein kleines Stück Erde zu bearbeiten. Denn eines ist auch klar. "Das ist viel Arbeit, mindestens eine Stunde pro Tag ." Im Frühjahr oder Herbst eher zwei. Jeden Tag. Werkeln. Auf den Knien. Man kann sich fragen, warum ein Mann wie Sollinger sagt: "Das ist ein Paradies." Dieses Parzellen-Paradies, es ist eine Welt mit ganz eigenen, sehr strengen Gesetzen.

NW6 ist eine von 81 Kleingartenanlagen in München, die sich ähnlich verändert hat in den Jahrzehnten wie viele andere auch: von häufigen Streitigkeiten hin zu einem harmonischen Miteinander, zumindest sagt das Sollinger. Eine erste Besonderheit am Luitpoldpark: die Unterteilung in Nord- und Südstaatler. Ein öffentlicher Weg unterteilt die Anlage in zwei Bereiche. Sollinger ist Südstaatler, die Wirtschaft und die Parzelle mit den Bienenvölkern steht im Norden. Früher waren die Parteien verfeindet.

Wenn Sollinger von seinem Garten spricht, geht es nicht darum, wie sich seine Parzelle von anderen unterscheidet und abhebt, sondern welche wichtige Rolle alle diese Gärten zusammen für die Stadt haben. "Sie sind im Unterschied zu früher heute mehr für die Tiere da, weniger für den Menschen."

Früher ging es um Macht, heute um Erholung

Als der Mann vor 30 Jahren zusammen mit seiner Frau nach München kam, da hatte er längst den Wunsch, einen eigenen Garten zu haben. Aufgewachsen in einer Gastronomie-Familie, in einem kleinen Ort bei Kelheim, bekam er ein Angebot von der Post. "Ich wollte aber nicht nach München." Er ging doch, 1974, im Jahr 1981 heiratete Sollinger, bewarb sich um eine Parzelle, musste sieben Jahre warten. "Einen Garten hat man ja auf Lebzeit, der wird nur durch den Tod frei, oder durch eine Kündigung." Gekündigt wird allerdings fast nie, da muss man sich schon ordentlich daneben benehmen. Neulich kam es ausnahmsweise einmal vor. Sollinger wird später am Garten des Gartlers vorbeigehen, dann sieht man den Grund. Die Parzelle ist beinahe überwuchert. Der Mieter hatte einfach nichts gemacht. Vor Gericht gewann der Kleingartenverein.

"Man kann die Parzelle auch nicht vererben." Eigentlich. Sollingers jüngere Tochter allerdings ist nun schon seit einigen Jahren Fördermitglied. Sie würde die Parzelle ihres Vaters gerne übernehmen, irgendwann einmal. Es gibt da schon auch Möglichkeiten. Aber wenn ein Gartler stirbt, kann nicht der Sohn aus Hamburg anrufen und sagen, dass er das jetzt haben möchte. Dafür ist die Warteliste zu lang. Derzeit sind es 30 Familien, die angemeldet sind. Zwischen einer und vier Parzellen werden pro Jahr frei. Deshalb: "Wir haben die Liste geschlossen."

Als Sollinger 1988 seine Parzelle zugeteilt bekam, eine am Südrand, lernte er zügig die Gartler-Gesetze. Zum einen: Auf einem Drittel der Fläche muss angebaut werden. "Ein Grund für uns, einen Garten haben zu wollen, war auch die Situation damals, dass Gemüse oft derart gespritzt war. Das wollten wir nicht essen." Lieber selbst anbauen. Allerdings mit Muskelkraft. Sollinger zeigt vom Gartentisch rüber zum Hochbeet neben den Möhren, in dem Salate wachsen. Eine weitere Regel besagt, dass Strom nur zu bestimmten Zeiten und nur zur Gartenarbeit genutzt werden darf. "Wenn einer sein Handy am Gemeinschaftsstrom auflädt, gibt es sofort eine Abmahnung."

