Neue Wohnformen Wer will schon wohnen wie alle

Werkstatt Demokratie Neue Wohnformen

Thilo Vogel lebt in einem Zelt auf dem Autodach und reist damit durch die Welt.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Von Wochenend-WGs auf dem Land und Minihäusern auf Rädern bis hin zu Zelten auf dem Autodach: SZ-Leser erzählen in der "Werkstatt Demokratie" von ihren ungewöhnlichen Wohnprojekten.

Von Hannah Beitzer

Die Mieten und Immobilienpreise in vielen Städten steigen, Wohnraum wird knapp, in anderen Landstrichen verfallen die Häuser: Händeringend sucht die Politik nach Lösungen für die Wohnmisere. Einige unserer Leser haben für sich schon jetzt individuelle Lösungen gefunden und ihre Wohnträume verwirklicht - von Tiny Houses bis hin zu neuen Genossenschaftsmodellen.

Dieser Text ist Teil des Projekts Werkstatt Demokratie. In einer Schwerpunktwoche widmen wir uns in Beiträgen und Diskussionen der Frage "Wie wird Wohnen wieder bezahlbar?". Alle Texte und Infos zum Projekt hier.

Wo die Kreativen wohnen: das Zentralwerk in Dresden

Am Anfang der Geschichte des Zentralwerks in Dresden stand eine Vertreibung. Bis 2012 arbeitete eine Gruppe Künstler im Kulturverein friedrichstadtZentral in einer alten Buchbinderei in der Dresdner Friedrichstadt. Doch dann wurde das Gelände verkauft, die Künstler mussten raus. Und machten sich auf die Suche nach einem neuen Schaffensort. Sie fanden die ehemalige Druckerei "Völkerfreundschaft" in Dresden-Pieschen, die sie dank finanzieller Unterstützung der Stiftung TRIAS erwerben konnten. Der Stiftung gehört seitdem das Gelände, sie hat es per Erbbaurecht für 99 Jahre an die extra gegründete "Zentralwerk Kultur- und Wohngenossenschaft Dresden eG" verpachtet.

Die Genossen kümmern sich um die Instandsetzung der maroden Gebäude. Aktuell steht die Renovierung eines alten Ballsaals an. Neben Ateliers, Theaterbühnen und anderen Kulturstätten gibt es auf dem Gelände inzwischen auch 22 Wohneinheiten, in denen etwa 40 Genossenschaftsmitglieder leben. Ein Traum: raus aus der Immobilienblase, rein in ein kulturell ansprechendes Wohnumfeld. Dazu kümmert sich der Verein Zentralwerk e.V. um das kulturelle Leben auf dem Areal.

So sah das Gelände des Zentralwerks 2015 aus.

(Foto: LUBICH; Dresdner Zentralwerk)

Also Ende gut, alles gut? Für das Zentralwerk schon, sagt Sprecher André Hennig. "Aber allgemein wird es natürlich immer schwerer, überhaupt solche Flächen wie unser Areal zu finden." Immer wieder würden in Dresden Künstler aus ihren Domizilen vertrieben. "Uns ist es mit viel Engagement, aber auch mit viel Glück gelungen, uns dem Markt zu entziehen", sagt er. "Wir haben auch viel Unterstützung aus der lokalen Politik bekommen." Doch Glück haben nicht alle - und die Möglichkeiten der Politik sind begrenzt. "Viele Flächen gehören inzwischen privaten Investoren", sagt Hennig. In der alten Buchbinderei übrigens, in der die Geschichte des "Zentralwerks" ihren Anfang nahm, sind jetzt teure Loftwohnungen.

"Tiny DaHome" für Zwei plus Hund

Mein Haus, mein Garten, mein Auto: Dieser Dreiklang des Erwachsenwerdens ist für viele junge Menschen heute nur noch eine Erzählung aus längst vergangener Zeit. Zum Beispiel für Felicia Rief und Jonas Bischofberger. Sie ist Studentin, lebt in München, er arbeitet in Basel als Grundschullehrer, Skilehrer und Fotograf. Basel und München, beides nicht gerade die günstigsten Städte der Welt. "Trotzdem wollten wir einen gemeinsamen Ort haben, ein gemeinsames Projekt", sagt Rief. Wo aber sollte dieser Ort sein? Und wie sollten sie ihn sich leisten?

Felicia Rief und Jonas Bischofberger in ihrem Tiny DaHome.

(Foto: Jonas Bischofberger)

Dann hatten sie die Idee: ein Tiny House auf Rädern, das sie und ihren Hund Nera auf ihren Reisen begleitet - und das sie bei jedem Umzug einfach mitnehmen könnten. Nach und nach soll das ihr gemeinsames Zuhause werden und die teuren Stadtwohnungen ablösen. Als ersten Schritt verkauften sie eine Menge ihrer Sachen, die sie in ihrem winzigen Zuhause nicht mehr unterbringen können, auf dem Flohmarkt. Seit dem Frühjahr dokumentieren sie auf ihrem Blog die Entstehung ihres "Tiny DaHome", das sie auf der Wiese von Verwandten in der Nähe von Garmisch mit ihren eigenen Händen bauen. Es ist gerade einmal 2,55 Meter breit, 7,20 Meter lang und vier Meter hoch. Für Strom und Warmwasser sorgt eine Solaranlage auf dem Dach, auch mit der Trockentoilette und dem Wasserfilter wollen die beiden ihren ökologischen Fußabdruck minimieren.

Einen Haken hat die Sache allerdings: Rechtlich ist es bisher schwierig, voll und ganz in so ein Tiny House zu ziehen und es nicht nur als Wochenendhäuschen zu nutzen. In Deutschland darf schließlich nicht jeder einfach irgendwo sein Häuschen hinrollen, wo er will. Um die Tiny Houses entwickelt sich gerade allerdings eine richtige Bewegung. Erst kürzlich fand in Berlin ein "Tiny House Festival" statt. Felicia Rief findet das logisch. "Bei den Wohnungspreisen heutzutage muss man sich überlegen: Will ich arbeiten bis zum Umfallen, um mir eine Wohnung leisten zu können? Oder komme ich auch mit weniger klar?" Sie ist aber zuversichtlich, dass das Tiny DaHome irgendwann ihr Erstwohnsitz werden kann. Denn immerhin habe die Politik erkannt, dass es mit dem Wohnungsmarkt nicht so weitergehen kann wie bisher.