Sollinger sagt: "Wir sind damals sehr herzlich aufgenommen worden von den Nachbarn." Das ist ja eine Sache: einen kleinen Garten bewirtschaften, im Sommer in der Sonne vor dem Gartenhaus sitzen. Die andere: Permanent Nachbarn ein paar Meter weiter, ohne Zaun getrennt. Keine Zäune, das ist auch eine Besonderheit in NW 6.

Die Nachbarn. "Früher ging es oft um Macht, darum, sich nichts sagen zu lassen." Auch um Neid, um die schönsten Blumen, das gepflegteste Beet, die größte Tomate. Heute geht es um Ruhe und Erholung, da will keiner mehr streiten.

Sollinger kam damals, er war 32, "in eine alte Gesellschaft". Unter den Gartlern waren viele Trambahnfahrer und Handwerker. Heute gibt es Banker im Garten, Leute aus der Forschung bei BMW, die Grafik-Designerin hat die Broschüre gestaltet. "Viele haben digitale Berufe", sagt Sollinger, "vielleicht haben die ganz besonders das Bedürfnis, ins Freie zu kommen". Und die Nationalitäten? "Quer Beet." Sollinger lächelt.

Die Familie lernte, als sie den Garten übernahm, was man darf und was nicht. Anbauen darf man, was man mag, "nur keinen Bambus", weil der unterirdisch zur Seite 15 Meter lange Wurzeln bildet, "die dann woanders hochkommen". Sie pflanzten, an den Rändern und am Eingang; um den Baum in der Mitte windet sich der kleine Weg zum Häuschen durchs Gras. Mit einer kleinen Solaranlage, 1,6 Quadratmeter sind auf dem Dach erlaubt, kann man einen Teekocher mit Strom versorgen. Sollinger baute seine Hütte im Laufe der Zeit innen aus, damit die Schafkopfrunde, die seit 28 Jahren spielt, sich auch immer wohl fühlt.

"Kleingärten sind mittlerweile total wichtig für die Artenvielfalt"

Sollinger dreht sich nach rechts und zeigt an die Hauswand. Dort hängt ein Insektenhotel mit Schlupflöchern in verschiedenen Größen. Die meisten sind mit Erdreich verschlossen, daran sieht man, dass sie bewohnt sind. "Kleingärten sind mittlerweile total wichtig für die Artenvielfalt", sagt er. Insektenhotels gibt es einige in NW6, dazu Bienenvölker im Norden, fast jede Anlage hat Vogelhäuschen. Sollinger zeigt auf einen Sperber, der vor dem Nachbarhäuschen Beute angreift. "Der fliegt hier mit bis zu 150Kilometer pro Stunde im Parcour durch die Parzellen."

Sollinger besitzt ein Handy, es liegt immer im Gartenhäuschen, wenn er in der Parzelle ist. Er sagt: "Vor einiger Zeit hatte ich ein Erlebnis, das zeigt, wie sich alles verändert hat." Der Nachbar rechts nebenan, der hatte immer mit wiederum seinem rechten Nachbar gesprochen, man erzählte, quatschte, lud sich ein. "Dann wurde es mit der Zeit immer stiller." Das Ehepaar saß im Garten, die Köpfe über ihre Smartphones gebeugt, stummes Tippen. "Irgendwann hörte ich den Satz von ihm zu seinem rechten Nachbarn: Hey, warum antwortest du mir nicht? Ich habe dir doch gerade eine Whatsapp geschrieben." Der Nachbar war keine vier Meter von ihm entfernt.

Selbstverständlich gibt es kein Wlan in den Parzellen. Heizungen sind auch verboten, ein Klo gibt es neben der Gaststätte, Wasser aus dem Brunnen nur für den Garten. Man soll dort ja nicht wohnen, sondern man soll dort leben.

Was ihm der Garten bedeutet, merkte Sollinger, als er zwei Jahre lang nicht da war. 2010 wurde NW6 fast ganz abgetragen, nur ein paar Bäume und die Häuschen, alle mit 24 Quadratmeter Fläche, blieben stehen. Der Untergrund war zu stark belastet, erst im Frühjahr 2012 durften die Gartler wieder rein, sie begannen alle bei Null, bei brauner Erde. Und 2017 gewannen sie den Bayerischen Landeswettbewerb, 2018 Silber beim Bundeswettbewerb. Auch deshalb, weil es eben nicht mehr nur um schöne Gärten geht. Sondern um Umweltbewusstsein, um Integration; eine Parzelle ist zum Beispiel für Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen reserviert. Die dürfen sich bei der Gartenarbeit austoben.

In Sollingers Garten stehen noch jede Menge verblühte Pflanzen. Früher wäre das ein Unding gewesen, heute lassen die Gartler aber eben vieles stehen, damit zum Beispiel Vögel im Winter noch immer Nahrung finden. "Am besten kann man den Wandel vom schönen zum nützlichen Garten vielleicht beim Unkraut sehen", sagt Sollinger und nimmt seine Kappe ab, auf der ein kleiner Falter Platz genommen hat, und legt sie auf den Tisch vor sich. "Früher war Unkraut der Feind des Kleingärtners, heute gibt es kein Unkraut mehr. Jede Pflanze hat ihre Berechtigung." Sollinger spricht auch nicht mehr von Schädlingen, wenn er Insekten aufzählt. Sein kleiner Teich, da geht es nicht um Schönheit, sondern um die Bewohner. Wenn Wasserschnecken drin sind, ist das Wasser sauber, außerdem beobachtet er Libellenlarven beim Wachsen, "zuletzt sind sechs geschlüpft", Vögel trinken bei ihm.

In seinem Häuschen hat Sollinger noch ein paar Dutzend Birnen vom Baum gelagert, er wirft täglich welche in den Garten, die am nächsten Tag weg sind. Fütterung. Sollinger klingt wie ein Biologe. Er macht einen seiner drei Nistkästen im Winter zu und erst im April wieder auf, "weil sonst die Meisen, die früher Nester bauen, einen Heimvorteil hätten vor den Rotschwänzen, die später kommen und dann oft nichts mehr finden".

Links das Hochbeet mit dem Endiviensalat, daneben das Möhren-Beet, dann Blumen, der Baum. Alles hier ist aus Holz, auch das Häuschen, "nur die Regentonnen dürfen aus Plastik sein". Sollingers Reich, 300 Euro kostet es pro Jahr, und jede Menge Arbeit, "das Zeug wächst ja, das macht keine Pause". Immer Arbeit, und warum? Da wird der schmale Mann ruhig, denkt nach. Es ist bei ihm mit einer Erklärung wie mit einem guten Garten, beides braucht seine Zeit.

"Gartenarbeit entschleunigt", sagt er. Die Jungen heute, die hätten ja für nichts mehr Zeit, seien "total verplant". Früher habe man den Gemeinschaftstag kurz vorher angekündigt, mittlerweile müsse er das Wochen vorher machen. Der Zauber des Gartens - "wenn ich Probleme habe, dann sind die nach 15 Minuten Gartenarbeit weg". Man ist allein, sei gefordert, es sei ruhig. "Es ist eine positive Monotonie." Pflanzen, gießen, ernten, richten, zupfen. "Wer hier einen Garten hat, der wird auch oft sehr alt", sagt Sollinger.

So richtig kann Franz Sollinger das alles nicht erklären. Benennen. Aber wenn er einfach durch sein viereckiges Reich mit 260 Quadratmetern, einem Baum, Gemüse, Teich, Insekten, Vögeln und anderem Getier geht und bei jedem Halm erzählt, welches Viech jetzt warum dort brütet oder frisst und wen vertreibt, dann ist er schon gleich wieder so in seiner Welt, dass ihm nichts mehr auffällt drum herum, auch nicht sein leichtes Lächeln.

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Quelle:
SZ vom 04.01.2019/baso
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